19.11.2010

Terrorism Risk Index

Wie u.a. DIE ZEIT oder 20 MINUTEN ONLINE meldeten, hat die britische Beratungsfirma Maplecroft ihren „Terrorismus-Risiko-Index“ veröffentlicht (leider nicht für jeden). An erster Stelle steht Somalia, die Schweiz erfahrungsgemäß weit hinten (Platz 114 von 196), derweil Griechenland von Rang 57 auf 24 abrutschte: 180 Anschläge gab es im letzten Jahr. Zusammen mit Spanien (Rang 27) ist es das einzige europäische Land mit „hohem Risiko“.

Deutschland rangiert auf Platz 70.

Berechnet wird der Index auf Basis der Anschlagsanzahl sowie der möglichen und tatsächlichen Todesopfer; auch andere Daten aus den Vorjahren werden berücksichtigt.


Natürlich drängen sich jetzt so einige Fragen auf:

1. Frage:
Ist Deutschland immer noch auf Platz 70, mit seiner erhöhten Sicherheitsstufe und den Warnungen vor Anschlägen? – Sind wir nun Platz 71 weil es gefährlicher geworden ist, oder Platz 69 weil die Polizei nun besser aufpasst und wir natürlich auch, allesamt?

Hier zeigen sich die Grenzen der Statistik und die dem menschlichen Empfindungsdenken unfreundlich gesinnte Logik der Wahrscheinlichkeit. Denn da der Maplecrofts Index sich auf das stützt, was geschehen ist, misst er eben nur das – und eben keine Wahrscheinlichkeit; die wird erst daraus abgeleitet.

Zudem fällt natürlich sofort Nassim Nicholas Taleb „Schwarzer Schwan“ ein [1], eine große statistisch nicht vorhergesehene Überraschung, die enorme Auswirkungen hat – und hinterher eigentlich, ja, ganz einfach zu erklären ist.

Wirtschaftskrisen sind so ein „Schwarzer Schwan“. Ein anderer – und hier sind wir wieder beim Terror-Index –: Der 11. September 2001.

Das Risiko, dass die 9/11-Anschläge stattfanden war am 10. September statistisch betrachtet nachgerade: „null“. Ehe sie einen Tag später auf 100 % schnellten (kein Ereignis kann wahrscheinlicher sein als in dem Moment, in dem es eintritt).

Natürlich ist es in Somalia (Rang 1), in dem Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind, gefährlicher als in der Schweiz. Um das zu wissen, braucht es keinen Index. Allerdings geht es genau darum: Um Wissen, um Informationen. Das ist in Sachen Terrorismus ein besonders heikler – oder spannender – Punkt. Denn aufgrund von Wissen handeln wir und können somit BESTIMMTE Risiken beeinflussen. Das funktioniert nicht immer: Ob Sie nun wissen oder nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, mit Ihrem Auto einen üblen Unfall zu haben, schiebt nicht den Baum beiseite, auf den Sie morgen vielleicht prallen. Aber vielleicht macht es sie vorsichtiger. Und ebenso können Sie davon ausgehen, im sonnigen Somalia kein Opfer eines Privatkriegs zwischen Warlords zu werden, wenn sie da nicht hinfahren. Allerdings ändert das wiederum nichts an dem Risiko an sich. „Die Chance“. „Dass“. „Jemand“. „Wenn“. „Dann“.

Doch natürlich lässt sich auch auf Basis von Informationen nicht nur die Risikoeinschätzung verbessern, sondern auch im Falle von Terrorismus das Risiko verkleinern. Man kann vielleicht nicht die persönliche Krebsanfälligkeit oder andere genetische Dispositionen ändern, aber Terroristen und solche, die es werden wollen, beobachten – und sie entsprechend davon abhalten, Bomben zu bauen oder zu zünden. Wir können Polizisten vor Bahnhöfe stellen und deren Bild in die Zeitung, auf dass sich der eine oder andere Dschihadist sagt: Och, nee, ist mir gerade zu heiß hier. Gehe ich lieber in die Schweiz.

In diesem Sinne können am besten diejenigen das Terrorismusrisiko einschätzen, die selbst gerade dabei sind, in dieser Hinsicht tätig zu werden. Natürlich können auch sie nur schätzen – denn sie haben keine Ahnung, ob ihnen die CIA oder das BKA schon auf den Fersen ist und ob das Wasserstoff-Peroxid sich nicht in Äppelwoi verwandelt wurde (als hätte der Ungläubigen ihr Issa die Hände im Spiel).

Sobald jedoch al-Qaida einen „Terrorism-Risk-Index“ statistisch gesichert herausgibt, werden Sie hier darüber informiert. Ganz sicher.


2. Frage:
In welchen zweiundachtzig Ländern ist es sicherer als in der Schweiz?!


(zyw)


[1]: Trotz einigem – freilich unterhaltsamen – Geschwätz darin jedem ans Herz gelegt: Taleb, Nassim Nicholas (2007): The Black Swan. The Impact oft he High Improbable. (Penguin). Auch auf Deutsch erschienen als: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse (DTV)

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