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10.02.2012

Traditertes Antlitz von Revolte und Widerstand



Alan Moore, V for Vendetta und Anonymous

Wenn er auch kein wirklich deutliches Statement zur amorphen Hacker-Gruppierung Anonymous und vor allem zu deren praktischer wie emblematischer Verwendung der Guy-Fawkes-Masken liefert: Alan Moore, Altmeister des erwachsenen Comics und der ernsten Graphic Novels (u.a. schrieb er die Reihe Watchmen) äußerst sich HIER zur Terrorismus-und-Revolutionstradition, die seinem Klassiker V for Vendetta vorausging und nachfolgte.

Die Comic-Serie entstand Anfang der 1980er unter dem Eindruck eines eskalierenden (Anti-)Thatcherismus. Die Dystopie spielt in einem faschistischen England nach der Ost-West-Konfrontation. Dort kämpft ein einsamer namenloser Umstürzler mit terroristischen Mitteln gegen das totalitäre System - maskiert mit der Larve des katholischen Offiziers Guy (eigentl. Guido) Fawkes. Dieser war in den geplanten Anschlag (dem Gunpowder-Plot) am 5. November 1605 verstrickt: Der protestantische König Jakob I., seine Regierung und das gesamte Londoner Parlament sollten mit rund 2,5 Tonnen Schießpulver in die Luft gejagt werden. Dem Ereignis wird heute noch im Vereinigten Königreich feierlich gedacht, auch wenn aus den Guy-Fawkes- nun neutral die Bonfire-Nights geworden sind.



Die Maske des Helden "V" wurde nicht nur aufgrund der Comics, sondern wohl mehr noch durch die Warner-Bros.-Verfilmung von 2005 mit Natalie Portman und Hugo Weaving bekannt. Die Fawkes-Masken gehörten zwar davor schon zu den Feier- und Feuernächten dazu, wie Moore erklärt. Die aktuelle, weitverbreitete stilisierte Version in Schwarz und Weiß mit dem spöttischen Lächeln geht aber zurück auf den V-for-Vendetta-Zeichner David Lloyd.



Heute ist die Maske vor allem durch die Verwendung der Occupy-Bewegung und der Hacker-Aktivisten von Anonymous präsent und dabei eindrucksvoll symbolisch (und wohl sehr im Sinne Moores) appropriiert worden.



Die Internet-„Rebellen“ des losen Anonymous-Kollektivs machten in den letzten Jahren unter anderem von sich reden, indem sie per Datenklau, Webseiten“abschuss“ und anderen digitalen Aktionen gegen die tunesische Regierung während der Jasminrevolution, gegen iranische Regierungsstellen, SONY, Scientology, Rechteverwertungsfirmen oder Unternehmen wie PayPal oder Mastercard, als diese WikiLeaks-Konten sperrten, vorgingen und vorgehen. Erst vor Kurzem veröffentlichte Anonymous den Mitschnitt einer Telefonkonferenz zwischen dem FBI und Scottland Yard. In der Schaltung wurde das Vorgehen gegen die Hackergruppierung LulzSec diskutiert sowie der Fall zweier vermeidlicher LulzSec-Mitglieder, die in England in Haft sitzen.

29.11.2011

CfP: 10. Workshop des Netzwerks Terrorismusforschung



"Terrorismus und (Inter-)Kulturalität"

Wie hier schon angekündigt, findet der 10. Workshop des Netzwerks Terrorismusforschung am 16. und 17. März in Mainz an der Johannes Gutenberg-Universität statt. Besonders als Co-Sprecher des NTF freue ich mich, diesen "runden Geburtstag" an unserer Filmwissenschaft ausrichten zu dürfen. Diese bildet seit Kurzem zusammen hier am Rhein mit der Theaterwissenschaft und Kulturanthropologie/Volkskunde ein eigenes Institut.

Schwerpunktthema der halbjährlich stattfindenden Veranstaltung ist diesmal "Terrorismus und (Inter-)Kulturalität"; erbeten und gewünscht werden jedoch auch Vortragsvorschläge aus anderen Bereichen der Terrorismusforschung und -prävention.

Den entsprechenden Call for Papers und weitere Informationen finden Sie als pdf-Datei hier auf der Website des Netzwerks Terrorismusforschung.

Das Netzwerk Terrorismusforschung ist ein Zusammenschluss von mittlerweile über 300 jungen WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, die sich mit Fragen und Problemen des Themenbereichs Terrorismus und Terrorismusbekämpfung befassen. Es soll Kontakte schaffen und als Forum dienen für Ideen- und Informationsaustausch, zur Vorstellung von Projekten sowie deren gemeinsamer Initiierung, Planung und Realisierung.

Das zentrale Werkzeug ist neben der Website und dem Mailverteiler der halbjährlich stattfindende Workshop. Auf diesem können laufende wie abgeschlossene Arbeiten sowie Projekte präsentiert und diskutiert werden. Das Netzwerk Terrorismusforschung steht darüber hinaus Interessierten aus Medien, Verwaltung und Politik offen und bei Anfragen – z.B. für den Kontakt mit Experten bei spezifischen Fragen – zur Verfügung.

Weitere Information unter www.netzwerk-terrorismusforschung.de

zyw

04.09.2011

Texte gesucht....

Hier ein neuer
Call for Publications:

Theme: Terrorism and Violence
Publication: Journal of International Relations Research
Date: Issue 1
Deadline: 1.12.2011

___________________________

The Inaugural edition of the Journal of International Relations Research (JIRR) will be themed around Terrorism and Violence. We invite submissions from authors in a variety of formats including reviews, blogs, polemics and full-length articles. To be published in (traditional) electronic text format AND in a dynamic web version
featuring interactive multimedia features that make the most of web 2.0.

The human fascination with violence and terrorism is evident in the wealth of multimedia news reporting as well as academic and popular writing on the subject. But how does this reflect on society and the subject matter at hand? Are contemporary narratives, explanations and analysis providing fruitful or even sufficient representations of the realities? JIRR would venture not and invites the world IR community to contest this assumption.

We welcome submissions focusing on individual and group level explanations for the trend of those who engage in terrorism and violence. Be it on an empirical, philosophical or theoretical basis, JIRR ascribes no preferred method; our only stipulation is for quality and originality of the contribution. Examining the dynamics of counter-terrorism bodies should also be considered, as should the media coverage and aspects of public debate, philosophy and response.

Articles that represent comprehensive academic research into terrorism and violence are most welcome, be they in the guise of chapters of forthcoming works that read well as stand-alone pieces or as purposefully structured journal articles contesting issues in the field. Polemics are intended to be shorter essays designed to be countenances to work authored previously or critical and controversial pieces designed to raise questions and shape future debate. We also welcome entertaining reviews of relevant books, film and other media that speaks to IR debates on terrorism and violence.

JIRR is uniquely set up to accommodate a range of multimedia aspects and authors wishing to submit appears in non-traditional formats are encouraged. This subject would lend itself well to a photo-essay for instance or video report. As an Open Access Online journal we will feature video, pictures, diagrams and other dynamic features that help to illustrate the issues at hand. This distinctive characteristic of JIRR obviously equips the journal well for coverage of Terrorism in its 21st century guise and authors are encouraged to think of novel ways to supplement their written paper with multimedia referencing.

The ultimate issue publication deadline is 1st December, though submissions should be sent in well in advance of this date to ensure publication. Once complete the article/polemic/review will be published online in our dynamic web format, in advance of the publication of the text and download versions.

Our Submission guidelines can be found on our website and all submissions should be sent to:
submissions@journalofinternationalrelationsresearch.com


Contact:

Tom Smith, Issue Editor
Email: tomwbsmith@gmail.com
Web: http://www.journalofinternationalrelationsresearch.com

10.06.2011

Naxalismus im Film (1) - Einführung

Ein wenig ruhig ist es zuletzt hier auf Terrorismus & Film gewesen, was vor allem an zwei Buchbeiträgen lag, die ich fertigzustellen hatte: Der eine behandelte das Thema Terrorismus, Risiko, Risikokommunikation und Film; er wird in einem von Prof. Dr. Thomas Jäger von der Universität zu Köln herausgegebenen Reader „Der 11. September 2001“ beim VS Verlag erscheinen. Im zweiten Text geht es um indischen Naxalismus und sein Verhältnis zum Kino. Dr. Pradip Basu, Associate Professor des Scottish Church College in Kalkutta hat mir freundlicherweise gestattet, einen Beitrag zu seinem entsprechenden Sammelband beizusteuern, der noch in diesem Jahr erscheinen soll. Und das ist natürlich ein guter Anlass, sich endlich auch mal hier näher mit dem filmfiktionalen Naxalismus zu beschäftigen. Nur: Was soll das sein?

I.
Der Naxalismus, synonym verwendet mit ([gewalt-] agitatorischen) Maoismus, bezeichnet die linksrevolutionäre Bewegung, die politisch, auch agitativ oder „entwicklunsghelferisch“ tätig ist, die aber auch per Waffengewalt, mit Ermordungen, Entführungen, „Steuererpressungen“ und Anschlägen auf z.B. Zugverbindungen einen Guerillakampf in den ländlichen Gebieten Indiens gegen Großgrundbesitzer und Mienenfirmen, contractors, Polizei und die Staats- und Zentrumsregierung führt. Man findet die Naxaliten bzw. die großen, von ihnen beherrschten Gebiete vor allem im mittleren (u.a. in Andra Pradesh, Chhattisgarh, Orissa) und im nördlichen Osten (Jharkand, Bihar) der Riesen- und Flickenteppichnation Indien.



Der Begriff Naxalismus und die Bezeichnung der Maoisten als Naxals, Naxalbaris oder Naxaliten geht auf das Dorf Naxalbari in Westbengalen zurück, vor allem: auf den dortigen Bauernaufstand 1967. Dieser erfuhr große Aufmerksamkeit und Unterstützung durch die maoistische-kommunistische Partei, eher er nach 72 Tagen niedergeschlagen wurde (vgl. Kujur 2008, S. 2).

Auf (mindestens) drei Arten lässt sich (vom) Naxalismus erzählen: Als (Organisations-)Geschichte einer sozialrevolutionären Bewegung, von Gruppierungen, Spaltungen und Zusammenschlüssen im Zeitverlauf und vor historischen Hintergründen - so wie es Kujur (2008) mit seinem kurzen, aufschlussreichen Porträt über die wichtigsten Gruppen und Parteien tut. Oder als gesellschaftliches und historisches Großdrama, das von geschichtlichen verankerten und bedingten, gleichwohl zeitlosen Spannungen, Konflikten, Ungerechtigkeiten sowie ihren Parteien bzw. Protagonisten (Klassen), Verläufen und Dynamiken handelt. Und schließlich gibt es die einzelnen Individualtragödien, denen das große soziale und geschichtliche gewachsene Großdrama die Kulisse bietet, wobei ein Wechsel- und Austauschverhältnis zwischen diesem und den konkreten, persönlichen „Stories“ der einzelnen Protagonisten, ihren Handlungen und Erlebnissen besteht.

Wie auch in anderen Gegenden der Welt und insbesondere linksideologischen Konfliktfällen ist die Organisationsgeschichte des Naxalismus komplex oder zumindest unübersichtlich. Als Vorgeschichte ist, so Kujur, auf die Telangana Bewegung (1946-51) zu verweisen, wo zum ersten Mal Bauern unter kommunistischen Vorzeichen und, orientiert an der chinesischen Revolution, sich erhoben (vgl. Kujur 2008, S. 2). Die Kommunistische Partei Indien (CPI) spaltete sich nach dem indisch-chinesischen Grenzkrieg (1962), und auch danach, vor allem im Zuge des symbolkräftigen und öffentlich sehr präsenten Naxal-Aufstands, war und ist die linksrevolutionäre Maoistenbewegung diffus in ihren teils widersprüchlichen Strömungen und den Graden ihrer Radikalisierung.

Zu einem guten Teil rekrutierten sich die Aktivisten und späteren „Befreiungskämpfer“ aus jener politisch „erwachten“ Studentenbewegung, die, wenn man so will, Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre global von Berkeley über Paris, Berlin und Rom bis nach Tokio reichte. In Folge der Naxalitenerhebung gründete sich im Mai 1968 das All India Coordination Committee of Comunist Revolutionaries (AICCCR), aus dem wiederum die Comunist Party of India (Marxist-Leninist) – die CPI (M-L) – hervorging. Gemeinsam mit dem Maoist Communist Centre (MCC) führte sie unter dem „Naxalite guru“ Charu Majumdar den bewaffneten Kampf weiter. Als „Kurskorrigierung“ spaltete sich von der CPI (M-L) wiederum die CPI (M-L) Liberation ab, die stärker für die Massenmobilisierung der Bauern eintrat. 1980 wurde von N. Prasad, dem Maoistenführer von Bihar, die People’s War Group (PWG) gegründet; auch sie hatte eher eine Massenorganisation als eine breite demokratische Front im Sinn (vgl. u.a. Kujur 2008, S. 3).

Heutzutage finden sich kommunistische Parteien wie die CPI (M-L) Liberation in Parlamenten wieder, derweil die CPI (Maoist) als 2004 erfolgter Zusammenschluss des Maoist Communist Centre of India (MCC), der CPI (M-L) und der PWG mit ihrer People’s Guerilla Army (PGA) – gegründet als Reaktion gegen die Anti-Naxal-Aktionen der einzelnen Staaten – den militanten Weg verfolgen [1].

II.
Einfacher und hier interessanter sind jedoch die allgemeinen ideologisch komponierten Freund-Feind-Positionen, die den Naxalismus mit seinen Protagonisten und Antagonisten in einen großen narrativen Zusammenhang stellen. Da ist zum einen die prominent und vielfach kolportierte Haltung von Indiens Innenminister P. (= Palaniappan) Chidambaram, der die Maoisten als noch größere Gefahr als den radikalen Dschihadismus in Indien bezeichnete (Chidambaram 2010). Naxaliten erpressen und terrorisieren von diesem Standpunkt aus die Bevölkerung, missbrauchen sie und ihre soziale und ökonomisch schlechte Lage für ihre vorgeschobenen oder aber versponnenen, gestrigen Politvisionen und behindern die tatsächliche ökonomische Entwicklung und Verbesserung in den rückständigen Regionen Indiens.

Ein anderer und hier im Folgenden näher zu beleuchtender Standpunkt ist der eher „pro-naxalitische“, wie ihn prominent die Journalistin, Autorin und Politaktivistin Arundhati Roy mit ihrem langen Reportage-Essay Walking With the Comrades“ vertritt: Am 29. März 2010 veröffentlichte das indische englischsprachige Nachrichtenmagazin Outlook den 32-seitigen Text Roys (Roy 2010; auch online HIER). Es ist bei aller Tendenz und ausgestellter Subjektivität ein lesenswerter, mit eindrucksvollen, seltenen Fotos von Naxaliten garnierter Artikel. Er gibt einen tiefen, konzisen und persönlichen Einblick in die Welt der Naxaliten: Roy begleitete viele Wochen die Rebellen durch die Wälder des Dantewada Distrikts im Süden von Chhattisgarh, marschierte mit ihnen, schlief in ihren Waldlagern unter Sternen, hörte ihre Geschichten und nahm mit ihnen unter anderem am Stammesfest zur Erinnerung der Bhumkal-Rebellion der Adivas (= quasi die indischen „Indianer“) gegen das britische Empire im Jahr 1910 teil.

Vor allem ist Walking With The Comrades aber ein Paradebeispiel oder besser: insgesamt eine Mustersammlung von Argumentationsformen, -linien und -figuren hinsichtlich der Legitimation politischer (Untergrund-)Gewalt, vorgebracht von einem durchaus ethisch bewussten Standpunkt aus. Roy präsentiert typische Antagonismen; Echtheit versus Falschheit, Wahrheit vs. Lüge, Natur gegen Technisierung, Bewahrung vs. Zerstörung, Fluides gegen Starres, Eigenes vs. Fremdes, Freiheit vs. Eingesperrtsein, Autonomie vs. Fremdbestimmung.

Der vorherrschende Tonfall bei der Beschreibung der Naxaliten und ihrer Erfahrung mit ihnen ist geprägt von leiser Bewunderung, Staunen und einer gewissen Faszination angesichts der Fremdartigkeit, was die subjektiv-objektive Distanz zwischen Roy und ihren „Reiseführern“ sichert. Schon das Outlook-Titelbild ist beredt: Roy als nachdenkliche Zuhörerin und Chronistin lauscht in ihrem (für den Dschungelkampf viel zu leuchtenden) rot-weiß-karierten Tuch, das sie um Kopf und Hals geschlungen hat, aufmerksam den Ausführungen eines der „Genossen“, der inmitten anderer Naxaliten mit nach innen gekehrtem Blick dasitzt und – so implizieren Haltung und Ausdruck – etwas aus seinem tiefsten Inneren zum Besten gibt. Etwas, das Roy passiv und stumm (die Hand mit dem Stift vor dem Mund) noch nicht aufschreibt: Sie sammelt (noch), nimmt sich ganz zurück, ist neutrale „Wachstafel“.



Wie sich die Kameraden im Dschungel orientieren und bewegen, ihre Namen wechseln – das Naturwüchsige und Zivilisationsentsagte, das der Städterin Roys abgeht („I am told that I must on no account go even five feet away from my jhilli [eine Art Mantel, Plane oder Überwurf auf / unter dem/der geschlafen wird – B.Z.] without waking her. Because everybody gets disoriented in the dark and could get seriously lost“ – Roy 2010, S. 33 f.). Es verleiht ihnen etwas Unheimliches, aber auch Authentisches, das sie als Mensch selbst in ihrer Freiheit und radikalen Abkehr von (paternalistischen) Regeln, Normalitäten und Dominanzen faszinierend sein lässt – eine Freiheit in der Lebensweise, die ihre verführerischen Seiten hat:

I soon learned that Dandakaranya, the forest I was about to enter, was full of people who had many names and fluid identities. It was like balm to me, that idea. How lovely not to be stuck with yourself, to become someone else for a while“ (ebd., S. 28).

Zugleich sind die Naxals schon weiter, moderner, aufgeklärter als die üblichen tribals und Naturverwurzelten, und zwar im positiven Sinne: Sie korrigieren traditionelle, kultursoziale Mängel, stärken die Position der Frauen oder attackieren überlieferte „Ungerechtigkeiten“ wie die Abgabe und Bevorzugung von Dorfältesten. Ihr Kampf ist einer für eine klassenlose Gesellschaft, vor allem aber – und hier fallen Roys Globalisierungskritik und Ethnosympathie mit dem marxistisch-leninistisch-maoistisch Erfüllungskanpf zusammen – gegen die große ökonomische Ausbeutung, die Wald-, Land- und Kulturzerstörung durch übermächtige Großkonzerne und Großgrundbesitzer (von denen das staatliche Forrest Department der größte ist), sowie die sie deckenden korrupten oder gegenüber dem Leid gleichgültigen Staats- und Zentrumspolitiker samt einer brutal-grausamen Polizei und paramilitärischen Bewegungen und Verbände (der Salwa-Judum-Kampagne), für die Vergewaltigung und mörderische Vergeltungsaktionen Gang und Gäbe sind. Außerdem haben die Maoisten als Feind die die Wahrheit verdrehenden oder verzerrenden Medien (die zugleich die Bevölkerung gleichzuschalten, vom ihrer Herkunft und Kultur zu entfremden und zu sedieren drohen), sowie eine Armee, die zusammen mit anderen einzelstaatlichen und Unionssicherheitskräften wie der Central Reserve Police Force (CRPF) in der (vor allem medial so bezeichneten und offiziell dementierten) „Operation Green Hunt“ seit Ende 2009 eine so großangelegte wie ergebnislose Großoffensive gegen die Maoisten in mehreren indischen Staaten führen.

Besonders provokant wird Roy allerdings, wenn sie den indischen Zentralstaat und damit das ideologische „Hindustan“ als imperialistisch und kolonialistisch beschreibt:

Almost from the moment India became a sovereign nation, it turned into a colonial power, annexing territory, waging war. It has never hesitated to use military interventions to address political problems—Kashmir, Hyderabad, Goa, Nagaland, Manipur, Telangana, Assam, Punjab, the Naxalite uprising in West Bengal, Bihar, Andhra Pradesh and now across the tribal areas of Central India” (Roy 2010, S. 53).

Das ist so schmerzhaft wie unerhört, weil Roy damit radikal der (Selbst-) Vorstellung und Eigennarrative des modernen Indiens widerspricht, das sich nicht nur als bunte, vielfältige und offene Nation betrachtete, sondern auch als eine, die gerade selbst sich mit hehrer Kraft und Bestimmung als ehemalige Kolonie und Teil des britischen Empires von Fremdbestimmung und Ausbeutung befreit hat. Nachgerade subversiv-verräterisch erscheint die Haltung der streitbaren Roy denn auch, weil dieses ideographische Hindustan gerade im narrative Einsatz eben gerne gegen politische – vor allem separatistische oder ethnoreligiöse – Gewalt ins Feld geführt (und dort vor allem „verteidigt“) wird. Und das neue neoliberale Ideal des indischen kapitalistisch-globalistischen Aufstiegs verwirft sie ohnehin.

Die Naxaliten jedenfalls beschreibt sie als organisierte hingebungsvolle Verteidiger und Rächer von Landlosen und Kleinstbauern, Armen und marginalisierten Stammesvölkern gegenüber eine übermächtigen, erniedrigenden und ausbeuterischen Front von Gegnern. Dies als eindimensionales David-gegen-Goliath-Schema abzutun, fällt freilich schwer angesichts der realen Menschenrechtsverletzungen, von Unterdrückungen und Enteignungen. Das blutrünstige Bild, von – einigen – Medien und offiziellen Stellen (bisweilen) gezeichnet, sucht Roy oftmals spöttelnd, ironisch, zu konterkarieren. So schreibt sie über eine der Guerilla-Genossinnen pointiert:

She’s 17. She wears a homemade pistol on her hip. And boy, what a smile. But if the police come across her, they’ll kill her. They might rape her first. No questions will be asked. Because she’s an Internal Security Threat“ (ebd., S. 56).

Doch natürlich befindet sich auch Roy in der Zwickmühle, wenn es um die reale blutige Gewalt geht, derer sich auch die Maoisten in diesem Konflikt bedienen, um zu provozieren, zu vergelten und Aufmerksamkeit zu erzwingen. Freilich kokettiert Roy mit dem moralischen Dilemma und ihrer Position als Außenstehende, insbesondere, wenn sie schließlich doch und erstaunlich unverblümt das wohl klassischste, gar fundamentalste Rechtfertigungsargument jedes Rebellen, Widerstandskämpfers und letztlich auch Terroristen präsentiert: das der schrecklichen, aber auferzwungenen Ultima-Ratio-Gewalt:

I feel I ought to say something at this point. About the futility of violence, about the unacceptability of summary executions. But what should I suggest they do? Go to court? Do a dharma at Jantar Mantar, New Delhi? A rally? A hunger strike? It sounds ridiculous. The promoters of the New Economy Policy – who find it so easy to say “There I No Alternative” – should be asked to suggest an alternative Resistance Policy. A specific one, to these specific people, in this specific forest. Here. Now” (Roy 2010, S. 44).

Abstrakte Moral wird hier gegen konkrete Missstände und Probleme gestellt, die – beide – nur den „Bösen“ dienen; demokratische Beteiligung bietet ebenso wenig wie das religiöses Bitten (die Religion als das Volks-Opium) einen Ausweg. Politisch korrekt ist das sicher nicht, zumindest nicht, wenn der Primat des Handelns und Griff zur Waffe in eins gesetzt wird. Mit der dann Polizisten, Landbesitzer und Forstbeamte – neben Informanten – erschossen werden.

III.
Zwischen nett und naiv sowie heldenhaft und aufopferungsvoll, zwischen romantisch, tragisch und harmlos: so changieren die Maoisten in ihrem Wesen bei Roy; und hierbei gelangt man zum dritten Erzählansatz, mit dem man dem Naxalimus begegnen kann: neben der Makro- und Meso- die Mikroebene, die Geschichte(n) des Einzelnen. Es ist der Level, auf dem – wie überhaupt – auch der Spielfilm operiert, der von Eisenstein bis Godard und darüber hinaus zwar abstrakte Formulierungen in Montage, Bild, Figuren, deren Worten und Handlungen finden mag, der aber für die meisten Menschen populär-fiktional ist. Der psychologisch nachvollziehbares Personal, eine halbwegs geschlossenen Erzählwelt und eine klare, kausale Dramaturgie offeriert. Nicht anders eben, wie bei Roy oder wer sonst davon berichtet, wie sich ein Kamerad und Genosse den bewaffneten oder unbewaffneten Maoisten anschließt, was ihn dazu bewegt, seine Motive, Erfahrungen und Beobachtungen – kurz: Jene psychologische und biografische Ursache-Wirkung-Relation, ohne die auch die großen Erzählungen der Klassen und Schichten, von den Konzernen, dem Staat und den Rebellen schließlich nicht völlig auskommen.

Spielfilme haben die Möglichkeit, diesen entindividualisierten Gruppengebilden, den Kollektivwesen (bis hin zum „Leviathan“) einzelne stellvertretende Gesichter zu geben, aber auch, einen Keil hineinzutreiben, die immer auch funktionalen Zusammenfassungen (und Homogenisierungen) wieder aufzusprengen und die Mono-Identität, die man als „Polizist“, „Maoist“, „Dalit“ („Unberührbarer“) oder „Adivasi“ ebenso wie als „Muslim“ oder „Hindu“, als „Mann“ oder „Frau“ allbestimmend zugeteilt bekommt, in jene Vielfalt (wieder) zerbricht, die den Einzelnen nun mal ausmacht. Jene Gleichmacherei des ggf. Anderen die oftmals politische Kämpfe mehr bestimmen können als historische, politische oder sonst welche Bedingungen, Bestimmungen und Mechanismen [1].

Hier soll denn auch nicht weiter auf Roy und Walking With The Comrades eingegangen werden, wenn auch der Text als Paradebeispiel noch nähere Auseinandersetzungen in narrativ-rhetorischer Hinsicht lohnt. Roys Artikel wird jedoch immer wieder in den kommenden Beiträgen über einzelne Film zum Naxalismus wieder aufgegriffen werden, um Argumentations- und Erzählmuster zu vergleichen und Themen zu verdeutlichen, die mit der Bewegungen verbunden sind und auch bewusst verknüpft werden (wie der frauenemanzipatorischer Rolle des Untergrundkampfes).

Im Zentrum der Reihe „Naxalismus im Film“ wird die Frage stehen, wie Spielfilme mit der ideologisch-politischen Herausforderung, die die Maoisten nicht nur für die staatliche Ordnung, sondern auch an die Politik des – nicht nur – populären indischen Kinos darstellen, umgehen und welche narrative Strategien daraufhin angewandt oder aber weiterentwickelt werden.

Allen, die sich mit zur Problemlage des Naxalimus-Bewegung bzw. der indischen sozialistisch-maoistischen Revolution in Indien ein wenig näher befassen wollen, seien an folgende im Internet verfügbare Quellen verwiesen:

- HIER der entsprechende englische Wikipedia-Eintrag (ein recht eingehender Einstiegsartikel)

- der entsprechende Backgrounder des South Asia Terrorism Portal (SATP): HIER

- Navlakha, Gautan (2006): Maoists in India. In: Economic and Political Weekly, 3. Juni, S. 2186–2189. (HIER)

- Harriss, John (2010): The Naxalite/Maoist Movement in India: A Review of Recent Literature (Institute of South Asian Studies – ISAS – Working Paper Nr. 109, 8. Juli). (HIER)

- Giri, Saroj (2009): The Maoist „Problem“ and the Democratic Left in India. In: Journal of Contemporary Asia, 39. Jg., Nr. 3, S. 463 – 474. Kommentar zur Debatte um den Naxalismus, u.a. auch zu Roy (d.h. ihren älteren Stellungnahmen) des Politologen der University of Delhi. (HIER)

- Die Übersicht über Naxal- und Anti-Naxal-Aktivitäten und -Entwicklungen in Chhatissgarh aus dem Jahr 2007 mit einer Auflistung einzelner Vorfälle:
The Naxals get lethal. Chhattisgarh continues to be the epicenter of the conflict. In: Naxal Conflict Monitor (Quarterly briefing paper of the Asian Centre for Human Rights (ACHR) in New Delhi). 2. Jg., Nr. 3 (Juli/September) (HIER)


Bernd Zywietz



[1] Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf Amartya Sen und sein Buch Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt (erschienen 2007 bei C.H. Beck in München, bei dtv in München 2010 und zu beziehen als Lizenzdruck von/bei der Bundeszentrale für politische Bildung) – neben anderem eine Replik auf Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Sen, der aus Westbengalen stammt, hat selbst die fatale Macht und den Irrsinn eilfertiger Identitätszuteilungen und entsprechender Reduzierungen von Menschen miterleben müssen, zum Beispiel während seiner Kindheit, als ein von einem Hindu aus Hass niedergestochener Muslim sich in Sens Elternhaus retten musste.


Literatur:

Chidambaram, Palaniappan (2010): „We will finish the Maoists in two to three years“. South Asia: Securing the Future. (Rede auf der India Today Conclave). In: India Today, Nr. 13, S.24–26.

Kujur, Rajat (2008): Naxal Movement in India: A Profile. (IPCS Research Papers). New Delhi: Institut of Peace and Conflict Studies.

Roy, Arundhati (2010): Walking With The Comrades. In: Outlook, 29. März, S. 22–59.

15.02.2011

PM zu WER WENN NICHT WIR: Webplattform und mehr


Eine Pressemeldung von Senator Film zu Andres Veils WER WENN NICHT WIR, die ich hier um Werbesprech etwas bereinigt wiedergebe:

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WER WENN NICHT WIR
Diskussionsplattform zu Andres Veiels Kinofilm geht online!



(D)ie von Regisseur Andres Veiel und Senator Film initiierte Webplattform zum Film WER WENN NICHT WIR (ist )mit freundlicher Unterstützung der taz ab sofort online zugänglich (...) unter:

www.werwennnichtwir-film.de

(...) Verschaffen Sie sich einen ersten Eindruck über Trailer, Fotos und begleitende Hintergrundtexte. Im Blog und der Diskussionsplattform bietet die Filmhomepage darüber hinaus gezielt die Möglichkeit, sich im Zusammenhang mit den Themen des Films über weiterführende, immer noch aktuelle politische Fragestellungen zu informieren und an brisanten Diskussionen teilzunehmen:

Anlässlich der am 14. Februar im Hamburger Institut für Sozialforschung stattgefundenen Buchpräsentation von Wolfgang Kraushaars neuester Publikation „Verena Becker und der Verfassungsschutz“ können Sie nachlesen, wie es an diesem Tag zu einer besonderen Wendung kam. Wolfgang Kraushaar, der hauptsächlich sein neues Buch vorstellen wollte, überraschte alle Anwesenden: Nach langen Recherchen zu seinem Verdacht der Einflussnahme des Verfassungsschutzes auf die des Mordes an Buback verdächtigte Verena Becker hatte er nun eine echte Sensation in der Hand: Einen neuen Zeugen im Fall Verena Becker.

An der Pressekonferenz haben neben Wolfgang Kraushaar auch Stefan Aust und Michael Buback teilgenommen.

Jeder interessierte Webnutzer kann das angeschlossene Diskussionsforum zum Film nutzen, um sich mit seiner persönlichen Meinung und mit eigenen Fragestellungen aktiv einzubringen. Autor und Moderator Nilz Bokelberg – seit fünf Jahren selbst aktiver Blogger – wird die Diskussion und das Blog zum Film WER WENN NICHT WIR begleiten. Selbstverständlich wird die Filmhomepage laufend um aktuelle Informationen und offizielle Termine in Zusammenhang mit dem deutschen Kinostart am 10. März 2011 ergänzt werden.

Im Editorial der Filmhomepage verrät Andres Veiel die Motivation zu seinem Spielfilmdebüt und lädt gleichzeitig alle Film- und Kulturinteressierte ein, zusammen mit weiteren Gastautoren und Experten im Online-Diskussionsforum an einer regsamen Auseinandersetzung mit den Themen, die sein Film erzählt, teilzunehmen und in aktuellen politischen Diskussionen weiterzuführen:

Als ich vor ein paar Jahren mit den Recherchen von WER WENN NICHT WIR anfing, habe ich schnell gemerkt, wie wenig wir über die wissen, die mit ihrem politischen Aufbruch in den 60er Jahren die Republik nachhaltig verändert haben. (...) Im Winter 1967 hieß es in einer Umfrage, die Studenten seien nur mit sich selbst und mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt. Keine vier Monate später waren Hunderttausende auf den Straßen, in Deutschland und überall auf der Welt. Was sind die Antriebskräfte damals gewesen? Warum waren es gerade Bernward Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Baader, die sich radikalisiert haben, jeder auf seine Art? Wie weit spielt das Private da hinein, ihre Vorgeschichte, ihre verrückte Liebe? Was waren die Chancen dieses Aufbruchs, was die Irrtümer? Kann man aus Geschichte lernen? Oder fangen wir immer wieder von vorne an? (...) Im letzten Jahr zeigte sich, dass es immer mehr Menschen gibt, die ein großes politisches Unbehagen haben, die sich nicht mit allem abfinden wollen. Sie fühlen sich von einer Politik nicht mehr vertreten, die vom Sound des Sachzwangs und von Partialinteressen definiert ist. Die Sehnsucht nach einem politischen Aufbruch ist heute nicht weniger vorhanden als Ende der 60er Jahre – wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen.“

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Die erste Vorführung von WER WENN NICHT WIR findet am kommenden Donnerstag auf der Berlinale statt. Wir werden hier darüber berichten.

(zyw)

31.01.2011

MdB Mayer zu seinen FOUR-LIONS-Bedenken

Offenbar hat Herr Stephan Mayer, CSU-Bundestagsabgeordneter, trotz der Nicht-Zustell-Nachricht als „Reaktion“, meine E-Mail-Anfrage doch erhalten. Denn heute erhielt ich folgende Antwort, die ich hier gerne veröffentliche.

Auch wenn meinerseits der Verdacht besteht, dass dies vielleicht eine Art Formschreiben ist, das in Reaktion auf die Debatte um die Satire FOUR LIONS und Herr Mayers Bedenken aufgesetzt und jedem Anfragenden zugestellt wurde und wird, danke ich Herrn Mayer und seinem Büro sehr dafür. Insbesondere freut mich die Richtigstellung hinsichtlich der Forderung nach einem Verbot des Films.

Allerdings wird auch hier wiederum nicht auf die Frage eingegangen, in welcher Hinsicht Bedenken seinerseits bestehen – im vorletzten Absatz ist von „Befindlichkeiten“, die vielleicht nicht „verstärkt“ werde sollte, die Rede, doch nicht, wessen Befindlichkeiten. Die von Deutschen, die sich einer verstärkten Polizeipräsenz an Bahnhöfen gegenüber sehen? Oder die von Muslimen, die sich hierzulande durch FOUR LIONS und seine Darstellung von britisch-pakistanischen Islamisten verunglimpft oder gar provoziert fühlen könnten (daher der Verweis auf die Mohammedkarrikaturen)? Vermutlich beides.

(Im Übrigen habe ich mir erlaubt, hier zur Illustration ein Foto von Herrn Mayer (links auf dem Bild) von seiner Website einzufügen; ich hoffe geht für ihn in Ordnung.)



Sehr geehrter Herr Zywietz,

nach meiner Stellungnahme im Spiegel TV Magazin am Sonntag, den 09.01.2011 bezüglich der Satire "Four Lions", die bisher nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde, erlaube ich mir unter Bezugnahme auf Ihre E-Mail vom 09. Januar 2011 auf die von Ihnen geäußerte Kritik einzugehen.

Vorab möchte ich deutlich machen, dass ich weder im Fernsehinterview, noch im Gespräch mit den Journalisten ein Verbot des Films gefordert oder in irgendeiner Hinsicht angeregt habe. Sämtliche Unterstellungen hinsichtlich einer Forderung nach Zensur oder Verbot entbehren somit jeder Grundlage und sind auch inhaltlich nicht mit der von mir geäußerten Position zu vereinbaren.

Selbstverständlich bin ich der Auffassung, dass zentrale demokratische Werte, wie die Pressefreiheit in keiner Weise eingeschränkt werden dürfen. So wie beispielsweise im Umgang mit Personen von hohem öffentlichen Interesse von seriösen Medien in aller Regel eine Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und der Privatsphäre vorgenommen wird, habe ich den Appell an die Medien gerichtet in den Wochen erhöhter Terrorgefahr nicht unbedacht "Öl ins Feuer zu gießen". Bei der Diskussion um die so genannten Mohammedkarikaturen habe ich selbstverständlich eindeutig Position für die freie Meinungsäußerung bezogen. Grundsätzlich hielte ich es auch für sehr bedenklich mit Blick auf mögliche Reaktionen in vorauseilendem Gehorsam unsere Lebensgewohnheiten zu verändern.

Unter Berücksichtigung der derzeitigen besonderen Bedrohungssituation, die sich unter anderem in den deutlich erhöhten Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen, Bahnhöfen und zentralen Liegenschaften oder Veranstaltungsorten, manifestiert, habe ich lediglich in Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, die Befindlichkeiten in dieser besonderen Situation - ausdrücklich zeitlich begrenzt - durch eine derartige komödiantische Auseinandersetzung zu verstärken. Die Fehlinterpretation, mir ein Verbotsersuchen zu unterstellen, weise ich entschieden zurück. In der offenen Diskussion müssen derartige Überlegungen angestellt werden dürfen, um sich letztlich nicht der Gefahr des leichtfertigen Umgangs mit zum Teil erheblichen Gefährdungen auszusetzen.

Auch weiterhin werde ich mich mit diesem hochsensiblen Thema konstruktiv auseinandersetzen, auch wenn dabei die Gefahr besteht durch mediale Verkürzung teilweise erhebliche Missverständnisse mit zu verursachen.
Für Rückfragen stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr
Stephan Mayer, MdB

09.01.2011

FOUR LIONS kommt ins Kino - und soll nicht.


Bislang hatte die großartige kluge Satire FOUR LIONS in Deutschland noch keine Kinoauswertung. Während der Film von Christopher Morris (ein Interview mit ihm als Podcast dazu HIER) schon im Spätsommer in Großbritannien auf DVD erschienen ist, will nun der Berliner Verleih Capelight Pictures Ende April die bitterböse Geschichte britisch-pakistanischer home-grown-Terroristen und ihrer Probleme mit den Tücken des Märtyrer-Extremismus hierzulande ins Kino bringen. Worauf prompt – so berichtet Spiegel-Online – der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer fordert, den Film aufgrund der aktuellen Terrorgefahr nicht zu zeigen – „Öl“ könne ins Feuer „gegossen werden“.

Welcher Art das von Mayer gefürchtete Öl ist, geht aus der Kurzmeldung nicht hervor: Befürchtet er, dass sich heimische Islamisten ein Vorbild nehmen könnten (und sich in Ninja-Turtle-Kostümen in die Luft zu sprengen versuchen)? Oder hat der Politiker Bedenken, in der Sarrazin-Republik Deutschland könnten arglose Muslime und solche, die für „Islamisten“ gehalten werden, wegen FOUR LIONS als böswillig, etwas trottelige und trotzdem (bzw. gerade wegen Letzterem) sympathische Randexistenzen verdächtigt werden?

Terrorismus & Film fragt mal an, was genau Herr Mayer meinte - und was der Verleih dazu zu meint. Die T&F-Meinung ist jedenfalls, dass gerade in Zeiten wie dieser – sprich: der erhöhten Terrorismus-Gefahr (oder zumindest der offiziellen -Gefahrenstufe) – ein Film wie FOUR LIONS nachgerade nottut, weil dieser auch falsche, in Sicherheit wiegende Stereotype auf unbehagliche Weise demontiert.

Die T&F-Kritik zu FOUR LIONS finden Sie HIER.

06.01.2011

Tipps: Neue Perspectives on Terrorism und: Screenwriting-Podcast - Update! (07. Jan.)

Selbst wenn Sie es nicht mehr hören mögen: Terrorismus & Film wünscht Ihnen auch noch ein frohes neues Jahr 2011.

Zu dessen Auftakt hier einige kleine Lese-, vor allem aber Hörtipps:

Die Ausgabe Nr. 6 (Jg. 4) des Journals Perspectives on Terrorism in frisch herausgekommen – nicht umsonst, aber kostenlos. Die Artikel gibt es online einzeln HIER zu lesen.

(Achtung!! UPDATE: Offenbar gibt es kein Komplett-PDF von Perspectives on Terrorism auf der Website des Journals selbst mehr. Zu bekommen ist es aber über den Dokumentendiest "Scribd". Mehr dazu direkt auf der Seite von Perspectives on Terrorism)


Der Inhalt von Heft 6:

Justice or Peace? The Hariri Assassination and the Special Tribunal for Lebanon
von Maria-Rita Kassis

Online De-Radicalization? Countering Violent Extremist Narratives: Message, Messenger and Media Strategy
von Omar Ashour

The Lord's Resistance Army: an African Terrorist Group?
von Emma Leonard

A Critical View of Critical Terrorism Studies
von James M. Lutz

Als Buchrezension:
Cutting the Fuse: The Explosion of Global Suicide Terrorism and How to Stop It
Robert A. Pape & James K. Feldman

Sowie:
Selected Literature on Terrorism and Organized Crime
zusammengestellt von Eric Price


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Wenn Sie jedoch Ihre Augen lieber schonen wollen oder für die Autofahrt noch etwas zum Hören suchen, seien in puncto Terrorismusfilm einige Podcasts von Jeff Goldsmith empfohlen. Goldsmith ist Senior Editor des Creatvie Screenwriting Magazins und interviewt regelmäßig Regisseure und/oder Drehbuchautoren zu ihrem (neuesten) Film. Ganz spannende und teilweise sehr ausführliche dramaturgische Analysen und Hinter-die-Kulissen-Einblicke z.B. in die Stoffentwicklung oder die Divergenz zwischen ursprünglicher Idee und fertiger Erzählung bieten für unser Thema Terrorismus bietet z.B.



Regisseur und Drehbuchautor Chris Morris, der Macher von FOUR LIONS, der von der Realität schusseliger Terroristen zu berichten weiß. (Link zur MP3-Datei mit dem Q&A HIER – zum direkten Runterladen den entsprechenden Befehl im Rechtsklick-Menü auswählen)




Regisseur und Drehbuchautor von TRAITOR Jeffrey Nachmanoff, der erzählt, wie er statt Terry George (Drehbuchautor von Jim Sheridans IN THE NAME OF THE FATHER und THE BOXER sowie Director von u.a. SOME MOTHER’S SON und HOTEL RWANDA) auf dem Regiestuhl gelandet ist – vor allem aber, dass TRAITOR zunächst als üblicher Actionhelden-Story geplant war, bis man auf die Idee kam, dass der „blonde blauäuige“ Hero als Untercover-Agent in einem Radikalislamisten-Netzwerk (heute nicht mehr) funktionieren würde. Diese Einsicht hat sich insofern als Segen herausgestellt, da aus TRAITOR ein beachtlicher, nicht perfekter, freilich gerade in seinen kleinen Brüchen ein sehr bemerkenswerter Film geworden ist. (Das Interview finden Sie HIER.)




Aaron Sorkin, gerade für sein Script für David Finchers Facebook-Film SOCIAL NETWORK zu Recht gefeiert, gibt HIER Auskunft über seinen Werdegang – und seine Arbeit an Mike Nichols brillanten bissigen CHARLIE WILSON’S WAR über den Politiker, der die Mujaheddin in Afghanistan im Krieg gegen die Russen als Stellvertreter und unterstützungswürdige Freiheitskämpfer „entdeckte“. Eine letzte Szene, so verrät Sorkin im Interview, sollte den Bogen schlagen zum 11. September …
(Download HIER)




THE KINDGOM ist ein Actionthriller über eine FBI-Team, das wegen eines Anschlags in Saudi-Arabien ermittelt (dt. OPERATION: KINGDOM). Ganz interessant, dass der Film das Öl-Reich entdeckt und dass und wie und warum er letztlich doch in die Waffengewaltlösung des Genres verfällt … Im Gespräch enthüllt der Drehbuchautor und studierter Politologe Matthew Michael Carnahan (STATE OF PLAY, LIONS FOR LAMBS) unter anderem und vor allem über die Zusammenarbeit bei der Stoffentwicklung mit u.a. echten FBI-Beamten und deren Arbeit. Eine kleine Zensur ist auch drin – um potentiellen Terroristen, die das Podcast HIER hören können, keinen Tipp zu geben …




Zu ihrer Drehbucharbeit für Oliver Stone und seinen Film WORLD TRADE CENTER steht Andrea Berloff HIER Frage und Antwort. Unter anderem darauf, wie das Verhältnis mit den realen Überlebenden war – und das der Film bewusst unpolitisch gehalten wurde, was damals für einige Kritik gesorgt hatte…

Viel Spaß!

13.12.2010

CfP: Root Causes of Terrorism

Hier eine "Papieraufruf" für eine Konferenz im niederländischen Leiden:


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Call for Papers

"The Root Causes of Terrorism: A Religious Studies Perspective"
Interdisciplinary Conference,
Institute for Religious Studies, Leiden University
Leiden (Netherlands)
18-19 May 2011

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Nine years after the event of the September 11th and the global war on terror, bombs are still blasted and innocent people are being killed under the banner of terrorism. Most of these sinisterly threatening events are motivated by religious claims, or are taken place in religiously affected places. Is religion the main cause of terrorism, or does terrorism still arise because of leaders who brainwash and coach future terrorists so that they kill under the banner of religion? Religious imagination seems to hold here an influential power in the creation of ‘delusion’ to orient the ‘bigot’ believers toward the fulfilling of their religious duty against those who are religious in a different way or not religious at all. Religion, in this sense, is tightly allied with political aspirations as it can be seen in most of the current instances.

In spite of sacred pretexts justifying acts of killing, more ‘enlightened’ religious leaders and religious minded people believe and argue that religion is a source of peace and mercy. For them, the sacred texts must be read from a ‘humanist’ perspective because the whole religion is ultimately, so they claim, about human beings who are all equal and created by the same God. This is the attitude of many religious people today, i.e. that God is merciful and compassionate, and the religious tradition thus praised would never allow religious hatred, intolerance, and resentment. Nor do scriptures provide any rationale, so they say, for one-sided and serf-serving interpretations or interpretations that promote aggression against others. If religion falls short, they continue, of mercy, compassion, and peace, it falls into ideological dogma and stoned-headedness. Therefore, those interpretations that justify aggression and acts of killing are the shallow and purposeful readings of the religious texts aiming at political intentions, so more benevolent advocates of religions might plead.

Whatever reading of religious traditions one might advocate, it cannot be denied that in practice, religion and ‘violence’ often are closely associated. The central question of this conference is what a religious studies perspective (rather than that of a religious advocate or representative) can contribute to the deep links between
religion and terrorism.

Scholars of philosophy, theology, social and political sciences, and other relevant disciplines, are invited to participate. Pending on financial approval a selection of the conference contributions will be published in a volume with the working title: The Root Causes of Terrorism: A Religious Studies Perspective. Otherwise the accepted
papers will be published on the conference website as conference proceedings.

Keynote speakers:

Prof. Nitzan Leibovic
Lehigh University, Bethlehem, Pennsylvania
Apter Chair for Holocaust and Ethical Values

Dr. Wim Hofstee
Leiden University, Institute for Religious Studies
Comparative Religion & Anthropology of Religion

Dr. Christoph Baumgartner
Utrecht University, Department of Religious Studies and Theology
Ethics

Prof. Bassam Tibi
Universität Goettingen

Conference Themes (Tentatively suggested);
Conference topics of interest include, but are not limited to the
following parts:

Part One: Religions and non-violence (ahimsa etc.)
All major religions have tenacious traditions of non-violence, however distorted these might have become through religious practices throughout history. How do these non-violent traditions relate to the violence justified by other adherents of the same religions?

Part Two: Violence and Liminal Experiences in Religion
Religions usually demarcate crucial (‘liminal’) events in the life of their adherents. So-called ‘primitiveadulthood enhancing ‘violent’ activities, perpetrated both by the initiators and those to be initiated in tribal life. Perhaps religious customs such as
circumcision and baptism are domesticated and mitigated remnants of these violent activities. Is liminality in religion a possible root of violent behaviour?

Part Three: Violence and Sacrifice
There is no religion without sacrifice. Does very concept of religion itself, relating a this-worldy orientation to another-worldly, entail some kind of sacrificial practice, differing only in degree as to its ‘violent’ accomplishment?

Part Four: Violence and Apocalypticism
Monotheistic traditions have introduced a new notion of ‘time’ and henceforth, of ‘history’. They all contain ideas about apocalyptic violence inaugurating the end of history and the definitive realisation of a divine kingdom. How ‘active’ are these apocalyptic ideas within different religions? Do they form an undercurrent that
can erupt at any moment?

Part Five: Religious Wars
Among the many wars and combats in this world, some of them have been explicitly motivated by religious urges. How did (do) these urges afflict the concrete warfare? Are religious wars worse than economic or political wars? Can these be distinguished?

To contribute please send an abstract, maximum length of 250 words
and a short biography (approximately 150 words), no later than December 31st, 2010 to the organizers of the conference. The Editorial Committee reviews the proposals and will respond to submitters by the end of January 2011.

Organizers:

Dr. Rico Sneller
Assistant professor of Ethics and History of Philosophy
Institute for Religious Studies
Leiden University
Phone: +31 71 527 2583
h.w.sneller@hum.leidenuniv.nl

Dr. W. Hofstee
Assistant professor of Comparative Religion
Institute for Religious Studies
Leiden University
Phone: +31 71 527 2630
w.hofstee@religion.leidenuniv.nl

Dr. Jalil Roshandel
Associate professor
Director, Security Studies
East Carolina University
Brewster A - 116
Greenville, NC 27858-4353
Phone: +1 1 252 328 1062
RoshandelJ@ecu.edu

Dr. Mahmoud Masaeli
Professor of Ethics and International Relations
Faculty of Philosophy, Saint Paul University, Ottawa
President, Global Solutions Praxis
2028 Belcourt Blvd.
Ottawa, ON K1C 1M6
Phone: +1 613 818 4726
mmasaeli@ustpaul.ca
president@global-solutions-praxis.ca

23.11.2010

Jetzt auch auf "Spiegel-Online"...

Kaum bringt Terrorismus & Film etwas über Darwood Ibrahim, muss SPIEGEL ONLINE nachziehen.

Hasnain Kazim aus Islamabad berichtet HIER ausführlich über den terrorismusunterstützenden Paten aus Indien.

Wer sich genau für die konzeptionellen Herausforderung, Terrorismus von organisierter Kriminalität zu unterscheiden in genau diesem Fall interessiert, dem sei empfohlen:

Clarke, Ryan / Lee, Stuart (2008): The PIRA, D-Company, and the Crime-Terror Nexus. In: Terrorism and Political Violence, 20. Jg., Nr. 3, S. 376 – 395.

(zyw)

20.11.2010

Anschlagsvorbereitung in Deutschland: Dawood Ibrahim

Ein Terroranschlag auf den Reichstag sei geplant, meldet SPIEGEL ONLINE. Vor einer zweiten Aktionsplanung habe das FBI vor zwei Wochen gewarnt: Die indische Gruppe „Said“ („Das Schwert“) habe einen Pakt mit al-Qaida geschlossen und bereits zwei Männer nach Europa geschickt – geschleust von einem gewissen Daewood Ibrahim.

Dawood (oder: Daewood) Sheikh Ibrahim Kaskar, geboren 1955 als Sohn eines Polizeikonstablers aus dem indischen Maharashtra, ist als Boss eines internationalen Verbrechersyndikats nicht nur einer der weltweit meistgesuchten Verbrecher, sondern auch Unterstützer und Organisator des Terrorismus. Er wird verdächtigt, für die Mumbai-Attacke von 2008 mit verantwortlich zu sein. Vor allem aber steckte „Don“ Ibrahims berühmt-berüchtigte „D-Company“ hinter den 13 Bomben, die am 12. März 1993 in Mumbai (damals noch: „Bombay“) in die Luft gingen. Organisiert von Ibrahims Adjutanten Tiger Menon war das „Bombay Bombing“ die Vergeltung für das Niederreißen der Ayodhya-Moschee und die anschließenden grausamen Pogrome gegen Muslime (auch und gerade im bis dahin so weltläufig geltenden Bombay).


Der reportagehafte Film BLACK FRIDAY (IND 2004) von Anurag Kashyap thematisiert umfassend und in nüchternem realistischem Stil die Durchführung und Planung der Anschläge wie auch die folgenden Ermittlungen. Ibrahim erscheint darin nur als der große Boss im Hintergrund, der zu mächtig und real ist, als dass man viel von ihm zeigen wolle: Eine Hand mit Telefon, ein Schemen hinter Gardinen, jemand, der eine Audienz gewährt im fernen, sicheren Dubai, wohin sich Ibrahim zurückgezogen hat. Weitere Filme zu ihm und seiner „D-Company“ gibt es daneben, Mafiadramen und -Thriller, z.B. „D“ (IND 2005) von Vishram Sawant.

Doch auch direkte Verbindungen bestehen oder zumindest bestanden zwischen Dawood Ibrahim und Bollywood: Wie viele Mafiosi war auch Ibrahim im Glamourbusiness aktiv – die Kinoindustrie brauchte das Geld, weil der Staat sie sich selbst überließ; den Gangs verlieh es gesellschaftlichen Glanz und die Möglichkeit, ihre Rupien zu waschen. Wie eng darüber Bollywood und Terrorismus jenseits der Leinwand zusammenkamen zeigt der Fall des Stars Sanjay Dutt, der über zehn Jahre wegen der Mithilfe an den 1993er Bombay-Anschlägen angeklagt war, weil er für Mitglieder der „D-Company“ Waffen in seinem Haus versteckt hatte – und dafür auch mehrmals Zeit im Gefängnis verbrachte

Dawood Ibrahim wird zurzeit in Pakistan vermutet, wo er Beziehungen zu Osama Bin Laden unterhält und weiter im internationalen organisierten Verbrechen mitmischt.

(zyw)