07.04.2010

Die Aldo-Moro-Entführung im Film (1)

IL CASO MORO (1986)

Einführung

Terrorismusfilme sind nicht auf ein Genre begrenzt. Sie können ebenso intime Dramen sein wie laute Actionreißer oder engagierte Politthriller. Wie groß die Bandbreite sein kann, davon geben vier Filme eine Ahnung, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven und zu verschiedenen „Zwecken“ – der Unterhaltung, der Kunst – einem Fall widmen, der zudem ein ganz realer war und ist: der Entführung und Ermordung des ehemaligen Premierministers und Vorsitzenden der italienischen Christdemokraten Aldo Moro im Jahr 1978 durch die linksrevolutionären Roten Brigaden.



Noch bis heute ist – wie überhaupt hinsichtlich des Terrorismus der Roten Brigaden – vieles noch unaufgeklärt oder undurchsichtig: die Verstrickung der nationalen und internationalen Geheimdienste und der Polizei, Politklüngeleien und Geheimverbünde auf höchster Ebene, verschwundene Beweise, Morde. Die Ausgangslage, die Moro für manchen zur Zielscheibe machte, ist jedoch recht eindeutig. Moro als Führer der Democrazia Christiana, der ehemaligen katholischen Volkspartei, war Nato-Kritiker und verfocht den „Historischen Kompromiss“, ein Bündnis mit der Kommunistischen Partei Italiens – was vielen in dieser Zeit des Kalten Krieges ein Dorn im Auge war und den linken wie rechten Ränder im Land weiter radikalisierten. Italien war ein Frontstaat, in dem sich nach dem zweiten Weltkrieg Alt- und Neufaschisten und etablierte Kommunisten, West und Ost ohne deutsch-deutsche Grenze und Berliner Mauer gegenüberstanden und die Furcht verbreiteten, das Land mal in die eine, mal in die andere Richtung kippen zu lassen.

Am 16. März wurde Moro auf dem Weg zu einer Sitzung in der Via Fani aus seinem Auto heraus entführt. Fünf Männer seines Begleitschutzes wurden dabei erschossen. Wie im Jahr zuvor in Deutschland im Falle Hanns-Martin Schleyers fanden schwarzweiße Bilder von Moro in seinem Volksgefängnis den Weg in die Öffentlichkeit, z.B. auf der Titelseite des Il Messagero, 17. März 1978: La foto di Moro nel carcere della brigate rosse. Ein Mann im Hemd, den Kragen offen, der Gesichtsausdruck erschöpft-fatalistischem oder aber fast lässig wirkend mit beinahe ironisch hochgezogenem Mundwinkel und dem etwas schräg gelegten Kopf. Hinter ihm eine Behelfsflagge, eckige Buchstaben darauf – BRIGATE ROSSE –, der fünfzackige eingekreiste Stern zwischen den Worten.

Die Brigadisten fordern die Freilassung von inhaftierten Genossen – fast die ganze Führungsriege, die erste Generation saß damals im Gefängnis. Moro schreibt Briefe in seiner Gefangenschaft, geht auch hart mit seinen Parteikollegen, darunter der schattenhafte Grandseigneur der italienischen Regierungspolitik Giulio Andreotti, ins Gericht. Doch während sich der Papst einschaltet, an die Menschlichkeit der Entführer appelliert und sich als Geisel anbietet, bleibt Andreotti hart. Es gibt kein Verhandeln, nur Großeinsätze der Sicherheitskräfte. Nach 55 Tagen wird Moro schließlich erschossen: Mit acht Kugeln „hingerichtet“ findet man ihm im Kofferraum eines roten Renaults in der römischen Via Michelangelo Caetani.

Il CASO MORO
Acht Jahre nach der Moro-Entführung drehte Giuseppe Ferrara IL CASO MORO nach dem investigativen Report Days of Wrath von Robert Katz. Ferrara hatte zuvor schon mit CENTO GIORNI A PALERMO (1984) einen nahezu klassischen Politthriller hingelegt – und dies war auch IL CASO MORO. Wobei „klassisch“ bedeutet, dass der Film wie Arbeiten Konstantin Costa-Gavras (z.B. ÉTAT DE SIEGE von 1972) oder aber Francesco Rosis LE MANI SULLA CITÀ (1963) nicht im eigentlichen, im hitchcock’schen Sinne „Thriller“ sind, insofern sie u.a. keiner Suspense-Dramaturgie folgen, sondern vielmehr den direkten Blick freigeben auf Hintergründe und Machenschaften, auf das Taktieren und Konspirieren. Entlarven und Aufklären steht bei ihnen im Vordergrund. Entsprechend gedreht ist auch IL CASO MORO: sachlich, nicht uneffektiv, jedoch unverkünstelt und auf den Punkt.



Moro wird gespielt von Gian Maria Volonté, ein bekanntes Gesicht des Genres. So spielte er 1971 den Bartolomeo Vanzetti in Giuliano Montaldos SACCO E VANZETTI über die beiden zu Märtyrern der Bewegung gewordenen Anarchisten in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts, er gab den Lucky Luciano in Francesco Rosis gleichnamigen Film von 1973 und hatte auch in Gillo Pontecorvos OPERACIÓN OGRO (1979) eine Rolle als ETA-Terrorist.

Die Besetzung Moros mit Volontés in IL CASO MORO hat einen unheimlichen Zug. Nicht nur, dass ihn eine frappante Ähnlichkeit mit dem realen Moro auszeichnete, er selbst hatte bereits in TODO MODO von Elio Petri einen dünn verschleicherten Moro („M.“) gespielt. 1976 war das, zwei Jahre vor der Entführung und Ermordung des Christdemokraten.

Der Blick des Schauspielers, vor allem auf der nachinszenierten „Aufnahme der Aufnahme“, dem berühmten Foto und der Reinszenierung ihrer Entstehung, ist allerdings stechender, eindringlicher, wie müde und resigniert Volontés Moro auch immer ist. Diese Wachheit macht ihn zur besonderen – und neben seiner Frau einzig – tragischen Figur in Ferraras Film, der eine Rekonstruktion der Ereignisse verteilt über alle Schauplätze liefert.

Zu Beginn sehen wir Moro im Kreis seiner Familie, wie er sich verabschiedet, von seinem Enkel, seiner Tochter, seiner Frau. Derweil bereiten die Terroristen, u.a. als Piloten und Flugpersonal verkleidet, den Überfall auf die Wagenkolonne vor. Nach dem blutigen Kidnapping wechselt der Film hin und her, zeigt den Krisenstab bei seinen Spekulationen und dem Planen und Ausführen von Straßenkontrollen und Hausdurchsuchungen. Er zeigt die Politiker um Andreotti wie sie ihr Vorgehen, ein Nichtstun oder aber Hartbleiben abklären – was von der Familie Moros zunächst nicht geglaubt und schließlich verzweifelt verdammt wird.

Auf der anderen Seite: die Terroristen, wie sie planen und organisieren, die Entdeckung fürchten; eine Brigadistin, die ein Kommuniqué für einen Pressemann auf einem Fotoautomaten versteckt, Moros Briefe und Fotos, das politische „Verhör“ und Diskutieren mit dem Gefangenen in seiner kleinen klaustrophobischen Kammer. Jeder ist in diesem Film in Zugzwang: Die Terroristen, die immer mehr Gefahr laufen, von den Carabinieri, aber auch politisch eingekesselt zu werden. Die gegen Moros Willen einen Brief von ihm öffentlich machen.

Oder Moro, der immer mehr Briefe verfasst weil ihm auch sonst nichts zu tun übrigbleibt, der in seinen Schreiben appelliert, immer dringlicher und selbst in aller Ruhe immer verzweifelter wird und dabei sachlich mit den – ebenfalls nicht als blindwütig oder unbedacht gezeigten – BR-Entführern überlegt, was man noch tun könne. Auch die Terroristen debattieren und grübeln, wie sie bestmöglich aus der Sache rauskommen. Ein zähes Warten überall, derweil jeder auf allen Seiten fühlt, wie ihm die Zeit davonrennt.



Ferrara zeigt den Fall Moro als ein distanziertes Drama, eines, bei dem keiner gewinnen kann, bei dem auch keiner der Bösewicht ist. Vielleicht hat die Politik nicht alles getan, um Moro lebend wiederzubekommen – aber ist das nicht allzu leicht gesagt aus der Weisheit des Rückblicks? Und kann man das nicht immer behaupten, solange Terroristen nicht im vollen Umfang bedingungslos nachgegeben wird? Auch das Tun der Terroristen bleibt so schlüssig wie sinnlos. Ferrara jedenfalls enthält sich wohltuend einer Stellungnahme und überlässt sie den Parteien im Film (bzw. dem Zuschauer). Was er zeigt, war Mitte der 1980er vielleicht noch nicht vorbei, aber Geschichte.

In IL CASO MORO sind entsprechend das dramatische Gewicht und die Aufmerksamkeit verteilt, es ist ein Blick von oben. Lediglich Moro, passiv, eingekerkert, ist der tragische Mittelpunkt, der freilich aus der Not und Bedrängnis heraus zur Größe findet. Moro, der ruhig und überlegt seinen katholischen Glauben praktiziert – der bittet, alleingelassen zu werden oder einer von seinen Entführern auf Kassette aufgenommene Messe lauscht – und der bis ganz zuletzt noch einer stillen Hoffnung anhängt, die angesichts des Leidens der Familie, dem professionellen Kümmern der Sicherheitskräfte und ihrer Minister und dem angespannten Warten und Planen der Brigadisten als ein menschliches In-sich-Ruhen, als eine sonderliche Klarheit in all dem auch emotionalen Aktionismus, berührt.

Als schließlich der nervöse Anführer der Aktion Moro aus seinem Gefängnis holt weil man ihn nun freilassen werde und Moro mitspielt, dann ist das ein intensives zweiseitiges Wechselspiel aus Lüge und Selbsttäuschung, das sowohl sich wie auch den anderen schonen soll.

Wenn IL CASO MORO Stellung bezieht gegen das Machtkalkül der Regierenden, dann indem er Moro als Figur entpolitisiert und entpolitisieren muss. Vielleicht der merkwürdigste Zug des Politthrillers.

IL CASO MORO heißt der Film, der „Fall“ Aldo Moro also, was ihm und seinem Ansatz weit angemessener ist als der nach Verstrickung klingende deutsche Titel: DIE AFFÄRE ALDO MORO. Vieles wird noch zu erzählen sein zu diesem Fall: über üble Machenschaften und kaltes, eigentlich unmenschliches Kalkül, über rechten Antikommunismus und Terrorismusinstrumentalisierung, über die Loge P2 und die CIA. Bei Ferrara findet sich all das nicht – und muss es auch nicht.

(In Teil 2: John Frankenheimers YEAR OF THE GUN / VERLIEBT IN DIE GEFAHR (1991))

Bernd Zywietz

30.03.2010

Terrorismus-Masala: Die aktuelle Terrorlage (und -stimmung) in Indien



Vorbemerkung

Vom 13. bis zum 25. März hatte ich das Glück und die Freude, an der Filmstudienreise der Johannes Gutenberg-Universität Mainz teilzunehmen. Geleitet wurde sie von Frau PD Dr. Susanne Marschall und Dr. Rada Bieberstein von der Mainzer Journalistik sowie von Dr. Ajit Singh Sikand, Dozent in Mainz (Indologie) und Frankfurt a. M.

An zwölf Tagen besuchten wir 6 Städte: Mumbai (das ehemalige Bombay), Pune, Kolkata (ehem. Kalkutta), Delhi, Agra und Jaipur. Dabei waren wir u.a. zu Gast beim Film and Television Institute of India (FTII), der Foundation for Liberal And Management Education (FLAME), dem Satyajit Ray Film & Television Institute und dem indischen Filmarchiv.

Neben dem film- und medienspezifischen Schwerpunkt habe ich natürlich stets die Augen hinsichtlich meines Themas offengehalten: das des Terrorismus, und hier natürlich dem in Indien.

Das Ergebnis ist zum einen eine große Menge günstig erstandener und hierzulande schwer oder praktisch nicht erhältlicher Fachliteratur zu meinem Forschungsgebiet, die mein Gepäckkontingent arg strapazierte. Diese neuesten „Schätze“ umfassen u.a. Bücher zur Rolle der indischen Polizei bei politischer Gewalt, den Konflikten im Südosten des Landes, zu den Ermittlung der Hintergründe des Rajiv-Gandhi-Attentats, eine Analyse des Versagens der indischen Armee bei der Guerillabekämpfung in Sri Lanka Anfang der 1980er, ein Reader mit poetischen und politischen Texten zu und von Freiheitskämpfern und Terroristen, zwei Bücher über die Bombay-Terrorangriff im November 2008, aber auch Bücher zur Zensur im indischen Kino, der Repräsentanz der Muslime in den Medien und der psychologisch-biographischen Betrachtung sektiererischer Gewalt.

Außerdem habe ich weitere Filme auf DVD zu Terrorismus und den entsprechenden Konflikten eingekauft, wenn auch nicht so viele, wie erhofft (und nicht jene, die ursprünglich gesucht).

Zum anderen ist mir natürlich auf der Reise gerade bei den touristischen Besuchen einiges zur Lage des Landes hinsichtlich eines terroristischen Alltags aufgefallen, z.B. angesichts der mal scharfen, mal rein demonstrativen Kontrolle an Hoteleingängen und Kinos (in Delhi durfte unsere Gruppe wegen Rucksäcken erst nach Verhandlungen ins Kino – und hätte so den fast den neuen, innovativen (Anti-)Bollywood-Film LOVE SEX AUR DOKHA, dessen Massenstart überrascht, verpasst).

Auch ein Blick in die Presse jener Tage zeichnet das Bild eines komplexen Terrorismuskontextes in Indien. Hierzu ein kurzer Beitrag:


Terrorismus-Masala

Im internationalen Kampf gegen Taliban und Dschihadismus steht Pakistan als Brückenkopf wie als Schlachtfeld im Fokus. Weniger Beachtung schenkt man dagegen dessen großen verfeindeten Nachbarn Indien. Ein Blick in die Presse zeigt jedoch, wie die Hindunation mit verschiedenen „alltäglichen“ Auswüchsen und Überbleibseln des Terrorismus zu kämpfen hat.

Die Nation „salutierte“ am Gedenktag ihren Märtyrern. Keine islamistischen Gotteskrieger wurden gefeiert, sondern weltliche Unabhängigkeitsaktivisten, deren Ehrung sich das indische Informations- und Rundfunkministerium eine Drittelseite in der Hindustan Times kosten ließ. Umgeben von feurigem Orange blicken Shaheed Bhagat Singh und zwei seiner Gefolgsleute den Leser an. Fesche ernste junge Männer, Singh mit dem Bleistiftbart und Hut, mit dem ihn fast jeder in Indien kennt. Alle drei sind am 23. März 1931 von den Briten hingerichtet worden, und mehrere Bücher und ein duzend Bollywood-Filme (z.B. THE LEGEND OF BHAGAT SINGH oder, indirekt, der Superhit RANG DE BASANTI von 2006) huldigen dem jungen Sikh, sozialistischen Revolutionär und Unabhängigkeitskämpfer, die gegen das britische Raj agitierte, einen Polizisten erschoss und eine Bombe ins indische Parlament warf. Penibel wird darauf geachtet, dass der Volksheld und Gegenfigur zum friedliebenden Gandhi, kein „Terrorist“ war – die Bombe in der Gesetzgebungsversammlung sollte keinen Opfer fordern, sondern, so Singh und der offizielle Tenor heute, einzig „Taube hörend machen“ und „ein Warnsignal setzen“.



Die traditionelle Huldigung des Märtyrers ist bezeichnend für das ambivalente Verhältnis Indiens zur politischen Gewalt und symbolischer Ausgangspunkt für die unterschiedlichen terroristischen Konflikte die von außen an der Patchwork-Nation zerren und im Inneren nagen. Einige davon hat der Staat in seiner siebzigjährigen Geschichte überstanden: der Sikh-Separatismus der 1980er, dem Indiens „Eiserne Lady“ Indira Gandhi zum Opfer fiel oder der Guerillakrieg der Tamilen auf Sri Lanka, der Gandhis Sohn und Nachfolger Rajiv 1991 durch ein Selbstmordattentat das Leben kostete.

Ein Blick in die aktuelle Presse des Riesenreiches, das sich neben China anschickt, die Welt zu erobern, zeigt jedoch wie, welche inter- und innernationale Terrorismuskonflikte aktuell den „war on terrorism“ in Indien zu einer vereinfachten Phrase werden lassen. Die ungemütliche Stellung des Landes spiegelt sich in dabei in zwei Themen wider, die von Mumbai bis Kolkata Schlagzeilen machen: der vermutete Atom-Deal der USA mit Pakistan und der Fall Headley.

„Wir verstehen nicht, wie Amerika Pakistan unterstützen und gleichzeitig akzeptieren kann, dass sie Terroristen ausbilden und zu uns schicken“, erklärt Sanjay, ein Wirtschaftsstudent im Alter Bhagat Singhs mit Blick auf die Spekulationen um die Nuklearpartnerschaft. Tatsächlich beobachtet ganz Indien seit Jahren mit Bauchgrimmen den Aufstieg Pakistans zum Partner der USA im Einsatz gegen Taliban und al-Qaida, wo doch gerade der traditionell verfeindete Nachbar, mit dem um Kaschmir gerungen wird, nach erfolglosen Kriegen auf die Unterstützung und Förderung von Zermürbungsterrorismus setzt, dem Einsickern von trainierten „Freiheitskämpfern“ im Nordwesten – oder dem erschütternden Terror-Amoklauf von Mumbai im November 2008 durch die Lashkar-e-Toiba („Armee der Reinen“), dem „26/11“, der in der Metropole immer noch zu spüren ist. Teile des Taj Hotel schräg gegenüber des Gateway of India sind nach dem Geiseldrama immer noch gesperrt, im Chhatrapati Shivaji Terminus, dem ehemaligen Victoria Bahnhof, stehen rustikale Metaldetektoren in den Eingängen, daneben sitzen gelangweilte Polizisten an Tischen und ein Soldat mit Schutzweste wacht hinter Sandsäcken. Den Strom der Pendler wie Rajit und die vielen Touristen zu kontrollieren, die hier die Location der Schlussszene von "Slumdog Millionaire" besichtigen wollen, ist unmöglich.



Die Präsenz der Sicherheitskräfte bleibt hier wie anderswo weitgehend symbolisch. Anschläge wie jener im Februar auf die German Bakery in Pune oder die Festnahme zweier vermeintlicher Anschlagsplaner in Mumbai, deren Adresse, Familienverhältnisse und Einkünfte ("zweihundert Rupien pro Tag") die Presse detailliert referierte, sorgen für Aufsehen, verhindern lassen sie sich aber letztlich kaum. Terrorgefahr ist und bleibt in Indien Alltag.

Es ist vor allem die weltpolitische Hybris, die Indien momentan zusammenschweißt, die Sorge, im globalen Feldzug gegen den Terrorismus zum Kollateralschaden zu werden. Wie Trotz klingen die Meldungen über die Rüstungsgeschäfte mit Russland in Milliardenhöhe, die Indien neue MIG-Jets, Flugzeugträger und zwölf zivile Kernreaktoren beschert. Andererseits sorgt gerade ein Staatsfeind für Hoffnung: David Headley alias Daood Sayed Gilani, US-Amerikaner pakistanischer Herkunft, wurde vom FBI festgenommen und hat sich zu seiner Rolle bei der Mumbaier „26/11“-Attacke schuldig bekannt. Headley ist ein politischer Glücksfall, weil er in den USA vor Gericht kommt und dadurch den Vorwürfen Indiens, die benachbarte Muslimnation würde den Terror gegen die Hindunation unterstützen, international besonderes Gewicht verleiht. Zugleich sorgt das diplomatische Taktieren in Indien für Unmut. Mal sollen indischen Ermittlern Zugang zu Headley gewährt werden, mal zeigen sich die USA reserviert: Die diplomatischen Formalien seien noch nicht geklärt. Was die Vereinigten Staaten zu verbergen hätten, fragte Vir Sanghvi in der Hindustan Times und überlegt, was wohl wäre, wenn Indien amerikanischen Behörden die Befragung von Verschwörern des 11. Septembers vorenthalten würde.

Neben dem internationalen radikalislamistischen Terrorismus geht es in Indien jedoch täglich auch um eine vom Ausland kaum notierte Auseinandersetzung, die Innenminister Palaniappan Chidambaram in India Today als noch schwerwiegender als die Dschihad-Gefahr bezeichnet: die sozialrevolutionäre Guerilla der maoistischen Naxaliten. Nicht in den großen Metropolen oder traditionell-dramatisch im umkämpften Kaschmir, sondern in den ländlichen Gebieten betreiben sie einen paramilitärischen Kampf entlang der Westflanke Indiens über mehrere Bundesstaaten hinweg. Deren Sicherheitskräfte wollen zusammen und mit Unterstützung Delhis in der Operation „Green Hunt“ in die Offensive gehen.

Ob tatsächlich in zwei bis drei Jahren die Bewegung ausgemerzt sein wird, wie Chidambaram verspricht, darf jedoch bezweifelt werden. Anders als die radikalislamistische Bedrohung von außen sind die Naxaliten nicht nur als Dschungelkämpfer, sondern auch als Feinde generell schwerer zu fassen, weil sie politischer agieren, öffentliche Präsenz zeigen und legitimiertere Motive anführen können. Benannt nach dem Dorf Naxalbari in Westbengalen aufgrund des dortigen Bauernaufstands von 1967 entstammen die Linksextremisten der Spaltung der indischen kommunistischen Partei und können sich auf die ärmlichen Verhältnisse und die Ausbeutung berufen. Nicht umsonst hat gerade die streitbare Schriftstellerin und Globalisierungskritikerin Arundhati Roy im Nachrichtenmagazin Outlook eine 32-seitige Reportage über die „Genossen“ mit der Kalaschnikow veröffentlicht, deren Kameraden in Jharkand am vorvergangenen Donnerstag einen Zug entgleisen ließen. Ein Toter und fast dreißig Verletzte waren die Folge. Für weitere Unruhe sorgt die Ankündigung, in Zukunft mit Rebellen im Nordosten gegen Delhi zu kooperieren und erste Anzeichen dafür, dass der bewaffnete Kampf immer mehr in die Städte getragen werden soll.

Die Maoisten stellen nicht nur für die Polizei und Militär eine Herausforderung dar, sondern auch für das Selbstverständnis des wildwuchernde Wachstums Indiens, das hellerleuchtete Designerläden in Elendsviertel baut und IT-Spezialisten in Massen ausbildet, derweil 35 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind und nur zwei Drittel der Kinder in ländlichen Regionen die Schule besuchen. An die eigene sozialistische Vergangenheit der Nehru-Ära lässt sich dieses Indien ungern erinnern. Und auch der Staatsmärtyrer Bhagat Singh wird lieber als nationaler Widerstandskämpfer und republikanischer Aktivist verehrt denn als der Marxist und Antiimperialist, der er war.

Bernd Zywietz

11.03.2010

DIE INNERE SICHERHEIT als DVD-Neuerscheinung


In der DVD-Edition "Momente des Deutschen Films" haben die ALIVE AG und die Frankfurter Allgemeine Zeitung als ersten Film Christian Petzolds DIE INNERE SICHERHEIT (D 2000) herausgegeben.

Der Film handelt von der jugendliche Jeanne (Julia Hummer), die in bedrückten Verhältnissen aufwächst: Ihre Eltern sind flüchtige ehemalige deutsche Links-Terroristen, die ein Doppelleben in ständiger Furcht vor Entdeckung führen und dabei die Freiheit und Entwicklung der Tochter behindern. In Petzolds typischer unterkühlter und reduzierter Stoik ist der Film ein (in sehr weitem Sinne) formal und besonders auf der Bedeutungsebene spannendes "Remake" und zugleich Umkehrung von Sidney Lumets RUNNING ON EMPTY / FLUCHT INS UNGEWISSE (USA 1988), in dem die Familie anders als in die INNERE SICHERHEIT ein Hort der Wärme und Gemeinschaft ist und das Loslösen daraus einen gänzlich anderen Stellenwert erhält.

Eine Besprechung der DVD-Neuauflage von DIE INNERE SICHERHEIT wie Angaben zum Bonus-Material gibt es HIER auf unserer Partnerseite Screenshot.



Zum Thema Terrorismus, Familie und Vergangenheitsbewältigung finden Sie auf dieser Seite auch HIER einen Text.

Die Neuauflage der DVD DIE INNERE SICHERHEIT können Sie HIER in unserem Online-Shop einfach und bequem bestellen.


zyw