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09.11.2016
MEINUNG: Zum Propagandismus von "Anne Will" - und wo die wahren Herausforderungen liegen
Hier auch meine zwei Pfennig Meinung zur „Anne Will“-Sendung am vergangenen Sonntag ("Mein Leben für Allah - Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?"). Radikalismus war das Thema, und viele Medienstimmen (ich spare mir hier die Verlinkung) haben sich ereifert zu der Sendung. Sogar Strafanzeige wurde albernerweise gestellt (soviel Referenz muss sein).
Hauptkritikpunkt war der Auftritt der vollverschleierten Nora Illi, den man an allen Ecken und Enden berechtigt kritisieren und auch auseinandernehmen konnte. U.a. dahingehend, dass die Frauenbeauftragte des „Islamischer Zentralrat Schweiz“ (IZRS) über die Situation in Deutschland so sprach, als sei sie die der Schweiz, was angesichts etwa des Minarett-Verbots verfehlt ist.
Die Kritik an Anne Will und ihrem Team und ihrer Sendung, die auf den Auftritt von Frau Illi folgte, ist nun insofern unhaltbar, als die kritische Intention klar zu erkennen war, auch wenn sie nicht voll und würdig umgesetzt werden konnte.
Zum einen ist es legitim, auch extremere Positionen in einer Talkshow zu Wort kommen zu lassen. Zumindest, wenn man die Medienarbeit nicht als die eines Spiegels betrachtet, der die Wirklichkeit verkleinert abbildet, sondern die einer Arena, die eröffnet wird, um die konträre Meinungen in Debatten aufeinandertreffen zu lassen – so wie es etwa auch im Bundestag der Fall sein sollte.
Wenn denn auch Politiker Wolfgang Bosbach, der gefühlt zum Inventar von derlei Shows im Öffentlich-Rechtlichen gehört, und Ahmad Mansour, den ich persönlich in seiner Arbeit und seiner Haltung sehr schätze, hier gegen Frau Illi klar Stellung bezogen, ist dies in der Demonstrativität zu begrüßen.
Einerseits.
Andererseits schien – zumindest meines Empfindens nach – gerade Herrn Mansour vom Ton her fast (situativ betrachtet) unverhältnismäßig aggressiv, weil Frau Illi, bei allem argumentativ-hanebüchenen Nonsens, den sie ins Feld führte („Frauen im Islam dürfen das selbstverdiente Geld behalten“ oder die paradoxe Wendung von der „normativen Option“ des Niqab) aufreizend ruhig, zumindest wortlos gegenüber den Anwürfen blieb (wenigstens in zentralen Passagen).
Dass ist nämlich das Problem im Fernsehen: die "Lautstärke" des Inhalts ist nicht aufzurechnen mit der der Stimmlage. Mann muss sich nur die mediale Professionalität und "Souveränität" einer Frauke Petry anschauen, um das zu verstehen und die Problematik dahinter zu erkennen.
Das TV-mediale Bild, das sich bei "Anne Will" als Reaktion auf die verschleiert Frau Illi jedenfalls ergab, ist folglich das von zwei Männern (Mansour, Bosbach), die sichtlich emotional engagiert, im „westlichen“ Anzug (Status- und Gender-Zeichen) und in der Körperhaltung angespannt, vorgebeugt und in den verschiedenen Richtungen der Adressierung der verhüllten Muslima permanent und – man muss es sagen: mit (begründeten, sicher auch ungewollten, gleichwohl:) aggressivem Gestus – das Wort abschnitten. Gegenüber allen guten Argumenten hat dies eine eigene Evidenz und emotionale und moralische Valenz.
Die viel beschworene Rolle der Verführerin, der Verharmloserin des Gewaltextremismus wurde so medienwirksam passiv konterkariert durch die des weiblichen Opfers maskuliner (Sprach-)Gewalt.
Dass Frau Illi vollverhüllt war, um „sich gegen die Männer zu schützen“, wurde in dieser Konstellation und auf dieser Ebene tatsächlich eher noch legitimiert als bloßgestellt. Zumal ihre Mimik unsichtbar blieb. Mansours Worte, die zurecht das u.a. sexistische Gedankengut hinter der Niqab oder Burka lautstark „erregt“ anprangerten, fielen im selben Moment unterschwellig auf ihn zurück und bewirkten mithin das Gegenteil. Zumindest hatte Frau Illi all diejenigen auf ihrer Seite, die sich in vehementen Streitigkeiten auch lieber hinter einen Stoffpanzer zurückziehen würden.
So betrachtet ist der „Einsatz“ von weiblichen „islamistischen“ Sprecherinnen in der (massenmedialen) Öffentlichkeit als Win-Win-Situation für die entsprechenden Ideologen: Haben sie Erfolg, tragen sie dazu bei, ein anti-emanzipatorisches, sexistisches Framing zu etablieren. Versagen sie, können sie als Märtyrer-Opfer aggressiver Diskursöffentlichkeit (und „westlicher“ Männlichkeit) einerseits stilisiert werden, andererseits einen binnenorientierten Beweis für ihre fundamentalistische Zirkel insofern zu liefern, als dass Frauen ohnehin nichts in der öffentlichen Debatte zu suchen haben (weil zu schwach) und damit still daheim besser wirken mögen.
Ein anderer ungerechtfertigt angeprangerter Punkt ist das Textzitat, das von der Website des IZRS bzw. von Frau Illi stammte. Auch hier ging und geht die Aufregung leider leicht ins Schiefe. Es war zum einen nicht der letzte Satz, der der Empörung wert war – der Hinweis auf eine doch auch „taffe“ Bewährungsprobe –, sondern mehr der ebenfalls zitierte Hinweis, dass der Griff zur Waffe in dem Kontext religiös betrachtet legitim sei.
Zum anderen waren auch in der Hinsicht Bosbachs und Mansours unmittelbare Attacken in ihrer Empörung kontraproduktiv. Anne Will und ihre Redaktion (und das zeigten schon die wenigen Worte, die der Moderatorin als Ansatz übrig blieben, ehe sie von ihren männlichen Gästen akustisch "untergebuttert" wurde) präsentierten diese Textzeilen wie Frau Illi insgesamt für den Zweck, sie nach den Regeln einer TV-Show „auseinander zunehmen“. Und dies, man kann es nicht deutlich genug sagen, ist durchaus legitim. In Paragraph 86 des Strafgesetzbuches etwa ist die Rede davon, dass die (Weiter-)Verbreitung von Propagandamitteln verboten sei, außer (Abs. 3) es diene „der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken“. Genau an dieser hier erwähnten staatsbürgerlichen Aufklärung, der Berichterstattung, aber auch der Lehre war Frau Will merklich gelegen, ehe ihr Herr Mansour und Herr Bosbach, teils allzu bewegt, teils ein wenig inszenatorisch eitel, ins Wort fielen. Es ist ein wenig so, als sei in einem Schulbuch das Bild aus einem Nazi-Propagandafilm abgedruckt, und nun reiße man die erklärenden, kritischen Seiten heraus um sich hernach zu erregen, hier werde verfassungsfeindliche Propaganda einfach weiterverbreitet.
Wenn also die Talksendung „Anne Will“ am vergangenen Sonntag allzu propagandistisch ausfiel, dann zu einem nicht unerheblichen und (etwa für künftige Gegenmaßnahmen) berücksichtigenswerten Teil aus gut gemeinten Gründen, medieninhärenten Inszenierungs- und Wirkungsmechanismen und teils alternativen, teils assoziierten Konfliktlinien wie denen der Gender-Repräsentation und dazugehörigen Modellen.
zyw
16.10.2016
"Terror" der Mehrheit: TV-Event mit Volksabstimmung über Moraldilemma
Am Montag, dem 17.10.2016, läuft im Ersten das „multimediale und interaktive TV-Event“ Terror – Ihr Urteil. Zunächst ist die von Lars Kraume inszenierte TV-Filmadaption von Ferdinand von Schirachs Theaterstück Terror zu sehen, ehe im Anschluss Frank Plasberg in Hart aber fair eine Art Nachbereitung liefern wird. Denn das besondere an Terror ist – neben der bemerkenswerten Besetzung (Florian David Fitz, Burghart Klaußner, Martina Gedeck und Lars Eidinger) –, dass das Publikum nicht nur sich seine eigene Meinung machen soll, sondern diese den Ausgang des Films diktiert.
In Terror geht es nämlich um eines der moralischen Dilemmata, die der Terrorismus aufzwingen kann. Dieses wird verhandelt, im direkten juristischen Sinne: Im Gerichtssaal soll über den Kampfpiloten Koch (Fitz) geurteilt werden, der sich der Entscheidung der Vorgesetzten widersetzend eine von Terroristen entführte Passagiermaschine abgeschossen hat. Das Flugzeug sollte in ein vollbesetztes Fußballstadion gelenkt werden. Pilot Koch hat also eine Abwägung getroffen, den sicheren Tod von 164 Menschen verursacht, um den wahrscheinlichen von 70.000 zu verhindern.
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| F. David Fitz in Terror (Quelle: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung) |
Das ethisch-moralische Gedankenexperiment verweist natürlich auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Luftsicherheitsgesetz von 2006, das ein solches Gegenrechnen von Menschenleben und die damit die Relativierung der Menschenwürde untersagte.
Nach der kategorischen Bewertung des BVG nun also der Publikumsentscheid. Per Stimmkarte haben in den Theatern bereits Menschen über das Handeln des Piloten Koch abgestimmt, auch in Kinos, wo Kraumes Film vorab lief – so etwa in München, wo im Anschluss ähnlich wie bei Plasberg im TV hinterher hochkarätig podiumsdiskutiert wurde (u.a. mit Günther Beckstein und Julian Nida-Rümelin sowie Darsteller Fitz).
Nicht per Karte, sondern eben per TED oder Internet-Click ist nun Deutschland auf der Couch gefragt. Volker Herres, Programmdirekter des Ersten, freut sich schon vorab:
„Der Zuschauer entscheidet! Das ist das ganz Besondere an diesem Abend. Der Zuschauer entscheidet nicht nur über den Ausgang eines Fernsehfilms, sondern über das Schicksal eines Menschen: schuldig oder nicht schuldig. Der Film involviert ihn, spricht ihn an, macht ihn zur letzten richterlichen Instanz und nimmt ihn in die Verantwortung.“
Aber Terror bietet nicht nur einen problematischen Fall, der an Grundsätzen rührt (dem der deontologischen vs. der teleologischen – hier utilitaristischen – Ziel- oder Bemessungsgrundlage eines richtigen Handelns). Als Multimedia- und Interaktions-„Event“ ist Terror – Ihr Urteil selbst diskussionswürdig.
Sicher ist es von allerlei Interesse, wie die Zuschauer entscheiden, auch wenn das natürlich nicht wirklich das Schicksal eines (zumindest nicht realen) Menschen betrifft. Auf der Seite terror.theater werden die Ausgänge der Theatervorstellungen aufgelistet. In Deutschland kam es 429-mal zum Freispruch, bei 459 Aufführungen. Circa 60 % der Zuschauer votierten für „unschuldig.“ Auch in Ungarn, der Schweiz, Österreich oder Venezuela stimmten die meisten gegen eine Verurteilung, in Japan hingegen wurde in vier von vier Vorstellungen der Pilot schuldig gesprochen. Das besagt wenig bis nichts, die Fallzahlen sind zu klein, Kontexte der Aufführungen, die Zusammensetzung des Publikums müsste berücksichtigt werden. Aber es wäre schon interessant, zu überlegen und zu prüfen, ob und wie die Ergebnisse hier als kollektive kulturelle, politische oder historische Symptome interpretierbar sind.
Andererseits kann man wie Marie Schmidt in der ZEIT Bedenken haben, die auf die Zeichenhaftigkeit zumindest des Fernsehereignisses abstellen:
„Uns, dem Volksfernsehzuschauersouverän, wird die Entscheidung über den Ausgang einer Gerichtsverhandlung übertragen, in der es übrigens im Kern darum geht, ob die Verfassung der Bundesrepublik auf jeden Fall gilt. Unter dem Brennglas künstlerischer Erfindung und des Massenmediums Fernsehen wird ausprobiert, was populistische Parteien fordern: den ‚gesunden Menschenverstand‘ bestimmen zu lassen, wenn ‚elementare politische Weichenstellungen‘ vorzunehmen seien (so die AfD).“
Und:
„Ein Einzelner, wie der fiktive Major Koch, hat selbstverständlich die Freiheit (sogar die moralische Pflicht), über sein Verhältnis zu den Gesetzen nach Wissen und Gewissen zu entscheiden – auf die Gefahr hin, bestraft zu werden. Aber ein ‚Volk‘ als Kollektiv, das ständig mit etwas Vagem wie dem ‚gesunden Menschenverstand‘ (was soll das sein bei über 80 Millionen Bürgern?) Entscheidungen über ‚elementare‘ Normen fällt, schwebt in gefährlicher Ungewissheit ‚über‘ dem Gesetz. Das ist die fatale Wirkung solcher Volksabstimmungen, ob darin nun fiktiv oder realpolitisch entschieden wird. Zumal wenn nur zwei Möglichkeiten zur Verfügung stehen: schuldig oder unschuldig? Raus aus der EU oder bleiben? Dieses Hopp-oder-topp-Prinzip schwächt um eines dramatischen Effekts willen zentrale Werte, anders gesagt, Sicherheiten – mehr als es Terroristen vermögen.“
Schmidt kritisiert, dass die Möglichkeit,
das Strafmaß gering zu halten, oder andere Praxislösungen eines Ausgleichs den
Zuschauern nicht zur Verfügung stehen. Die rechtliche und moralische wird nicht nur zur bloßen Mehrheitsentscheidung, sondern auch zur binären.
Es ist nun nichts dagegen
einzuwenden, brisante Grundsatzfragen jedem Zuschauer auch und gerade im Gewand
des Dramas vorzulegen, ihn zu involvieren und zum Nachdenken anzuregen. Doch die
anonyme Abstimmung daheim vor dem Bildschirm ist etwas anderes ist als im
(Lichtspiel-)Theater, wo es zu direkten Diskussionen kommen kann (wie es Thomas Jordan in der SZ beschreibt).
Bei allem guten Ansinnen ist Terror als „Event“ doch auch, zwangsweise, ein bisschen Populismusübung
zum Spaß und – für manchen – auf Probe. Wieso nicht mehr echte direkte Demokratie auf diese Weise?
Was umso bedenklicher oder aber widersprüchlich ist, als es
a) es nicht umsonst unabhängige Instanzen und Institutionen wie Richter und
Gerichte gibt und b) wir in einer Zeit leben, in der hinter Begriffen
wie dem „Postfaktischen“ die berechtige oder ungerechte Sorge vor der dumpfen „Masse“ wieder aufscheint, der Brexit-Schock noch in den Europaknochen sitzt sowie Hass und Hetze in den einst so
demokratiefördernd geltenden Sozialen Netzwerken zum gravierenden Gesellschafts- und Rechtsthema geworden ist.
Ex-Innenminister Otto Schily selbst hat einen Beitrag im Spiegel (42/2016) anlässlich des Terror-Ereignisses verfasst, wobei
er vor allem nochmal das Luftsicherheitsgesetz und die grundrechtliche Problematik rekapituliert.
Dieser Umstand allein ist schon bemerkenswert, aber auch, wie Schily indirekt (zugleich
Schmidt nicht unähnlich) die Konstruktion des fiktionalen Falls als einem
solchen in Frage stellt:
„Das
Bundesverfassungsgericht hat in diesem Zusammenhang auch mit Recht darauf
hingewiesen, dass die staatlichen Institutionen bei der Entführung eines mit Passagieren
besetzten Flugzeugs mit einer Reihe von Unwägbarkeiten konfrontiert sind, die
allenfalls eine Entscheidung dieser schwerwiegenden Art auf Verdacht, nicht aber
auf Grundlage gesicherter Erkenntnisse ermöglichen. Zu erinnern ist auch an die
Geschehnisse im vierten entführten Flugzeug des 11. September, in dem
Passagiere versucht haben, die Terroristen zu überwältigen und an der Ausführung
ihres verbrecherischen Planes zu hindern.
Genau genommen haben
wir es also mit einem Scheinproblem zu tun, das die Gemüter aufgescheucht hat.“
Das ist freilich nur ein dürftiger Ausweg. Solchen
fundamentalen Widersprüchen und Spannungen der Fall-, aber eben auch der
Linienentscheidung, die ja schließlich nicht nur in Gesetze gegossen werden,
sondern auch dazu taugen, Handlungsmaximen im Kleinen mitzubestimmen, lassen
sich nicht einfach mit dem Verweis darauf, dass der geschilderte Fall lediglich
ein unrealistisches Gedankenkonstrukt sei, vom Tisch wischen. Tatsächlich hat und schafft jedes
konkrete Ereignis seine eigene Realität. Doch dass auch allzu konstruierte Gedankenspiele nicht ohne Belang sind, zeigt sich allein an den ticking-time-bomb-Szenarien, die im (Anti-)Terrorismusdiskurs
herhalten müssen, um zu klären (und oftmals: zu bejahen), ob (bzw. dass) man einen echten oder eben nur vermeintlichen Terroristen foltern darf, um die
Leben Unschuldiger zu retten.
Ein Film, der sich mit diesem Dilemma befasst, ist der HIER
wie in meinem Buch behandelte Unthinkable.
Ein Film, der weniger spannend wäre, wäre die Beurteilung des
Foltereinsatzes und der Ausgang des Films der Zuschauermehrheit überlassen. Einfach,
weil dann das Bauchgefühl siegreicher sein dürfte als die anstrengende, auch
unbequeme ethische Abwägung, auf die sich einzulassen freilich auch niemand gezwungen
werden kann. So mag Florian David Fitz‘ Soldat ja einen Freispruch verdienen, weil er (um es mit Schmidt zu sagen) so hübsch ist. So wenig echte Gedankenexperimente in ihrer Abstraktion so recht taugen für die Exemplifikation, so wenig tun es die überkonkreten Fiktionen eines Filmes, in denen allerdings immerhin sach- und fachfremde Faktoren wie Sympathien für Personen ebenso eine Rolle spielen wie im echten Leben.
Das führt aber zu einem weiteren Problem des
Interaktionskonzepts von Terror – Ihr Urteil:
Das Erste Programm wird den Film eben nur mit dem Ende ausstrahlen (ich wage die
Prognose: Freispruch), das sich aus der Zuschauerabstimmung ergibt. Wenn
Klaußner als Richter die Entscheidung verließt, werden also nur die
Entscheidungsgründe und -argumente verlesen, die ohnehin jenen der Majorität
entspricht. Wäre es nicht – ironisch gesagt: utilitaristisch bemessen – gewinnbringender, gerade
den Film gemäß der Minderheitsentscheidung schließen zu lassen, um eine
maximale gedanklichen Konfrontation zu befördern?
Vielleicht ist das aber auch gar nicht so sehr gewollt. Und
so aufregend und ergiebig das Szenario von Terror natürlich ist, ist es doch
auch ziemlich bequem. Sicher, die Wahl ist herrlich verzwickt und schrecklich
oder wenigstens gruselig obendrein.
Sie ist aber eben auch sehr weit weg, bei aller Aktualität der Terrorismusgefahr, die wiederum durch solche Szenarien allerdings mitbedingt wird. Schily in seinem Spiegel-Beitrag verweist auf verschiedene andere Situationen, in denen es immer wieder um Fragen des
Abwägens von Leben gegen Leben geht: bei Spendenorganen etwa oder bei
Schwangerschaftsabbrüchen. Erinnert sei auch an die Veranlassung der Folterandrohung
gegen den Entführer des Jacob von Metzlers durch den damaligen
stellvertretenden Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner.
Man stelle sich ein Voting-TV-Event zu einem dieser Themen vor.
Oder vielleicht gar eines zur Frage, ob in einem echten oder erdachten Ort Flüchtlinge
heute untergebracht werden sollen. Elyas M. Barek könnte einen Syrer spielen, von dem wir nicht wissen, ob er arm dran oder mit IS-Mordplänen im Kopf daherkommt. Opfer oder Täter? Reinlassen oder nicht? Ja oder nein – stimmen Sie ab, telefonisch oder
online (natürlich aber ohne Kommentierungsmöglichkeit, wegen Hetzgefahr)!
In diesen Dimensionen des Involvements und der
moralischen Konfrontation spielt das ARD-Event natürlich nicht. Multimedial und
vor allem interaktiv ist ja aber Terror – Ihre Entscheidung auch und wird von Frank Plasberg samt Gästen im Anschluss diskutiert.
zyw
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08.07.2016
12. Juli: "Phoenix"-Abend zu IS samt Todenhöffer-Doku
Am Dienstag, den 12. Juli, widmet der Sender Phoenix einen Abend dem Thema "Islamischer Staat". Ein besonderer Coup ist die 45-min. Doku von Jürgen Todenhöfer ""Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'", die nicht von ungeführ denselben Titel wie Todenhöfers nicht umunstrittener (siehe HIER und HIER) Erlebnissachbuch-Bestseller trägt.Todenhöfer, der zehn Tage den IS unter Aufsicht der Dschihadisten bereiste, hatte bereits mit seinen Bildern und Berichten aus dem Kalifat Anfang 2015 für Aufsehen erregt; RTL brachte eine erste Dokumentation mit Ausschnitten, die freilich mehr Todenhöfer selbst in den Mittelpunkt rückte.
Vor der Erstausstrahlung von "Inside IS" um 21.30 Uhr eröffnet Phoenix am Dienstag mit Volker Schwenks "Im Bannkreis der Gotteskrieger – Auf der Flucht vor dem 'Islamischen Staat'", ehe um 21.00 Uhr die Reportage "Generation Dschihad. Deutsche Jugendliche und der Terror" von Anna Feist und Kyo Mali Jung folgt.
Um 22.15 Uhr schließlich gibt es ein "phoenix-Runde"-Spezial, in dem neben Todenhöfer u.a. auch Claudia Dantschke (die HIER ausführlich auf DRadio nicht nur über ihre Deradikalisierungsarbeit, sondern auch über sich und ihren Werdegang ausführlich berichtet) und der Politologe und Publizist Andrew B. Denison zum Thema IS und seine vielfältigen Herausforderungen diskutieren.
Mehr Infos zum Phoenix-Themenabend "Inside IS" und den einzelnen Sendungen am 12. Juli gibt es HIER.
29.04.2016
F. von Schirachs Ethik-Drama "Terror" - demnächst als Fernsehfilm
| ARD/ RBB/ Julia Terjung - Quelle: Spiegel-Online |
Moralische Zwickmühle des Terrorismus: Darf ich ein (vermeintlich) von Selbstmordattentätern gekapertes Passagierflugzeug abschießen - und damit den Tod der Geiseln an Bord in Kauf nehmen, gar bewusst herbeiführen?
Mitte der 2000er Jahre, angesichts der Anschläge des 11. September 2001 wurden Recht und Richtigkeit, Unzulässigkeit und Sich-Verbieten in Deutschland grundsätzlich wie konkret (was die Änderung des Luftsicherheitsgesetzes betraf) diskutiert. 2006 verwarf das Bundesverfassungsgericht die entsprechende neue Vorschrift (der Bund habe hier nicht die Gesetzgebungskompetenz), ohne allerdings prinzipiell dagegen zu sein:
"Der Grundrechtseingriff wiegt allerdings schwer, weil der Vollzug der Einsatzmaßnahme nach § 14 Abs. 3 LuftSiG mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Tod der Flugzeuginsassen führt. Doch sind es diese in der hier angenommenen Fallkonstellation selbst, die als Täter die Notwendigkeit des staatlichen Eingreifens herbeigeführt haben und dieses Eingreifen jederzeit dadurch wieder abwenden können, dass sie von der Verwirklichung ihres verbrecherischen Plans Abstand nehmen. Diejenigen, die das Luftfahrzeug in ihrer Gewalt haben, sind es, die maßgeblich den Geschehensablauf an Bord, aber auch am Boden bestimmen. Zu ihrer Tötung kann es nur kommen, wenn sicher erkennbar ist, dass sie das von ihnen beherrschte Luftfahrzeug zur Tötung von Menschen einsetzen werden, und wenn sie an diesem Vorhaben festhalten, obwohl ihnen die damit für sie selbst verbundene Lebensgefahr bewusst ist. Das mindert das Gewicht des gegen sie gerichteten Grundrechtseingriffs." (Abs. 150)
Und:
"Im Hinblick auf die außergewöhnliche Ausnahmesituation, von der § 14 Abs. 3 LuftSiG ausgeht, bleibt der Wesensgehalt des Grundrechts auf Leben im hier vorausgesetzten Fall durch den mit dieser Vorschrift verbundenen Grundrechtseingriff so lange unangetastet, wie gewichtige Schutzinteressen Dritter den Eingriff legitimieren und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt ist." (Abs. 154)
2013 entschied das Verfassungsgericht: Nur die Bundesregierung dürfe im Einzelfall einen solchen Abschuss beschließen (und nicht etwa nur der Verteidigungsminister), gleichwohl: "Die §§ 13 und 14 LuftSiG sind materiell verfassungsgemäß".
Was aber, wenn die Entscheidung in einem solchen Extrem- und Ausnahmefall nicht von den befugten und verantwortlichen Staatslenkern zu treffen ist - und entsprechend von einem Einzelnen wahlweise geschultert oder sich angeeignet wird?
Das moralische Dilemma eines solchen Gedankenspiels hat der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach (Schuld) zum Theater(lehr)stück Terror geformt, eine fiktionale Gerichtsverhandlung nach einer solchen Entscheidung. Ein Kampfpilot hat eigenmächtig einen solchen präventiven Abschuss vorgenommen, der Flieger sollte in eine Fußballstadion gelenkt werden. Nun ist er angeklagt, und über das Urteil in der Fiktion kann und soll (gar: muss) das Publikum abstimmen. Wie sich die Zuschauerinnen und Zuschauer je entscheiden, dokumentiert der Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH im Internet (als Buch ist Terror als "ein Theaterstück und eine Rede" bei Piper 2015 erschienen). Bis heute haben 59,4 % der Besucher vor der Bühne auf Freispruch plädiert.
Terror gemahnt an ähnlich ethisch provokante Gedanken- und fiktionale Fallbeispiele, in denen Terrorismus eben nicht nur als besondere sicherheitspolitische oder ideologische, sondern vor allem auch als ethisch-moralische Herausforderung deutlich wird. Zu nennen ist das klassische "ticking time-bomb"-Szenario und die Frage, wie weit man beim Verhör mit einem gefangenen Terroristen gehen darf, um Menschenleben zu schützen. Bis hin zur Folter? Ein Film, den ich dahingehend HIER schon wie in meinem Buch behandelt habe, ist UNTHINKABLE, ein ähnlich gelagerter Fall die Entführung des jungen Jakob von Metzler und die Folterandrohung des Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner gegen den (damals mutmaßlichen) Kidnapper samt anschließenden Prozess gegen den Beamten 2004.
Unter der Regie von Lars Kraume (Der Staat gegen Fritz Bauer) ist nun Terror als Fernsehfilm für das Erste (ARD) abgedreht worden. Burkhart Klaußner spielt den Richter, Florian David Fitz den angeklagten Piloten. Mit dabei auch Martina Gedeck und Lars Eidinger. Auch das Fernsehpublikum ist wie die Theaterbesucher gefordert: per Telefon und Soziale Medien wird abgestimmt. (Mehr dazu HIER.) Was ein interessantes Fernsehexperiment verspricht - eines freilich, das in Sachen Publikumseinbezug an ähnliche TV-Experimente im letzten Jahrhundert anschließt. Und eines, das in Zeiten von Facebook-Populismus und schein-enagiertem, wohlfeilem "Click-" und "Slacktivism" in Verbindung mit einem solchen Thema schon wieder ein mulmiges Gefühl erzeugen kann. Aber die Vorstellung, dass in absehbarer Zukunft per Hotline- und Twitter-Volksvotum über den Abschuss eines entführten Terroristen-Lufthansaflugs beschlossen wird, ist wohl allzu dystopisch.
Hoffentlich.
07.03.2016
Problematische (Schau-)Werte-Verteidigung
Anfang
Februar brachte das Erste in der Sendung titel
thesen temperamente einen Beitrag über das IS-Online-Magazin DABIQ. In
diversen Sprachen, darunter auch in Englisch, berichtet die PDF-Postille mit
Hochglanzanmutung aus dem Inneren des „Kalifats“ und der ihm zugrundeliegenden
Gedankenwelt. Mit Kriegs- und Märtyrerbildern wird vom Jihad erzählt, die
neuesten Treueschwüre der sich dem IS anschließenden Gruppierungen werden
vermeldet, dazu gibt es politische „Hintergrundartikel“ zur Weltlage, religiöse
Rechtfertigungen mit zweckdienlichen Koran-Verweisen und Botschaften geistiger
Führungspersonen. Doch auch die Propaganda-Videos von al-Hayat Media Center und
Co. werden hier beworben, als seien es neueste Kino-Blockbuster.
DABIQ, so Evelyn
Fischer in ihrer Anmoderation des ttt-Beitrags (noch hier bis zum 7. Februar2017 in der ARD-Mediathek verfügbar), sei eine „verstörende Lektüre“ und „von
Sicherheitsbehörden als äußerst gefährlich eingestuft“.
Entsprechend
interessant ist das Reportagestück nicht nur, weil Experte Asiem El Difraoui („Jihad.de“) anaylsierend zu Wort kommt oder Abdalaziz Alhamza und der aufklärerische Widerstand
der Gruppe „Raqqa is Being Slaughtered Silently“ vorgestellt wird, der mit dem
der „Weißen Rose“ in Nazi-Deutschland verglichen wird.
| Screenshot des ttt-Beitrags, Quelle: DasErste Mediathek |
Bemerkenswerter
noch ist, wie der TV-Beitrag die IS-Online-Propaganda und mithin das DABIQ-Magazin
selbst inszeniert. Als wäre die Statik der Publikation eine eigene
Provokation für das Medium Fernsehen werden Details mit Kameraschwenks
abgetastet, werden Inhalte ins Bild gescrollt, ergänzend
IS-Propagandavideoaufnahmen beigemengt. Besonders markant: Wie ein gefährliches
lauerndes Raubtier, das einen in seinem Bann schlägt, dem man
aber tunlichst nicht zu nahe kommen sollte, ist der bedrohlich-düster
ausgeleuchtete Computerbildschirm, auf dem ein DABIQ-Titel zu sehen ist, präsentiert. Die
Kamera umfährt ihn im Halbkreis (wie in „sicherer Distanz“ und zugleich um ihn
aus mehreren Blickwinkeln zu bestaunen), springt auch mal kurz heran – oder
springt uns der Monitor entgegen, mithin die IS-Propaganda, wie ein Tiger oder
eine Kobra attackierend vorschnellt gegen die Gitterstäbe des Käfigs oder die Glaswand des Terrariums?
Zu dieser Aufladung, dieser Dynamisierung und Ästhetisierung auf der Bildebene kommt
die passende unheilverheißende musikalische Untermalung hinzu. Sie
wird dann kontrastiert von den klagenden Klängen, die den „authentischen“
Aufnahmen aus Rakka (in denen die Menschen an der realen Versorgungslage zu leiden
haben) unterlegt sind. Horrorthriller hier, Tragödie da.
Dass die
Propaganda des IS hier selbst als solche ausgestellt und thematisiert wird, ist
begrüßenswert. Dass die inhaltliche, kritisch-enthüllende Distanz (die besonders
die Ausschnitte aus dem einordnenden Gespräch mit Difraoui bietet) ästhetisch
bzw. gestalterisch selbst wieder insofern aufgegeben oder unterlaufen wird, als
der Zuschauende sinnlich-affektiv diesen „bösen“ Botschaften und Bildern ganz nahe
gebracht wird, ist ein Problem. Eines freilich, das nicht nur das von titel thesen temperamente oder sogar
bloß des Fernsehens als berichterstattendem Medium ist. Der Propaganda des IS
und mithin dem IS ist man in ihrer Faszinations- und Attraktionskraft erlegen – wenn
und leider gerade auch in Haltung und
Duktus der Dämonisierung. Dass dies hier unter Einsatz jener suggestiven Mittel
geschieht, vor der man zwar gerne mahnt, die man gerne herausstellt, derer man
sich selbst allerdings nur zu gerne bedient ohne sie zu reflektieren,
verleiht dem Ganzen jedoch etwas fatal Ehrfürchtiges wie auch hilflos Blindes (oder Stummes).
Und wie soll
man die IS-Propaganda entzaubern oder ihre Grenze aufzeigen, wenn man in einer Art Zerrspiegel
sie und vor allem ihre Ausdrucks- und Gestaltungsweisen zurückwirft und damit – um im Bild zu
bleiben – nur ins Unendliche vervielfältigt? Denn es ist ja nicht so, dass der
IS bzw. die Bilder, die er von sich selbst mach, nicht selbst Wiederspiegelungen oder mediale Rückgaben wären. Die Formen und Mittel, die die Dschihadisten für die
Attraktion und Faszination ihrer Botschaften und Sichtweisen nutzen, sind eben
jene, die sie sich quasi von spektakulären TV-News und Werbeclips, von einer
allgemeinen, dem aufmerksamkeitsheischenden Augensinn-
und Nervenkitzel abgeschaut haben.
So ist die
IS-Propaganda – wie auf einer etwas anderen Ebene der IS als diskursives
Konstrukt insgesamt – deshalb eine besondere Herausforderung für seine Bewähltung und mediale Einhegung, weil in doppelter Hinsicht
Projektionsfläche, und seine „Verführungskraft“ selbst in Ablehnung und Abscheu
so schwierig zu brechen oder nur zu parieren weil in Material und Werkzeug viel
zu gleichartig unserem eigenen Ausdrucksreservoir und -repertoire. Unsere eigenen populären Schau-Werte lassen sich gegen
eine auf feindliche Indienstnahme schlecht verteidigen.
zyw
14.10.2015
ZDF: Förderte BND und SITE Propaganda des "Islamischen Staats"?
In einem Frontal 24-Beitrag berichtet das ZDF über den Aussteiger Irfan Peci, der als Dschihadisten-Web-Propagandist für den deutschen Ableger der GIMF, die Global Islamic Media Front, Mitte/Ende der 2000er tätig war. Peci, der vor fünf Monaten das Buch Der Dschihadist: Terror made in Germany - Bericht aus einer dunklen Welt veröffentlichte, sei vom Verfassungsschutz angeworben worden.
Laut ZDF-Beitrag nun habe der deutsche Auslandsgeheimdienst BND die Propagandaplattform zumindest weiterlaufen lassen. Dass die private US-Aufklärungsfirma SITE Intelligence Group mit im Boot gewesen sein soll, macht die Sache noch brisanter.
Allerdings: Der TV-Bericht ist zumindest insofern mißverständlich, insofern gleich zum Auftakt die aktuelle IS-Propaganda zum Aufhänger gemacht und entsprechend mit Pecis Online-PR in Sachen Heiliger Krieg assoziiert wird. Mit dem aktuellen "Islamischen Staat" und seiner Propaganda hatten freilich die GIMF, Peci und seine Kumpane Ende der 2000er mediengestalterisch (mithin von der Attraktionskraft her), konfliktbezogen und organisatorisch höchstens indirekt etwas zu tun: die GIMF ist Medienarm v.a. von al-Qaida, mit der sich der IS mittlerweile zerstritten hat. Fluchtpunkt ist dahingehend nicht Syrien oder der Irak, sondern Afghanistan/Pakistan. Pecis Enthüllung bzw. des Teams um Elmar Theveßen sind mithin nicht so brandaktuell, wie es suggeriert wird.
Und tatsächlich wird der Fall Peci (hier als "Irfan P. aus Weiden in der Opferpfalz") bereits in Wolf Schmidts 2012 erschienenen Buch Jung, deutsch, Taliban (auch zu beziehen über die Bundeszentrale für politische Bildung) beschrieben - inklusive der Verstrickungen von SITE.
Den F24-Beitrag finden Sie noch HIER in der ZDF-Mediathek, ebenso die längere ZDFinfo-Dokumentation "Islamist im Staatsauftrag".
31.08.2015
ZDF vermeldet: TV-Film über Beate Zschäpe abgedreht
Während die Constantin Film und Oliver Berben an einer Verfilmung des Buches Heimatschutz - Der Staat und die Mordserie des NSU von Stefan Aust und Dirk Laabs fürs Kino arbeiten und die ARD einen TV-Dreiteiler mit Anna Maria Mühe, Albrecht Schuch und Sebastian Urzendowsky als dem Terror-Trio des selbsternannten "Nationalsozialistischen Untergrunds" für 2016 in der Pipeline haben, gibt jetzt auch das ZDF bekannt: "Dreharbeiten für ZDF-Dokudrama über Beate Zschäpe sind abgeschlossen".
Die Pressemitteilung dazu:
_____________________________
"Letzte Ausfahrt Jena" mit Lisa Wagner, Joachim Król und Axel Milberg
Kein Gerichtsverfahren bewegt die Öffentlichkeit derzeit mehr als der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Für ein ZDF-Dokudrama über die aus Jena stammende Rechtsextremistin Beate Zschäpe, Arbeitstitel "Letzte Ausfahrt Jena", wurde am vergangenen Wochenende die letzte Einstellung gedreht.
Neben Joachim Król als ermittelnder Kriminalhauptkommissar standen Axel Milberg in der Rolle des Richters Götzl, Christina Große als Kriminaloberkommissarin und Lisa Wagner als Beate Zschäpe vor der Kamera. Das Drehbuch stammt von Hannah und Raymond Ley. Grimme-Preisträger Ley führte auch Regie.
Seit dem 6. Mai 2013 muss sich Zschäpe wegen mutmaßlicher Mittäterschaft an den grausamen Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds vor Gericht verantworten. "Letzte Ausfahrt Jena" erzählt ihre Reise im Polizeikonvoi noch vor Prozessbeginn – von der Haftanstalt Köln nach Thüringen und zurück. Die Angeklagte sollte ihre kranke Großmutter und Mutter noch einmal besuchen können. "Die Form des Dokudramas bietet die Möglichkeit, die von Ermittlern begleitete Reise der rätselhaften Person Beate Zschäpe von Köln nach Thüringen in szenischen Bildern zu erzählen und sie mit Momenten des späteren Prozesses zu kontrastieren", so Peter Arens, ZDF-Hauptredaktionsleiter Kultur, Geschichte und Wissenschaft.
Die Dreharbeiten fanden an Originalmotiven entlang der Route Köln, Jena, Gera sowie in Berlin und Umgebung statt. Die Spielszenen des 90-minütigen Dokudramas stützen sich auf die Ergebnisse eines Teams von Rechercheuren, auf dokumentarisches Material sowie auf Protokolle von Prozessbeobachtern. Originalaufnahmen aus Archiven und Gespräche mit Angehörigen der Opfer in der Türkei ergänzen die szenischen Passagen.
"Letzte Ausfahrt Jena" ist eine Produktion der AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion in Koproduktion mit UFA FICTION im Auftrag des ZDF. Produzenten sind M. Walid Nakschbandi und Nico Hofmann. Die Redaktion haben Stefan Brauburger und Stefan Mausbach, ZDF-Zeitgeschichte. Ein Sendetermin steht noch nicht fest.
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Der Titel LETZTE AUSFAHRT JENA assoziiert natürlich Letzte Ausfahrt Brooklyn (Last Exit to Brookly), Hubert Shelbys episodischen Skandal- und Kultroman von 1964 über die brutale Tristesse im desolaten Teil des New Yorker Stadtbezirks. Inwiefern mit der Anspielung allerdings eine Aussage über Jena impliziert ist, sei dahingehstellt.
Shelbys Buch verfilmte 1989 übrigens Uli Edel. Jener Regisseur, der mit Bernd Eichinger ein anderes deutsches Terrorismusthema (allerdings ein linkes) für die Constantin und nach einem Buch von Stephan Aust inszenierte: DER BAADER MEINHOF KOMPLEX.
zyw
06.07.2015
Ferne Ohnmacht des Gott-Soldaten: GOOD KILL - Andrew Niccols postheroistischer Anti-Kriegsfilm über den Drohnenkrieg
GOOD KILL (USA 2014) ist ein hochaktueller Film, und das auf
mehreren, verbundenen Ebenen. Am 27. Juli zeigt ihn das ZDF zusammen
mit einer Dokumentation zum Thema Drohnenkrieg – bei aller
berechtigter Schelte ein Beleg mehr für die Güte des öffentlich-rechtlichen
Fernsehens in Deutschland. Nur wäre die repräsentative Hauptsendezeit noch
besser gewesen als der relativ späte Termin um/ab 22.15 Uhr, allein um die
Bedeutung des Themas herauszuheben.
I.
GOOD KILL ist ein Film, der zunächst natürlich über sein
Thema und dessen politische Tagesagenda Relevanz besitzt: das
Drohnen-Programm der USA v.a. in Wasiristan, der pakistanischen Grenz- oder
Stammesgebiet, bei dem nicht nur Aufklärung betrieben wird, sondern Menschen
gezielt oder als „Kollateralschäden“ getötet werden. Auch die Bundeswehr hat
bzw. will sich diese Waffentechnik (s. HIER u. HIER) zulegen, das E-Journal „Ethik
und Militär“ des Zentrums für Ethik in den Streitkräften (zebis) widmete dem Thema seine erste Ausgabe im Jahr 2014. „Anonymes Töten durch neue
Technologien? Der Soldat zwischen Gewissen und Maschine“ ist das
Editorial von Dr. Veronika Bock darin betietlt, und diese wie weitere Aspekte verhandelt
GOOD KILL.
Von dem gebürtigen Neuseeländer Andrew Niccol geschrieben und inszeniert (zu ihm und
seinem Gesamtwerk weiter unten mehr) geht es in GOOD KILL um den
US-Luftwaffenpiloten Major Thomas Egan (Ethan Hawke), der zusammen mit
Kameraden über Monitore auf staubige Straßen und Häuser und Afghanistan (später
Jemen) hinunterschaut, Personen beobachtet – und ggf. Raketen abfeuert, auf
dass sich die ferne Kulisse in stummem Lichtblitz und Staubwolke auflöst. So
geschieht es gleich zum Anfang des Films; ein sich nähernder Reisebus wird zum
Glück verschont, die Terroristenversammlung am Straßenrand jedoch ausradiert.
Hernach verlässt Egan den Container im Wüstensand; man mag (oder soll) ihn
selbst in Pakistan, im Irak oder sonst wo in der Region wähnen, doch als er mit
seinem Mustang von der Luftwaffenbasis rollt, sich das so glamouröse wie
futuristische Panorama zur Rockmusik im Wagen auftut, wird klar: wir sind Tausende von Kilometern entfernt, in Las Vegas. Dort hat in einem
Retorten-Vorort Egan eine Ehefrau Molly (Mad-Men-Star
January Jones) und zwei Kinder, doch trotz „9 to 5“-Job läuft es nicht rund in
der Familie des schweigsamen Militärs. Zuvor schon wurde klar: Egan will zurück
in eine echte Maschine, doch – wie sein jovialer Chef (Bruce Greenwood) im
bescheidet, ist unwahrscheinlich: Wurden wie Egan einst gestandene Piloten zum
Einsatz am Joystick abkommandiert, stellt man nun immer mehr Unerfahrene ab,
denn Drohnflüge „boomen“, sind effektiv, verhältnismäßig günstig, brauchen
keine (mithin: gefährdeten) Männer an Bord wie „echte“ Jets. Gegenüber dem
„virtuellen“ oder zumindest ferngelenkten Krieg ist der alte, klassische ein
Auslaufmodell.
Sechs Taliban habe er heute getötet, so Egan, auf seine
Uniform angesprochen in dem Laden, in dem er auf dem Weg nach Hause hält und seinen harten Alkohol kauft. Jetzt fahre er heim, um zu grillen.
„Sie verlassen die USA“ steht es sarkastisch au einem Zettel an der Tür der „Cockpit“-Container in Nevada. Oder einem zynischem. Denn Egans Entfremdung – die von seiner Familie, seinem Job – ist die eine thematische Linie des Films, tatsächlich auch die interessanteste, weil allgemeinere, ambivalente und tiefreichende, eine psychologische und (nicht nur technik- und kriegs-) kulturelle. Eine, zu der u.a. allgemeiner Herfried Münkler („Held und Mythos in der Moderne“) und spezieller Ulrich Bröckling („Die Politik der gezielten Tötung und das Ende des militärischen Heroismus: Drohnen“) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in verschiedenen, aber verwandten Ringvorlesungen vorgetragen haben (Veranstaltung des Sonderforschungsbereichs „Helden – Heroisierung – Heroismen“). GOOD KILL wirkt oft wie eine Verfilmung dieser angesprochenen Probleme, Thesen, Positionen. Es geht um die „Feigheit“ des Überwachens, des Tötens aus der Ferne mit „unbe-“/ „ent“mannten Fluggeräten, den Charakter eines in mehrfacher Hinsicht entgrenzten, entgrenzenden „Playstation“-Krieges, die Rolle des Soldaten und seine Eigenwahrnehmung, seine Heldenposition sich und der Gesellschaft gegenüber, die Asymmetrie und Übermacht dank Science-Fiction-hafter, irrealer oder irrealisierender Verlängerung von Auge und Arm, die die Körper anderer ihm und seinem Handeln ausliefert, seinen eigenen aber unerreichbar und in einem „Globalen Krieg gegen den Terror“ daheim, im „Homeland“ belässt.
„Sie verlassen die USA“ steht es sarkastisch au einem Zettel an der Tür der „Cockpit“-Container in Nevada. Oder einem zynischem. Denn Egans Entfremdung – die von seiner Familie, seinem Job – ist die eine thematische Linie des Films, tatsächlich auch die interessanteste, weil allgemeinere, ambivalente und tiefreichende, eine psychologische und (nicht nur technik- und kriegs-) kulturelle. Eine, zu der u.a. allgemeiner Herfried Münkler („Held und Mythos in der Moderne“) und spezieller Ulrich Bröckling („Die Politik der gezielten Tötung und das Ende des militärischen Heroismus: Drohnen“) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in verschiedenen, aber verwandten Ringvorlesungen vorgetragen haben (Veranstaltung des Sonderforschungsbereichs „Helden – Heroisierung – Heroismen“). GOOD KILL wirkt oft wie eine Verfilmung dieser angesprochenen Probleme, Thesen, Positionen. Es geht um die „Feigheit“ des Überwachens, des Tötens aus der Ferne mit „unbe-“/ „ent“mannten Fluggeräten, den Charakter eines in mehrfacher Hinsicht entgrenzten, entgrenzenden „Playstation“-Krieges, die Rolle des Soldaten und seine Eigenwahrnehmung, seine Heldenposition sich und der Gesellschaft gegenüber, die Asymmetrie und Übermacht dank Science-Fiction-hafter, irrealer oder irrealisierender Verlängerung von Auge und Arm, die die Körper anderer ihm und seinem Handeln ausliefert, seinen eigenen aber unerreichbar und in einem „Globalen Krieg gegen den Terror“ daheim, im „Homeland“ belässt.
GOOD KILL ist, indirekt, denn auch ein Film über die
Attraktivität und Faszinationskraft des „Islamischen Staates“ oder anderer
jihadistischer Gruppen, nicht nur für seine Anhänger oder Sympathisanten,
sondern auch, freilich negativ besetzt, für uns, die wir sie als Barbaren
ablehnen. In einem Video des IS (oder seiner „Fanboys“), das ironischer Weise
sich die populäre Games-Reihe GTA – Grand
Theft Auto zu eigen macht, heißt es gem. einleitender Texttafel sinngemäß:
„Die Computerspiele, die ihr euch ausgedacht habt, die leben wir aus auf dem
realen Schlachtfeld“. In schönster kontrastiver Ergänzung hat wiederum das
Pentagon die Idee eines hochrangigen Ordens für Drohnenpiloten nach zwei Monaten, viel Protest und Häme zurückgezogen. Von einer „Nintendo Medal“ (in
Anspielung auf die populäre Spielekonsole) war die Rede. Entsprechend ist GOOD
KILL ein Film, der zwischen Authentizitätsversprechen und Kriegs-Virtuality den Finger in eine Wunde
legt, die durch mehr geschlagen wurde und wird als bloß durch die ethisch
herausforderungsreiche geo- und ideopolitischen Konfrontation oder zumindest
Gegeneinander-Setzung zwischen „Islamismus“ und „Westen“. Es ist ein Film über
eine generelle Welterfahrungs- und -wahrnehmungsdissonanz, die eine
grundlegende, primär mediale bzw. technosoziale und -kulturelle ist. Eine, die
nicht nur Räume und Orte ineinanderschiebt, ineinander aufhebt und auflöst,
sondern auch den modernen Menschen in seiner medialen Verfasstheit als krisenhaftes
Konstrukt begreift.
Hier ist man schnell bei den großen spezifischen Text-Kalibern
– vor allem Michel Foucaults berühmtes Buch „Überwachen und Strafen“ mit der
Kontrolle des Blickes (dem „Panoptikum“ nach Jeremy Bentham), und in diesem
Sinne ist GOOD KILL bemerkenswert in seiner abstrakteren Sinnhaftigkeit. Die
Drohnen sind hier unsichtbarer, unentgehbarer Blick und Faust eines zornigen
(allzu menschlichen) „Gottes“, der aus buchstäblich „heiteren Himmel“
zuschlagen kann (bei allzu dichter, tiefer Wolkendecke sind die Drohnen nutzlos
– was wiederum die Debatte Geospezifik der Konflikte aufmacht). Im Verlauf des
Filmes und mit dem Verfall des Menschen Egan wird die Vogelperspektive des
Films immer mehr auf Egans eigene „Heimat“ und sein Leben angewendet. Doch
dieser militärische Prothesen-Gott ist kein absoluter weil eben doch nur allzu menschlicher und
mithin selbst kontrolliert, „gesehen“, dirigiert. Da ist das Kruzifix an der Wand, entsprechend über oder hinter Egan
bildgestalterisch positioniert, das auf eine noch höhere Macht verweist (die des eigenen Gewissens,
religiöser wie zivilisatorischer Gebote – „Du sollst nicht töten“).
Diese überwachenden, vernichtenden Halbgötter sind vor allem nicht nur fehlbar, sondern auch nicht allmächtig. Hilflos müssen sie vom Himmel aus zusehen, wie in einem Hinterhof eine Muslima von einem niederen Taliban-Chargen wiederholt vergewaltigt wird, ohne einschreiten zu können oder zu dürfen, weil das bei allen hehren Worten von Schutz und Verteidigung nicht ihrem Einsatzbefehl entspricht. Was einmal mehr die große Geo-, Macht- und Sicherheitspolitik als abstraktes Spiel ausweist, das mit dem realen direkten Leben des Einzelnen kaum mehr oder schlimmer noch: in einem Widerspruchsverhältnis zu tun hat.
Wenn zuletzt – Achtung, Spoiler! – der von der Familie verlassene,
seine Dienstpflicht-Kriegsmorde nicht verwindende Egan rein aus „moralischer“
Selbstermächtigung den Schänder im Alleingang und zur Beendigung seiner
Karriere tötet, wird dem Publikum eindringlich die Unkontrollierbarkeit und
Begrenztheit vor Augen geführt: für zähe, lange Momente bleibt unklar, ob der
zerbrochene Militär-Heroe nicht auch die umgebracht hat, die er zu rächen und vor
den Übergriffen zu bewahren trachtete.
II.
Hinzu kommt nämlich – und dahingehend übernimmt sich Niccol
engagiert, aber kontraproduktiv –, dass neben dem Kruzifix (und mithin der
persönlichen Moral) noch eine weltliche Befehlsgewalt installiert wird. Die Crew wird (auf der zweiten, parallelen Themen-Linie)
an die CIA abkommandiert, die nun allein auf fragwürdiger Basis Anschläge aus
der Ferne anordnet. Reduziert auf eine lautgestellte Stimme im Telefon bzw. (bildlich)
den entsprechende Freisprechknopf müssen die Dronenpiloten, nun selbst ferngelenkt, samt ihren Navigatoren nun auch bewusst Zivilisten in die Luft
jagen, Helfende nach einer Attacke („Nachfassen“). Nur Taliban, so die krude
Logik, wären nach einem Raketenangriff als erste vor Ort. Tote Frauen und
Kinder nimmt man hin, Kriegsfähigkeit und Verhaltensprofile sind
exekutionsentscheidend genug. Terrorismus
wird, daran lässt GOOD KILL keinen Zweifel, mit Terror beantwortet.
Der Film verliert hierin etwas an seiner Wucht, weil er
„gutes“ Militär gegen skrupellose Geheimdienste setzt. Dies ist vereinfacht oder relativiert zumindest die Verantwortung
der Streitkräfte, indem es einen relativ wohlfeilen Ersatzmissetäter anbietet,
der erzählfunktional die selbst entwickelte Ambivalenz und Ambiguität wieder relativiert
oder konterkariert, insofern das Militär zum unwilligen Befehlsempfänger gerät,
einer weiteren, zwischengeschalteten „Drohne“. Mit Blick auf den Folter-Report
des US-Kongresses und die Zuständigkeitsstreitigkeiten das Drohnen-Programm
betreffend ist das nicht falsch, aber doch billig insoweit hier „gute“ gegen
„böse“ Verteidigungsinstitution gegeneinander gesetzt werden, deren
Auseinanderdividierenden zum einen nur eine ethische Ersatzentscheidung
darstellt, zum anderen die Dilemmas zu überdecken droht, die diese Form des Militäreinsatz
prinzipiell bedeutet.
Es wäre von einem solchen Spielfilm dahingehend aber wohl zu viel verlangt,
eine politisch (wie auch immer definierte) weiter- und tieferführende Analyse und Debatte
einzufordern, schlicht weil Spielfilme auch und besonders ganz eigenen Gesetzen
der (Unterhaltungs-)Erzählens, immanenten Grenzen der Komplexität – mithin „Einsatzbefehlen“
und „Rules of Engagement“ – gehorchen müssen.
Dies verweist zurück auf den Film als solchen bzw. den
Vorbehalten oder gar der Ignoranz von allerlei Sicherheits-„Praktikern“,
Politikern sowie Sozial- und PolitikwissenschaftlerInnen gegenüber dem (dezidiert:)
Medium „Spielfilm“ als fiktionale Erzählung und Kunstform als ernst zu nehmenden Gegenstand. Spielfilme entstehen
nicht im luftleeren Raum, sind Imaginationsbühnen und geistige, moralische und
emotionale Spielplätze und dabei geeignet, all jene Diskursbestandteile zu
offenbaren, die bei rein faktualen Modi und Textformen der Debatte und Verständigung
auch und gerade in Sachen Krieg und Terrorismus schnell verloren gehen, weil zu
abstrakt (oder nicht abstrakt genug).
II.
In diesem Sinne ist GOOD KILL dann auch wieder kein wirklich guter Film, weil
über die Figuren, die bestimmte (auch Zwischen-)Positionen repräsentieren (Zoë
Kravitz als „moralisches Gewissen“ Airman Zuarez, mit der Egan geneigt ist,
eine Affäre einzugehen; als Vertreter der volkstümlichen
falkenhaft-konfrontativen „George W. Bush“-, der „Die-gegen-Wir“-Linie u.a. der
von Jake Abel gespielte M.I.C. Zimmer im Team), über ihre Dialoge und Monologe
allzu deutlich und schematisch Standpunkte, Argumente und Sichtweisen und ihre
Konflikte referiert sind. GOOD KILL ist dementsprechend ein, wenn auch
vielschichtiger, Thesenfilm. Darüber hinaus aber ist er aufschlussreich ausgehend von zwei klassische Konzepten filmwissenschaftlicher Betrachtung: der
Autoren- und der Genre-Theorie.
Was letzteres betrifft ist GOOD KILL zu betrachten als
zeitgenössische Kriegsfilm, dabei aber Gegenentwurf
wie Ergänzung zu v.a. Kathryn Bigelows prägendem Film THE HURT LOCKER (USA 2008). Der handelt von einem einen militärischen
US-Bombenentschärfer (Jeremy Renner) im Irak. reüssierte bei der Kritik, wurde
„Oscar“-prämiert und nimmt mit seinem, enorm körperlichen,
viszeralen Unmittelbarkeitsstil die IS-Propaganda-Ästhetik mit vorweg. Wenn
auch freilich Hand- und Wackelkameras, kalt-triste Farben und andere Stilismen
das Kriegskino seit den 2000ern mit ihren staubigen „Schauplätzen“ ohnehin das Genre dominierten.
Ganz dicht dran ist man in THE HURT LOCKER an Sergeant First Class William James in seinem lebensgefährlichen, nervenaufreibenden und auch moralisch fordernden, weil unter höchstem Zeitdruck Entscheidungen über Leben und Tod erzwingenden Job. Einem Adrenalin-Junkie ist James, der im Einsatz zwischen „rotem“ und „blauem“ Draht entscheiden muss, daheim bei Frau und Kind von der absurden wie banalen Riesenauswahl an Frühstücksmüslis im ordinären Supermarkt zugleich unter- und überfordert ist. Niccols Egan in GOOD KILL ist dahingehend ein Geistes-, Seelen- und entsprechend Leidensverwandter, den der Computer-Spiel-Krieg (allzu sehr:) daheim auf sich selbst zurückwirft, was generell Krieg als Metier und Betätigungsfeld wie auch als „Heimat“ eines spezifischen Typen Menschen – mehr noch: Mann – skizziert.
Ganz dicht dran ist man in THE HURT LOCKER an Sergeant First Class William James in seinem lebensgefährlichen, nervenaufreibenden und auch moralisch fordernden, weil unter höchstem Zeitdruck Entscheidungen über Leben und Tod erzwingenden Job. Einem Adrenalin-Junkie ist James, der im Einsatz zwischen „rotem“ und „blauem“ Draht entscheiden muss, daheim bei Frau und Kind von der absurden wie banalen Riesenauswahl an Frühstücksmüslis im ordinären Supermarkt zugleich unter- und überfordert ist. Niccols Egan in GOOD KILL ist dahingehend ein Geistes-, Seelen- und entsprechend Leidensverwandter, den der Computer-Spiel-Krieg (allzu sehr:) daheim auf sich selbst zurückwirft, was generell Krieg als Metier und Betätigungsfeld wie auch als „Heimat“ eines spezifischen Typen Menschen – mehr noch: Mann – skizziert.
Die kriegerischen Heroen in ihrer Modellierung als nicht
zuletzt Verlorene qua militärtechnologischem "Degradierung" wie moderner
Gender-Grenzauflösung werden hierbei entlarvt, in Schutz genommen und
zugleich dekonstruiert – mithin Krieg als solcher selbst. Heim und Herd wird dabei
erkennbar, als etwas, das für die Krieger wie Politiker als zu verteidigendes Gut und ideologische Projektionsfläche wichtig ist, zugleich aber nur in Imagination
und Möglichkeitsform Sinn ergibt, ansonsten, real, einengt, abschreckt, sich in
seiner Dekadenz als unwürdig erweist wie in GOOD KILL Las Vegas als Sinnbild eines
(US-)westlichen dekadenten Lasterlebens der Strip-Clubs. Das ist das Provokant-Irritierende
und ver- wie entschlüsselte Situation, die sich darin ausdrückt:
Während frühere Filme – etwa die Action-Streifen der Reagan-Ära (mithin: des
Kalten Krieges) – noch bei aller oberflächlichen Amivalenz klar „Freund“ und
„Feind“ unterschieden, sind die Helden-Soldaten der Gegenwart
verblüffend in die Nähe der terroristischen Gegner gerückt, allerdings mit der
verunsicherten Ahnung eines noch pessimistischeren Sinnverlusts neben der ethischen Verunsicherungs als unerreichbarer Techno-Warrior. Unklar bleibt, ob
der religiöse Eifer und weltanschauliche Furor der Islamisten dem thetisch
oder antithetisch gegenübersteht.
Entsprechend verdammt GOOD KILL zwar die Vergewaltigung der Frau
am fernen Hindukusch; Egans eigene Gattin jedoch wird parallel dazu auf
die Rolle der Mutter und Ehefrau als angestammte festgeschrieben, eine, die sie
in ihrem artifziellen, aber allzu trockenen Vorort-Idyll abhäng davon ist, dass ihr Mann das Auto repariert (seine Aufgabe!), um mobil zu sein. In einer Szene
beklagt Molly, dass ihr Thomas nie wirklich wütend würde. Die Distanzierung,
die zum Bruch führt, ist nicht bloß die psychologische eines Mannes- und
Ehedramas, eine der Verheerungswirkung von Krieg und Gewalt im Privaten,
sondern ein geschlechterpolitische in einem weit größeren Rahmen.
Der Unterschied zwischen diese Frauenbildern in Las Vegas
und Wasiristan, wo die namenlose Muslime nur Sex-Objekt ist und der
Vergewaltigung sofort wieder stumm ihren „Pflichten“ nachgeht, ist auf der
Oberfläche ein eklatanter, gegensätzlicher, strukturell, mithin weltanschaulich, jedoch nur ein
erschreckend geringer. (Achtung, Spoiler!) Egans Rache am (individuellen) Vergwaltiger
ist denn auch ein Akt des Selbstexorzismus und der Selbstvernichtung (oder
zumindest -loslösung).
Im Vergleich zu THE HURT LOCKER macht denn auch in diesem
Kontext die sinnhafte „langweilige“ Ästhetik einen epistemologischen
Unterschied aus. Statt der affektiv-direkten Bildgestaltung, der schmutzigen Physis der
Kamerabewegungen, der ausgeblichenen Farben und staubigen Oberflächen bei Bigelow
(zuständiger Director of Photography Barry Ackroyds was vormals BBC-Doku-Kameramann und macht
er sich v.a. durch die Mitwirkung bei den Filmen Paul Greengrass einen Namen) ist GOOD KILL eingedenk der stillgestellten
Dienst- und Heimkehrer-Situation statisch, in relativ warmem,
fast pastellartigem, damit „indifferentem“ Bild- und Farbklima gehalten,
was das „Aseptische“ von Egans Arbeitsstätte wie Familienheim ebenso
unterstreicht wie die Irrealität der Wüstenstadt Las Vegas hervorhebt (Bildgestaltung:
Amir Mokri – MAN OF STEELE, LORD OF WAR, TRANFORMERS 2 u. 3). GOOD KILL ist
somit allein schon auf der visuellen Ebene ein – auf die Haupt- und
Kriegerheldenfigur bezogener – Alptraumentwurf zu THE HURT LOCKER, in dem sich
Bombenexperte James am Schluss in eine weitere Einsatzrunde zurück ins Kriegsgebiet
rettet, um sich wieder zu spüren. Egan hingegen kehrt der Air Force den Rücken, fährt schließlich weg, zu seiner Familie, immerhin. Optimistisch ist das auch nicht.
III.
Diese sauberen, schön-ästhetisierten visuelle Vorstellung
von THE GOOD KILL führt als Handschrift schließlich dezidiert zu Andrew Niccol
als auteur, insofern dieser sich
nicht nur als ehemaliger Musikvideo-Regisseur, sondern auch als (dahingehend)
unterschätzter Sozialkonstruktivist des populären Hollywood-Kinos
betätigte und die sterile Ästhetik seiner Filme deren Inhalt wirklichkeitsentlarvend oder zumindest ‑bezweifelnd untermauern, ihm gar einen doppelten Boden unterlegen.
Es ist denn überaus sinnfällig, GOOD KILL in eine Reihe zu
stellen und in einer Reihe zu sehen mit THE TRUMAN SHOW (USA 1998, Regier:
Peter Weir) und THE TERMINAL (USA 2004, Regie: Steven Spielberg), zu denen
Niccol Idee, Drehbuch bzw. Story lieferte, aber auch mit dem von ihm selbst
geschriebenen und inszenierten, teils Star-besetzten GATTACA (USA 1997 –
bereits hier GOOD-KILL-Hauptdarsteller Ethan Hawke als main character), mit S1M0NE (USA 2002, m. Al Pacino), LORD OF WAR (USA
2005 – m. Nicolas Cage und Hawke in einer Nebenrolle als „moralisch guter“
Ermittler), IN TIME (USA 2011, m. Justin Timberlake) und THE HOST (dt.: SEELEN,
USA/Schweiz 2013, nach dem Roman der Twilight-Autorin
Stephenie Meyer).
All diese Filme hinterfragen die (oder stellen die
Brüchigkeit aus der) „Natürlichkeit“ von Menschen, seinen Konstituenten und „Ich“-Verständnissen
(die des Individuellen in Spannungsrelation zum Sozialen), des Menschen Medien im
weiteren (v.a. technologischen) Sinne und seine Räume als anthropologische, zugleich
politische, ideologische Orte und Geografien.
Weniger an der großen Story interessiert als daran, die
verschiedenen Facetten in den Blick zu nehmen und die verschiedenen Aspekte
durchzudeklinieren bietet Niccols Œuvre folgende Szenarien und Visionen:
- TRUMAN SHOW (inszeniert von Peter Weir): Ein Mann (Jim Carrey), aufgewachsen in einer ideal-nostalgischen Küstenstadt, kommt dahinter, dass seine ganze kleine Welt, gottgleich beobachtet und gesteuert von dem Produzenten der Show, nur Kulisse ist und er „Star“ einer „Reality-Show“, beobachtet von abertausend versteckten Kameras (ein vom blauen Himmel fallender Scheinwerfer bildet den Auftakt). Wobei sich bei allen vordergründiger Feier der persönlichen Freiheit gegenüber der medialen Unterhaltungsausbeutung und Manipulation die unterschwellige Frage stellt, inwiefern ein Mensch für die ;illionen von globalen TV-Zuschauern überhaupt in einem solchen (und gestellten) „echten“ Setting und Leben überhaupt „authentisch“ sein kann.
- GATTACA: In einer Zukunftswelt, in der alle Nachkommen genetisch
perfektioniert sind oder ausgesondert werden, kauft sich ein junger „natürlich“
geborener, folglich physisch „minderwertiger“ Mann von einem qua Erbgut
vorbildlichen, aber durch einen Unfall querschnittsgelähmten depressiven
„Helden“ dessen Identität (eine symbiotische Abhängigkeit), um seinen Traum –
die Reise zum Mars – zu verwirklichen. Und damit seinem „normalen“ Leben wie
dem seiner (Leih-)Existenz einen Sinn zu geben und nachgerade physische „über
sich hinaus zu wachsen“.
- S1M0NE: Ein alternder Hollywood-Regisseur und -Produzent
entwirft am Computer eine „idealen“ Schauspielerin, der dank digitaler Medienrealität
in Filme wie der Celebrity-Realität der Boulevardblätter, Partys und Festivals „wirklich“
und zum Star wird, bis er merkt, dass er selbst von diesem Star bei der
Oscar-Verleihung „vergessen“ wird und, nachdem er sie daraufhin „gelöscht“ hat,
des Mordes an ihm verdächtigt wird. Die zauberlehrlingshaften "Geister, die ich rief" treffen in dieser
Satire auf die Glamour-Welt der Schein- und Retorten-Stars auf den
Frankenstein-Mythos der Virtualität, auch der der sozialen Medien.
- THE TERMINAL (gedreht von Steven Spielberg): Ein
Flugreisender (Tom Hanks) aus einem fiktiven Staat verliert aufgrund
einer Revolution in seiner Heimat seine Staatsangehörigkeit, während er im
Transitbereich des New Yorker Flughafens wartet, weshalb er sich dort über
Monate einrichten muss, eine Parallel-Welt begründet und zum (identitätsstiftenden)
Feind-Objekt des ihn qua Überwachungskameras beobachtenden Sicherheits-Chefs
des Airports wird.
- LORD OF WAR: Die Geschichte eines Waffenhändler (Nicholas
Cage) aus kleinen Kreisen, der aufgrund seiner (ex-)sowjetischen Herkunft in
Zeiten der noch relativ jungen Globalisierung zum Konfliktzulieferer v.a. in
Afrika wird und damit quer zu allen (oder außerhalb aller) Gut-Böse-Linien
politischer und moralischer Standards und Autoritäten wird, insofern seine
„wertneutrale“ Handelsware (Waffen, Munition, Transportwege und ‑verfahren)
Ressource, Zahlungsmittel und generell: realpolitisches Medium sind, was ihn
schließlich unantastbar macht, ihn aber auch das Familienglück kostet.
- IN TIME: In einer fiktionalen Zukunft ist (Lebens-)Zeit –
bemessen an einem Implantat-Display am Handgelenk – als neue „kapitalistische“
Währung, die entsprechend „verdient“ oder „eingetauscht“ oder freimütig
„übertragen“ wird. Als seine Mutter darob stirbt, wird ein Arbeiter (Timberlake)
zum Revolutionär und entführt die (sympathisierende) Tochter des
Systempatriarchen, der dafür steht, dass die Ressource „(Lebens-)Zeit“ zugunsten
der herrschenden Klasse ungerecht verteilt bleibt.
- THE HOST: In einer Zukunftswelt haben (körperlose)
außerirdische Existenzen fast die komplette Menschheit übernommen und
„befriedet“. Im Konflikt zwischen den letzten rein „humanen“ Rebellen und dem
dominanten Alien-System teilt sich nach einer unterbrochenen Implantation die
Heldin Körper und Geist mit einer dieser „Seelen“.
GOOD KILL mit seinen Motiven u.a. des übermächtigen,
beobachtenden, aber letztlich einflusslosen Gottesblicks (THE TRUMAN SHOW; THE
TERMINAL), dem Unglück säenden kapitalistisch-industriellen Herrschafts- und Kommunikationsmittel
Waffen und Munition (LORD OF WAR) und der distanzierenden Virtualität (S1M0NE;
THE TRUMAN SHOW) sowie der technischen (Möglichkeits-)Bedingtheit von Mensch und condition humana (GATTACA; IN TIME) ist
denn ideal beheimatet in der Weltsicht Andrew Niccols. Neben den – eben nicht bloß auf vordergründige
Fakes, sondern Denken, Wissen und Sein abstellenden – Simulationsthesen Jean
Baudrillards ist GOOD KILL allgemein und grundlegend zu fassen mit den
russischen Sci-Fi-Autorenbrüdern Arkadi und Boris Strugazki, zumindest mit dem
Titel eines ihrer Hauptwerke: „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“. Umso mehr als es nur ein Prothesengott ist.
GOOD KILL – Montag, 27. Juli, 22.15 Uhr, ZDF.
Anschließend, um 23.50 Uhr: „Drohnenkrieg – Tod aus der Luft“
(Dokumentation von Mona Botros).
Literatur zum Thema Drohnenkrieg:
- O’Donnell, Mary Ellen (2011): Seductive
Drones: Learning from a Decade of Lethal Operations. In: Journal of Law
Information and Science. Als PDF HIER.
- Bashir, Shahzad / Crews, Robert D. (Hg.)
(2012): Under the Drones. Modern
Lives in the Afghanistan-Pakistan Borderlands. Cambridge, MA u.a.O.:
Harvard University Press.
- Kaag, John / Kreps, Sarah (2014): Drone Warfare. Cambridge / Malden, MA:
Politiy Press.
27.06.2015
Tipp: Terrorismus-Doku-Marathon auf ZDFinfo
Heute Abend dreht sich beu ZDFinfo alles um das Thema Terrorismus.
Den Auftakt macht um 19.30 Uhr die Dokumentation "Akte geschlossen: Das Attentat von Lockerbie" (45 Min.) über die Ermittlungen zum Absturz den Pan-Am-Flugs 103 am 21. Dezember 1988, die schließlich nach Libyen führten.
Um 20.15 Uhr befasst sich "Das Wunder von Mogadischu" (45 Min.) mit der Entführung der "Landshut" im "Deutschen Herbst" 1977.
Passend dazu laufen ab 21.00 Uhr dann alle sechs Folgen - fast fünfeinhalb Stunden - der Reihe "Die Geschichte der RAF":
- "Die Brandstifter - Die Gründung der RAF" (21.00 Uhr)
- "Die Jagd auf die 'Baader-Baader-Meinhof-Band'" (21.45 Uhr)
- "Der Knast, der Prozess und die Sympathisanten" (22.30 Uhr)
- "Der deutsche Herbst - das Jahr 1977" (23.10 Uhr)
- "Die zweite Generation und die Stasi" (23.55 Uhr)
- "Die dritte Generation und das Ende der RAF" (00.40 Uhr)
Wer freilich nicht solange aufbleiben mag oder "non-lineares", selbstbestimmtes Fernsehen bevorzugt, der finden "Die Geschichte der RAF" auch HIER in der ZDF-Mediathek.
26.05.2015
TV-Tipp: Steven Spielbergs MÜNCHEN (2005)
Am Mittwoch, dem 27.05.2015 zeigt der Bayerischer Rundfunk ab 23.10 Uhr Steven Spielbergs düsteren, zumindst und auf jeden Fall schauwertigen Film MÜNCHEN (MUNICH) aus dem Jahr 2005.
Im Zuge der Olympia-Geiselnahme 1972 wird ein israelisches Geheimkommando losgeschickt, um Vergeltung an den palästinensischen Hintermännern zu üben und wird zwischen den Fronten des Terrorismus- und Geheimdienstkrieg der 1970er in Europa - auch seelisch - zermürbt.
Mit Eric Bana, Daniel Craig (als er noch nicht 007 war), Ciarán Hinds, Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler und Moritz Bleibtreu in einer kleinen Rolle als deutscher Untergrund-Linker in Berlin, ebenfalls noch vor seiner Baader-Rolle in Eichingers und Edels DER BAADER MEINHOF KOMPLEX.
Drehbuch: Film- u. Theaterautor Tony Kushner ("Angels in America", LINCOLN) und Eric Roth (ALI, THE INSIDER) nach dem Buch Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team von George Jonas, das als Vorlage auch schon für die TV-Produktion SWORD OF GIDEON von 1986 zur selben "Geschichte" diente.
Phänomenale Kameraarbeit von v.a. farb- und lichtkünstlerischem Janusz Kaminski mit dem Spielberg schon vielfach und bis heute zusammenarbeitete (z.B. bei SAVING PRIVATE RYAN).
Meine MÜNCHEN-Filmkritik zum Kinostart 2005 HIER auf Cinefacts.
zyw
Im Zuge der Olympia-Geiselnahme 1972 wird ein israelisches Geheimkommando losgeschickt, um Vergeltung an den palästinensischen Hintermännern zu üben und wird zwischen den Fronten des Terrorismus- und Geheimdienstkrieg der 1970er in Europa - auch seelisch - zermürbt.
Mit Eric Bana, Daniel Craig (als er noch nicht 007 war), Ciarán Hinds, Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler und Moritz Bleibtreu in einer kleinen Rolle als deutscher Untergrund-Linker in Berlin, ebenfalls noch vor seiner Baader-Rolle in Eichingers und Edels DER BAADER MEINHOF KOMPLEX.
Drehbuch: Film- u. Theaterautor Tony Kushner ("Angels in America", LINCOLN) und Eric Roth (ALI, THE INSIDER) nach dem Buch Vengeance: The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team von George Jonas, das als Vorlage auch schon für die TV-Produktion SWORD OF GIDEON von 1986 zur selben "Geschichte" diente.
Phänomenale Kameraarbeit von v.a. farb- und lichtkünstlerischem Janusz Kaminski mit dem Spielberg schon vielfach und bis heute zusammenarbeitete (z.B. bei SAVING PRIVATE RYAN).
Meine MÜNCHEN-Filmkritik zum Kinostart 2005 HIER auf Cinefacts.
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18.01.2015
Zu Besuch bei den Terroristen - Zur IS-(Meta-)Reportage von Todenhöfer u. RTL
Jürgen Todenhöfer hat den "Islamischen Staat" besucht, was RTL eine Nachtjournal-Spezial-Sendung wert war. Aufsehenerregend schon vorab, die Bilder, die Einschätzungen, die der Autor, ehemalige Richter und CDU-Bundestagsabgeordnete, von der "Normalität" im irakischen Mossul mitgebracht hat. Ein Coup für RTL, ein Husarenstreich Todenhöfers.
Medienjournalist und -kritiker Stefan Niggemeier auf seinem Blog wendet dagegen ein:
"Mag ja sein, dass Todenhöfer tatsächlich den Eindruck hatte, dass es in Mossul ganz heiter ist. Dass dies aber bloß eine geschickte Illusion ist, zeigt sich doch schon im Interview mit dem Überläufer, bei dem vier schwer bewaffnete IS-Kämpfer mit Sturmhauben permanent ringsum stehen. So normal ist das da in Mossul."
Und, was Todenhöfers Gespräch mit dem Solinger Jihadisten anbelangt:
"Natürlich ist es interessant, wie diese Typen ticken, die aus Deutschland nach Syrien oder den Irak gegangen sind, um sich dem IS anzuschließen, aber darüber, über den persönlichen Antrieb, erfährt man bei Todenhöfer nichts. Und was im Kopf der Terroristen vor sich geht (Alle umbringen!), kann man sich inzwischen auch ganz gut selbst ausmalen. Doch bei RTL darf der Terrorist das alles noch mal verbreiten. Todenhöfer fragt, ob denn mit Anschlägen in Deutschland zu rechnen sei? Der Überläufer sagt, man müsse sich gefasst machen. Und Todenhöfer hakt nach: 'Größere Anschläge? Oder Anschläge von Einzelpersonen?' Da fehlte es nur noch, dass sie eine Deutschlandkarte auspacken und rote Kringel einzeichnen."
Aber natürlich können Todenhöfer und RTL kein Psychogramm von "Abu Qatadah" alias Christian Emde liefern. Das wollen sie nicht und es wäre auch vermessen. Und natürlich wüssten wir (und vor allem die Sicherheitskräfte) gerne etwas über Anschlagspläne, um sie zu vereiteln.
Auch ist die "Normalität" vor Ort keine nach unserem Verständnis. Sie muss aber wiederum nicht zwangsläufig gänzlich wirklichkeitsferne Fassade sein, hinter der die Einwohner Mossuls permanent in Furcht und Schrecken vor dem Terror der Radikalfundamentalisten dahinvegetieren. Ein Bild übrigens, das in westlichen Medien gerne zumindest angedeutet wird, was wiederum den Auslands-Oscar-nominierte französisch-mauretanische Spielfilm TIMBUKTU von Abderrahmane Sissako so wertvoll macht. Dieser setzt eben nicht, auch wenn es verschiedene Kritiken (etwa Oliver Kaever auf Spiegel-Online) so irreführend darstellen, dumme wie perfide Jihadisten in Mali gegen arme, unterdrückte Bevölkerung, letztere von ersteren immerzu schickaniert oder unmenschlich behandelt, auf dass man die Hände ringen und die Fäuste gen Himmel schütteln möchte.
| TIMBUKTU |
TIMBUKTU hat keinen Respekt vor den Anliegen und Methoden der Islamisten, aber er zeigt sie auch, wie sie selbst immerzu mit der Scharia-Auslegung ringen müssen, und in der Freundlichkeit, mit dem sie einen Verurteilten auf den Laster helfen, der ihn zur Hinrichtung fährt, steckt mehr Kritik und Unbehagliches, als sie jede (Selbst-)Karrikatur des rasenden Radikalen verbreiten kann.
Zurück zu Todenhöfer und RTL. Dass sie dem IS eine Bühne bieten, ist nun ein altes Einwandsmodell, wenn es um das Verhältnis von Terrorismus und Medien geht. Fairerweise muss man denn auch den Aufbau der Sendung in Rechnung stellen: Todenhöfer selbst steht mit seiner Subjektivität im Mittelpunkt, wird befragt und somit zum Gegenstand. Das hat unweigerlich etwas Eitles, ist jedoch Versuch einer Distanzhaltung über den Ansatz einer Meta-Berichterstattung.
Dass Todenhöfer ein geschöntes Bild Mossuls vor Ort bereitet wurde, sollte jedem klar sein - und ist aufgrund der Unweigerlichkeit deshalb dem Bericht nachzusehen. Die Alternative wäre, gar keinen Einblick nicht nur nicht zu liefern, sondern rundheraus zu gestatten. Die Sondersendung ist aber gerade deshalb so spannend, weil sie zwischen einer (wie auch immer gestalteten und gelungenen "neutralen") Beobachtung einerseits und einer Propaganda-Aktion andererseits einen haltbaren Standpunkt finden und verschiedene (Selbst-)Inszenierungen vereinen möchte: die des IS mit seinem deutschen ad-hoc-Sprecher, die von Todenhöfer - und die von RTL, dem, wiewohl sich als "Nachrichtensender" seriös gerierend, an einem unheimlichen Monster-Regime gelegen ist. Einem Regime, dessen Unterdrückungs- bis Ausrottungsziele man in einer animierten Infografik nachgerade selbstparodistisch zusammenfasst und veranschaulicht (die Juden und die Christen hier, die Schiiten dort ein Kästchen).
So ertappt man sich als Zuschauer, durch all die Instrumentalisierungen der Sichtbarkeit das Barth'sche "Punktum" zu suchen in den Bildern aus einem Mossul, das ja kein Potemkinsches Dorf oder das Seahaven einer Truman-Show ist. Der Verkehr fließt im Hintergrund, Menschen gehen ihrem Alltagsgeschäft nach. Die vermummten, bewaffneten Aufpasser tun wiederum das Übrige, das ihre, wirken dabei paradox. Als präpotente Demonstration der der Stärke sind sie doch nur Ausweis der Machtlosigkeit, die es nicht mal gestattet, den Schein der Normalität die wenigen Meter vor dem Kameraobjektiv von Todenhöfers Sohn hinzubekommen. Vielleicht aber hat genau das Todenhöfer beabsichtigt und inszeniert, um sich selbst zwar kokett in einer Ausnahmesituation als wagemutiger Handlungsreisender in Sachen Wahrheit zu präsentieren. Jedoch zugleich auch die Irrealität der (eigenen) Situation auszustellen, die anders nicht hätte hintergangen werden können.
Es hinkt denn auch Niggemeiers Vergleich mit den jüngsten "Augenzeugen"-Videos des IS-Gefangenen, dem britischen Journalist John Cantlie, der nach Lend-my-your-Ears-Kommentaren aus dem Kellerloch sich ebenfalls in Mossul umschauen und sogar Motorrad fahren durfte. Dieses Video ist zwar ebenfalls alles andere als eine neutrale Berichterstattung, auch dieses rückt den Berichterstatter selbst in den Mittelpunkt. Nur schlägt durch die Aufnahmen, die den Eindruck vom Leben in der Stadt "korrigieren" wollen - dabei vielleicht tatsächlich im Einzelnen wahr sein mögen (Dauer der Stromversorgung?) - stets das Drama Cantlies durch, der auch schon in zwei Dabiq-Magazinen, der offiziellen Hochglanz-PDF-Postille des IS, zu Wort kam und die US- und UK-Regierung, durchaus profund, aber eben angesichts seiner Lage nicht diskutabel, kritisierte.
Man könnte Cantlie als trauriges Beispiel für das Stockholm-Syndrom abtun, aber das ist zu einfach. Sieht man Cantlie, liest in Dabiq die Worte und dazu Rukmini Callimachis Bericht in der New York Times über Umstände der Geiselhaft entführter Westler und der Verbitterung, nach Scheinexekutionen und Folter, zusehen zu müssen, wie Gefangene anderer Nationen aufgrund Lösegeldzahlungen ihrer Länder freigelassen wurden, während zusammen mit der US-amerikanischen die britische Regierung auf dem strikten Nicht-mit-Terroristen-Verhandeln beharrte - ja, vor diesem Hintergrund mag man Cantlie gerne echte seelentiefe Enttäuschung zugestehen. Eine, die dann vielleicht weniger an den IS heranrücken lässt, aber mit ihm den gleichen Gegner teilt. Eine, die zum verzweifelten Kalkül hinzukommt, sich für eine propagandistische Instrumentalisierung herzugeben, um das eigene Leben vor der Kamera für die IS-Extremisten wertvoller zur machen als den Tod.
Vergleicht man aber dieses letzte Cantlie-Video und mit der RTL-Sondersendung, fällt nicht nur einmal mehr die formale Professionalität des "al-Hayat Media Center" auf, sondern auch, dass ausgerechnet die Propaganda der Jihadisten zumindest in der rahmenden Präsentation in puncto Aufmachung und Tonalität weniger reißerisch und fast glaubwürdiger daherkommt als die Sendung des Privatsenders RTL. In "From Inside Mosul" sieht man keine Wächter in Sturmhaube, im Gegenteil, großen Wert darauf gelegt, nicht nur eine Normalität auf ihrem Territorium zu vermitteln, sondern ebenso eine Cantlies.
Wenn man also die RTL-Sendung (negativ und freilich gleichsam hinkendend) vergleichen will, dann mit Medyan Dairiehs VICE-Dokumentation aus dem syrischen Raqqa, die ein Scoop war, weil es die ersten "eigenen" Bilder aus dem Kalifat (und noch dazu aus dessen Hauptstadt) lieferten. So gierig oder zumindest bedürftig war man, dass eine Spiegel-Titelgeschichte 2014 fast nur aus der Informationen aus diesen VICE-Aufnahmen bestand. Hier fehlte der relativierende Dokumentierer als Instanz in und vor den Bildern eklatant, und die sonnige Hochglanzoptik, die glücklichen Kinder und beseelten Indoktrinatoren, all das unterschied sich inhaltlich und gestalterisch erschreckend wenig von dem, was der IS selbst herstellt und verbreitet.
Man kann denn auch den Aufnahmen Todenhöfers das Spektakelhafte einer Reise ins Herz der Finsternis vorwerfen, die Gefahr und Täuschung immer schon miteinkalkuliert und zum nervenkitzeligen Reiz erklärt, nicht aber bloße, schöne Vermarktung im Einklang mit den Zielen des IS.
Allein schon die trockene Frage des Besuchers nach dem Status der Schiiten in der Ordnungsvorstellung des IS, "Abu Qatadahs" sachlich-schreckliche Selbstverständlichkeit (eine, mit der Angler oder Modeleisenbahner über ihre Hobbies Auskunft geben), dazu die Situation per se: all das vermittelt jenseits des Inhalts der Worte eine so bizarre wie grausige Erkenntnis, ein Zusatz-Wissen, wie sie über die Vorstellungen der blutrünstigen Fanatiker ebensowenig zu haben ist wie in der kühlen Lage- und Ideologiebschreibung erklärender Nahostexperten oder der Tagesschau. Die Banalität des Bösen kommt manchmal eben im Kostüm einer Realsatire daher, die man intuitiv in sarkastischen extra-3-Bildbearbeitungen wie der folgenden diffus intuitiv registrieren, der man aber so nicht wirklich zu ihrem wahren Ausdruck verhelfen kann:
Im "Original" verweist der mollige Islamist mit dem Flusenbart auf durchaus unbequeme (Nach-)Fragen Todenhöfers auf das (Todes-)Urteil des Islams, das über Abtrünnige (hier eben: Schiiten) verhängt sei. Spricht's, lächelt und wackelt bubenhaft von einem Bein aufs andere. Die Aufnahme wird harsch unterbrochen, zurück in Landhausstudio zu Todenhöfer und RTLs Christoph Lang. Das klänge sehr unreflektiert, so Lang, daher: "Ist IS ein Sammelbecken für radikale Dumme?" Todenhöfer überlegt, dann: "Das sind hochintellektuelle Leuten im Hintergrund und dass wäre so ähnlich, als ob Sie sagen würden 'Lenin sei ein dummer Mensch gewesen'. Es war ein gefährlicher Mann, weil die Ideen so gefährlich und so einfach und so brutal waren [...]." So seien auch die Ideen des IS.
Soll man lachen, soll man weinen? Sich aufregen, weil Todenhöfer Lenin mit Abu Bakr al-Baghdadi vergleicht (irgendwie)? Sich ängstigen, angesichts dessen, was Abu Blabla im Alltagsdeutsch da von sich gibt, leider mit vermummten Kalaschnikow-Trägern im Rücken? Oder den Kopf schütteln, weil ja eigentlich jeder ideologischer Standpunkt, der sich auf eine höhere Autorität beruft, "irgendwie unreflektiert" klingt? In diesem wenigen Sekunden wird das ganze heillose Problem unseres "westlichen", genauer: demokratischen, säkularen, medialisierten, selbstreflexiven und -referenziellen, ironie-verliebenten, wertrelativisistischen, diskurs-ethischen (gerne auch alles für Skeptiker nach Bedarf in Anführungszeichen zu setzen) (Non-)Verhältnisses zu extremistischen Jihadisten nackt auf den Punkt gebracht. Inklusive des harten Schnitts, der unmittelbar zur absichernden Analyse und mithin Distanzierung führen muss. Die Meta-Ebene als Rettungsfloß.
Todenhöfer - auch das übersieht Niggemeier (oder verweigert sich dem Zynismus, was ihn wiederum adelt) - liefert nicht nur dem IS das Bild, dass dieser von sich in den westlichen Medien gerne sieht, sondern das er sich auch selbst verheißt: Gekommen, um zu bleiben. Es ist kein Übergangphänomen. Da helfen auch keine Bomben, so Todenhöfer sinngemäß.
Das freut auf der einen Seite die Medien - nicht nur RTL -, weil es die einträgliche Gefahr und Dämonie nachrichtenwertig bestätigt, zugleich unterläuft es sie, weil sie mit der kühlen "Normalität", die Todenhöfer mitbringt, doch stets nicht soviel anfangen können, um sie nicht ins Heiße des Ausnahmezustands drängen und verschieben zu wollen. Schon die abwertenden, stets das Schreckliche, das "Andere" des IS beschwörende Anmoderation, staunt eher über Todenhöfer und seinen Besuch beim Teufel, weshalb auch der Journalist als das eigentliche wundersame Phänomen der Sendung daherkommt: In diese gänzlich ferne Fremde, wohin die verlorenene Seelen (der Fundamentalisten und Konvertiten hierzulande und sonstwo) hingehen, das kann man doch gar nicht betreten, als einer von uns. So als Ausnahme-"Normaler".
Todenhöfers Reisebericht bzw. die Sondersendung "Wer uns nicht anerkennt, den werden wir töten" finden Sie HIER auf der Website von RTL.
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