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09.11.2016

MEINUNG: Zum Propagandismus von "Anne Will" - und wo die wahren Herausforderungen liegen


Hier auch meine zwei Pfennig Meinung zur „Anne Will“-Sendung am vergangenen Sonntag ("Mein Leben für Allah - Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?"). Radikalismus war das Thema, und viele Medienstimmen (ich spare mir hier die Verlinkung) haben sich ereifert zu der Sendung. Sogar Strafanzeige wurde albernerweise gestellt (soviel Referenz muss sein).

Hauptkritikpunkt war der Auftritt der vollverschleierten Nora Illi, den man an allen Ecken und Enden berechtigt kritisieren und auch auseinandernehmen konnte. U.a. dahingehend, dass die Frauenbeauftragte des „Islamischer Zentralrat Schweiz“ (IZRS) über die Situation in Deutschland so sprach, als sei sie die der Schweiz, was angesichts etwa des Minarett-Verbots verfehlt ist.

Die Kritik an Anne Will und ihrem Team und ihrer Sendung, die auf den Auftritt von Frau Illi folgte, ist nun insofern unhaltbar, als die kritische Intention klar zu erkennen war, auch wenn sie nicht voll und würdig umgesetzt werden konnte.

Zum einen ist es legitim, auch extremere Positionen in einer Talkshow zu Wort kommen zu lassen. Zumindest, wenn man die Medienarbeit nicht als die eines Spiegels betrachtet, der die Wirklichkeit verkleinert abbildet, sondern die einer Arena, die eröffnet wird, um die konträre Meinungen in Debatten aufeinandertreffen zu lassen – so wie es etwa auch im Bundestag der Fall sein sollte.

Wenn denn auch Politiker Wolfgang Bosbach, der gefühlt zum Inventar von derlei Shows im Öffentlich-Rechtlichen gehört, und Ahmad Mansour, den ich persönlich in seiner Arbeit und seiner Haltung sehr schätze, hier gegen Frau Illi klar Stellung bezogen, ist dies in der Demonstrativität zu begrüßen.

Einerseits.

Andererseits schien – zumindest meines Empfindens nach – gerade Herrn Mansour vom Ton her fast (situativ betrachtet) unverhältnismäßig aggressiv, weil Frau Illi, bei allem argumentativ-hanebüchenen Nonsens, den sie ins Feld führte („Frauen im Islam dürfen das selbstverdiente Geld behalten“ oder die paradoxe Wendung von der „normativen Option“ des Niqab) aufreizend ruhig, zumindest wortlos gegenüber den Anwürfen blieb (wenigstens in zentralen Passagen).

Dass ist nämlich das Problem im Fernsehen: die "Lautstärke" des Inhalts ist nicht aufzurechnen mit der der Stimmlage. Mann muss sich nur die mediale Professionalität und "Souveränität" einer Frauke Petry anschauen, um das zu verstehen und die Problematik dahinter zu erkennen.

Das TV-mediale Bild, das sich bei "Anne Will" als Reaktion auf die verschleiert Frau Illi jedenfalls ergab, ist folglich das von zwei Männern (Mansour, Bosbach), die sichtlich emotional engagiert, im „westlichen“ Anzug (Status- und Gender-Zeichen) und in der Körperhaltung angespannt, vorgebeugt und in den verschiedenen Richtungen der Adressierung der verhüllten Muslima permanent und – man muss es sagen: mit (begründeten, sicher auch ungewollten, gleichwohl:) aggressivem Gestus – das Wort abschnitten. Gegenüber allen guten Argumenten hat dies eine eigene Evidenz und emotionale und moralische Valenz.

Die viel beschworene Rolle der Verführerin, der Verharmloserin des Gewaltextremismus wurde so medienwirksam passiv konterkariert durch die des weiblichen Opfers maskuliner (Sprach-)Gewalt.

Dass Frau Illi vollverhüllt war, um „sich gegen die Männer zu schützen“, wurde in dieser Konstellation und auf dieser Ebene tatsächlich eher noch legitimiert als bloßgestellt. Zumal ihre Mimik unsichtbar blieb. Mansours Worte, die zurecht das u.a. sexistische Gedankengut hinter der Niqab oder Burka lautstark „erregt“ anprangerten, fielen im selben Moment unterschwellig auf ihn zurück und bewirkten mithin das Gegenteil. Zumindest hatte Frau Illi all diejenigen auf ihrer Seite, die sich in vehementen Streitigkeiten auch lieber hinter einen Stoffpanzer zurückziehen würden.

So betrachtet ist der „Einsatz“ von weiblichen „islamistischen“ Sprecherinnen in der (massenmedialen) Öffentlichkeit als Win-Win-Situation für die entsprechenden Ideologen: Haben sie Erfolg, tragen sie dazu bei, ein anti-emanzipatorisches, sexistisches Framing zu etablieren. Versagen sie, können sie als Märtyrer-Opfer aggressiver Diskursöffentlichkeit (und „westlicher“ Männlichkeit) einerseits stilisiert werden, andererseits einen binnenorientierten Beweis für ihre fundamentalistische Zirkel insofern zu liefern, als dass Frauen ohnehin nichts in der öffentlichen Debatte zu suchen haben (weil zu schwach) und damit still daheim besser wirken mögen.

Ein anderer ungerechtfertigt angeprangerter Punkt ist das Textzitat, das von der Website des IZRS bzw. von Frau Illi stammte. Auch hier ging und geht die Aufregung leider leicht ins Schiefe. Es war zum einen nicht der letzte Satz, der der Empörung wert war – der Hinweis auf eine doch auch „taffe“ Bewährungsprobe –, sondern mehr der ebenfalls zitierte Hinweis, dass der Griff zur Waffe in dem Kontext religiös betrachtet legitim sei.

Zum anderen waren auch in der Hinsicht Bosbachs und Mansours unmittelbare Attacken in ihrer Empörung kontraproduktiv. Anne Will und ihre Redaktion (und das zeigten schon die wenigen Worte, die der Moderatorin als Ansatz übrig blieben, ehe sie von ihren männlichen Gästen akustisch "untergebuttert" wurde) präsentierten diese Textzeilen wie Frau Illi insgesamt für den Zweck, sie nach den Regeln einer TV-Show „auseinander zunehmen“. Und dies, man kann es nicht deutlich genug sagen, ist durchaus legitim. In Paragraph 86 des Strafgesetzbuches etwa ist die Rede davon, dass die (Weiter-)Verbreitung von Propagandamitteln verboten sei, außer (Abs. 3) es diene „der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken“. Genau an dieser hier erwähnten staatsbürgerlichen Aufklärung, der Berichterstattung, aber auch der Lehre war Frau Will merklich gelegen, ehe ihr Herr Mansour und Herr Bosbach, teils allzu bewegt, teils ein wenig inszenatorisch eitel, ins Wort fielen. Es ist ein wenig so, als sei in einem Schulbuch das Bild aus einem Nazi-Propagandafilm abgedruckt, und nun reiße man die erklärenden, kritischen Seiten heraus um sich hernach zu erregen, hier werde verfassungsfeindliche Propaganda einfach weiterverbreitet.

Wenn also die Talksendung „Anne Will“ am vergangenen Sonntag allzu propagandistisch ausfiel, dann zu einem nicht unerheblichen und (etwa für künftige Gegenmaßnahmen) berücksichtigenswerten Teil aus gut gemeinten Gründen, medieninhärenten Inszenierungs- und Wirkungsmechanismen und teils alternativen, teils assoziierten Konfliktlinien wie denen der Gender-Repräsentation und dazugehörigen Modellen.


zyw   

16.10.2016

"Terror" der Mehrheit: TV-Event mit Volksabstimmung über Moraldilemma


Am Montag, dem 17.10.2016, läuft im Ersten das „multimediale und interaktive TV-EventTerror – Ihr Urteil. Zunächst ist die von Lars Kraume inszenierte TV-Filmadaption von Ferdinand von Schirachs Theaterstück Terror zu sehen, ehe im Anschluss Frank Plasberg in Hart aber fair eine Art Nachbereitung liefern wird. Denn das besondere an Terror ist – neben der bemerkenswerten Besetzung (Florian David Fitz, Burghart Klaußner, Martina Gedeck und Lars Eidinger) –, dass das Publikum nicht nur sich seine eigene Meinung machen soll, sondern diese den Ausgang des Films diktiert.

In Terror geht es nämlich um eines der moralischen Dilemmata, die der Terrorismus aufzwingen kann. Dieses wird verhandelt, im direkten juristischen Sinne: Im Gerichtssaal soll über den Kampfpiloten Koch (Fitz) geurteilt werden, der sich der Entscheidung der Vorgesetzten widersetzend eine von Terroristen entführte Passagiermaschine abgeschossen hat. Das Flugzeug sollte in ein vollbesetztes Fußballstadion gelenkt werden. Pilot Koch hat also eine Abwägung getroffen, den sicheren Tod von 164 Menschen verursacht, um den wahrscheinlichen von 70.000 zu verhindern.

F. David Fitz in Terror (Quelle: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung)

Das ethisch-moralische Gedankenexperiment verweist natürlich auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Luftsicherheitsgesetz von 2006, das ein solches Gegenrechnen von Menschenleben und die damit die Relativierung der Menschenwürde untersagte.

Nach der kategorischen Bewertung des BVG nun also der Publikumsentscheid. Per Stimmkarte haben in den Theatern bereits Menschen über das Handeln des Piloten Koch abgestimmt, auch in Kinos, wo Kraumes Film vorab lief – so etwa in München, wo im Anschluss ähnlich wie bei Plasberg im TV hinterher hochkarätig podiumsdiskutiert wurde (u.a. mit Günther Beckstein und Julian Nida-Rümelin sowie Darsteller Fitz).

Nicht per Karte, sondern eben per TED oder Internet-Click ist nun Deutschland auf der Couch gefragt. Volker Herres, Programmdirekter des Ersten, freut sich schon vorab:

Der Zuschauer entscheidet! Das ist das ganz Besondere an diesem Abend. Der Zuschauer entscheidet nicht nur über den Ausgang eines Fernsehfilms, sondern über das Schicksal eines Menschen: schuldig oder nicht schuldig. Der Film involviert ihn, spricht ihn an, macht ihn zur letzten richterlichen Instanz und nimmt ihn in die Verantwortung.“

Aber Terror bietet nicht nur einen problematischen Fall, der an Grundsätzen rührt (dem der deontologischen vs. der teleologischen – hier utilitaristischen – Ziel- oder Bemessungsgrundlage eines richtigen Handelns). Als Multimedia- und Interaktions-„Event“ ist Terror – Ihr Urteil selbst diskussionswürdig.

Sicher ist es von allerlei Interesse, wie die Zuschauer entscheiden, auch wenn das natürlich nicht wirklich das Schicksal eines (zumindest nicht realen) Menschen betrifft. Auf der Seite terror.theater werden die Ausgänge der Theatervorstellungen aufgelistet. In Deutschland kam es 429-mal zum Freispruch, bei 459 Aufführungen. Circa 60 % der Zuschauer votierten für „unschuldig.“ Auch in Ungarn, der Schweiz, Österreich oder Venezuela stimmten die meisten gegen eine Verurteilung, in Japan hingegen wurde in vier von vier Vorstellungen der Pilot schuldig gesprochen. Das besagt wenig bis nichts, die Fallzahlen sind zu klein, Kontexte der Aufführungen, die Zusammensetzung des Publikums müsste berücksichtigt werden. Aber es wäre schon interessant, zu überlegen und zu prüfen, ob und wie die Ergebnisse hier als kollektive kulturelle, politische oder historische Symptome interpretierbar sind.

Andererseits kann man wie Marie Schmidt in der ZEIT Bedenken haben, die auf die Zeichenhaftigkeit zumindest des Fernsehereignisses abstellen:

Uns, dem Volksfernsehzuschauersouverän, wird die Entscheidung über den Ausgang einer Gerichtsverhandlung übertragen, in der es übrigens im Kern darum geht, ob die Verfassung der Bundesrepublik auf jeden Fall gilt. Unter dem Brennglas künstlerischer Erfindung und des Massenmediums Fernsehen wird ausprobiert, was populistische Parteien fordern: den ‚gesunden Menschenverstand‘ bestimmen zu lassen, wenn ‚elementare politische Weichenstellungen‘ vorzunehmen seien (so die AfD).

Und:  

„Ein Einzelner, wie der fiktive Major Koch, hat selbstverständlich die Freiheit (sogar die moralische Pflicht), über sein Verhältnis zu den Gesetzen nach Wissen und Gewissen zu entscheiden – auf die Gefahr hin, bestraft zu werden. Aber ein ‚Volk‘ als Kollektiv, das ständig mit etwas Vagem wie dem ‚gesunden Menschenverstand‘ (was soll das sein bei über 80 Millionen Bürgern?) Entscheidungen über ‚elementare‘ Normen fällt, schwebt in gefährlicher Ungewissheit ‚über‘ dem Gesetz. Das ist die fatale Wirkung solcher Volksabstimmungen, ob darin nun fiktiv oder realpolitisch entschieden wird. Zumal wenn nur zwei Möglichkeiten zur Verfügung stehen: schuldig oder unschuldig? Raus aus der EU oder bleiben? Dieses Hopp-oder-topp-Prinzip schwächt um eines dramatischen Effekts willen zentrale Werte, anders gesagt, Sicherheiten – mehr als es Terroristen vermögen.

Schmidt kritisiert, dass die Möglichkeit, das Strafmaß gering zu halten, oder andere Praxislösungen eines Ausgleichs den Zuschauern nicht zur Verfügung stehen. Die rechtliche und moralische wird nicht nur zur bloßen Mehrheitsentscheidung, sondern auch zur binären.
Es ist nun nichts dagegen einzuwenden, brisante Grundsatzfragen jedem Zuschauer auch und gerade im Gewand des Dramas vorzulegen, ihn zu involvieren und zum Nachdenken anzuregen. Doch die anonyme Abstimmung daheim vor dem Bildschirm ist etwas anderes ist als im (Lichtspiel-)Theater, wo es zu direkten Diskussionen kommen kann (wie es Thomas Jordan in der SZ beschreibt).

Bei allem guten Ansinnen ist Terror als „Event“ doch auch, zwangsweise, ein bisschen Populismusübung zum Spaß und – für manchen – auf Probe. Wieso nicht mehr echte direkte Demokratie auf diese Weise? 

Was umso bedenklicher oder aber widersprüchlich ist, als es a) es nicht umsonst unabhängige Instanzen und Institutionen wie Richter und Gerichte gibt und b) wir in einer Zeit leben, in der hinter Begriffen wie dem „Postfaktischen“ die berechtige oder ungerechte Sorge vor der dumpfen „Masse“ wieder aufscheint, der Brexit-Schock noch in den Europaknochen sitzt sowie Hass und Hetze in den einst so demokratiefördernd geltenden Sozialen Netzwerken zum gravierenden Gesellschafts- und Rechtsthema geworden ist.

Ex-Innenminister Otto Schily selbst hat einen Beitrag im Spiegel (42/2016) anlässlich des Terror-Ereignisses verfasst, wobei er vor allem nochmal das Luftsicherheitsgesetz und die grundrechtliche Problematik rekapituliert. Dieser Umstand allein ist schon bemerkenswert, aber auch, wie Schily indirekt (zugleich Schmidt nicht unähnlich) die Konstruktion des fiktionalen Falls als einem solchen in Frage stellt:

Das Bundesverfassungsgericht hat in diesem Zusammenhang auch mit Recht darauf hingewiesen, dass die staatlichen Institutionen bei der Entführung eines mit Passagieren besetzten Flugzeugs mit einer Reihe von Unwägbarkeiten konfrontiert sind, die allenfalls eine Entscheidung dieser schwerwiegenden Art auf Verdacht, nicht aber auf Grundlage gesicherter Erkenntnisse ermöglichen. Zu erinnern ist auch an die Geschehnisse im vierten entführten Flugzeug des 11. September, in dem Passagiere versucht haben, die Terroristen zu überwältigen und an der Ausführung ihres verbrecherischen Planes zu hindern.

Genau genommen haben wir es also mit einem Scheinproblem zu tun, das die Gemüter aufgescheucht hat.

Das ist freilich nur ein dürftiger Ausweg. Solchen fundamentalen Widersprüchen und Spannungen der Fall-, aber eben auch der Linienentscheidung, die ja schließlich nicht nur in Gesetze gegossen werden, sondern auch dazu taugen, Handlungsmaximen im Kleinen mitzubestimmen, lassen sich nicht einfach mit dem Verweis darauf, dass der geschilderte Fall lediglich ein unrealistisches Gedankenkonstrukt sei, vom Tisch wischen. Tatsächlich hat und schafft jedes konkrete Ereignis seine eigene Realität. Doch dass auch allzu konstruierte Gedankenspiele nicht ohne Belang sind, zeigt sich allein an den ticking-time-bomb-Szenarien, die im (Anti-)Terrorismusdiskurs herhalten müssen, um zu klären (und oftmals: zu bejahen), ob (bzw. dass) man einen echten oder eben nur vermeintlichen Terroristen foltern darf, um die Leben Unschuldiger zu retten.

Ein Film, der sich mit diesem Dilemma befasst, ist der HIER wie in meinem Buch behandelte Unthinkable. Ein Film, der weniger spannend wäre, wäre die Beurteilung des Foltereinsatzes und der Ausgang des Films der Zuschauermehrheit überlassen. Einfach, weil dann das Bauchgefühl siegreicher sein dürfte als die anstrengende, auch unbequeme ethische Abwägung, auf die sich einzulassen freilich auch niemand gezwungen werden kann. So mag Florian David Fitz‘ Soldat ja einen Freispruch verdienen, weil er (um es mit Schmidt zu sagen) so hübsch ist. So wenig echte Gedankenexperimente in ihrer Abstraktion so recht taugen für die Exemplifikation, so wenig tun es die überkonkreten Fiktionen eines Filmes, in denen allerdings immerhin sach- und fachfremde Faktoren wie Sympathien für Personen ebenso eine Rolle spielen wie im echten Leben. 

Das führt aber zu einem weiteren Problem des Interaktionskonzepts von Terror – Ihr Urteil: Das Erste Programm wird den Film eben nur mit dem Ende ausstrahlen (ich wage die Prognose: Freispruch), das sich aus der Zuschauerabstimmung ergibt. Wenn Klaußner als Richter die Entscheidung verließt, werden also nur die Entscheidungsgründe und -argumente verlesen, die ohnehin jenen der Majorität entspricht. Wäre es nicht – ironisch gesagt: utilitaristisch bemessen – gewinnbringender, gerade den Film gemäß der Minderheitsentscheidung schließen zu lassen, um eine maximale gedanklichen Konfrontation zu befördern?

Vielleicht ist das aber auch gar nicht so sehr gewollt. Und so aufregend und ergiebig das Szenario von Terror natürlich ist, ist es doch auch ziemlich bequem. Sicher, die Wahl ist herrlich verzwickt und schrecklich oder wenigstens gruselig obendrein. 

Sie ist aber eben auch sehr weit weg, bei aller Aktualität der Terrorismusgefahr, die wiederum durch solche Szenarien allerdings mitbedingt wird. Schily in seinem Spiegel-Beitrag verweist auf verschiedene andere Situationen, in denen es immer wieder um Fragen des Abwägens von Leben gegen Leben geht: bei Spendenorganen etwa oder bei Schwangerschaftsabbrüchen. Erinnert sei auch an die Veranlassung der Folterandrohung gegen den Entführer des Jacob von Metzlers durch den damaligen stellvertretenden Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner.

Man stelle sich ein Voting-TV-Event zu einem dieser Themen vor. Oder vielleicht gar eines zur Frage, ob in einem echten oder erdachten Ort Flüchtlinge heute untergebracht werden sollen. Elyas M. Barek könnte einen Syrer spielen, von dem wir nicht wissen, ob er arm dran oder mit IS-Mordplänen im Kopf daherkommt. Opfer oder Täter? Reinlassen oder nicht? Ja oder nein   stimmen Sie ab, telefonisch oder online (natürlich aber ohne Kommentierungsmöglichkeit, wegen Hetzgefahr)!

Im Jahr 2000 veranstaltete Christoph Schlingensief zur Wiener Festwoche sein Projekt „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“: Am Big-Brother-Konzept orientiert konnte das Publikum abstimmen und täglich einen Asylbewerber aus der Unterkunft und damit aus dem Land werfen lassen. Das war natürlich eine gewollte künstlerische Provokation, nicht nur angesichts der Unsitten des Privatfernsehens, sondern auch mit Blick auf den damaligen Erfolg der FPÖ Jörg Haiders. (Den Trailer zum Doku-Film zum Projekt gibt es HIER.) 

In diesen Dimensionen des Involvements und der moralischen Konfrontation spielt das ARD-Event natürlich nicht. Multimedial und vor allem interaktiv ist ja aber Terror – Ihre Entscheidung auch und wird von Frank Plasberg samt Gästen im Anschluss diskutiert.   

zyw
 

07.07.2016

Propaganda in Zeiten von Brexit und „Islamischer Staat“


Wie der Brexit, also das Referendum für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, mit dem „Islamischen Staat“ und seinem Terrorismus via (das Thema) Flüchtlingskrise zusammenhängt, hat Asiem El Difraoui in der Welt beschrieben. Ein anderer Faktor für das Referendum-Ergebnis im Sinne einer Denkzettelwählerei wird daneben diskutiert – und schließt an die Abstimmungserfolge der Alternative für Deutschland (AfD) oder den Fall Donald Trump, der im US-Präsidentschaftswahlkampf trotz oder wegen seines Populismus‘ erschreckend weit gekommen ist, an. Auf der Titelseite macht Die Zeit in ihrer vergangenen Ausgabe (Nr. 28/2016) mit der Überschrift „Was tun, wenn die Falschen gewinnen?“ auf, und Giovanni di Lorenzio mahnt unter der Überschrift „Wie viel Volk darf’s denn sein?“ vor den eingefahrenen Mustern der Erklärung und Ausgrenzung. 

Wie holt man jene Bürger zurück, die sich partout nicht überzeugen lassen und andere Prioritäten haben? Was tun, wenn die Falschen gewinnen? Die Frage drängt sich auf, aber sie kann auch eine Falle sein. Dann nämlich, wenn sie eine Spaltung akzentuiert, statt sie zu überwinden. Wenn also mit den Richtigen die aufgeklärten und politisch interessierten, weltläufig und liberal gesinnten Menschen und mit den Falschen die angstgetriebenen, politisch unterbelichteten, ressentimentgeladenen Leute gemeint sind, wahlweise die Zukurzgekommenen, die Alten, die weißen Männer oder die Landpomeranzen, denen man am besten keine Ja/Nein-Fragen in Form eines Referendums stellen sollte.

Die Erklärungs- und Beruhigungsmuster sind so augenfällig wie allgemeinpolitisch hochbrisant: Wer gegen EU ist und für Grenzzäune, allgemein xeno- wie speziell homo- und islamophob ist, erscheint unbelehrbar, unterentwickelt oder krank (was der Begriff der „Phobie“ impliziert), damit in gewisser Weise vielleicht nicht böse, aber unzurechnungsfähig. Welche Sprengkraft für das Prinzip Demokratie darin steckt, lässt sich u.a. daran ablesen, dass (und wie) über ein erneutes Referendum im Vereinigten Königreich spekuliert wird (unterstützt von Berichten über UK-Denkzettelwähler, die jetzt partout erschrocken seien, dass ihre Stimme zählt, obwohl sie ja eigentlich gar nichts gegen die EU hätten). Wählen, bis das Ergebnis vernünftig ist (ein freilich in EU-Belangen nicht präzendenzloses Vorgehen). Auch Jan Fleischhauer in seiner Spiegel-Online-Kolumne votiert in diesem Sinne für die Rückkehr zum Dreiklassenwahlrecht.

Dass nun in den Hinterköpfen der StimmzettelkreuzerInnen auf der Insel vielleicht weniger die realen wirtschaftlichen Vor- und Nachteile eines EU-Austritts präsent waren und vielmehr a) die deutsche Flüchtlingspolitik samt Folgen und Bildern und b) die gedankliche Verknüpfung von offenen Grenzen und freizügigem dschihadistischem Terrorismus in Belgien oder Frankreich bzw. der Islamisierung der „westliche“ Welt mag nachvollziehbar wie dumpf sein. Auch, dass – Stichwort Propaganda – das Bild des aktuell attraktivsten Fremden- und Schurkenbildes des „Islamischen Staats“ als zeitgenössische Quintessenz des „Evil Arabs“ und „Evil Muslims“ durch dessen (v.a. Online-)PR hier eine instrumentable Rolle spielt, durchaus zusammengeht mit politikverdrossenen Websites, Blogs und Tweets, die verschwörungstheoretisch aufschlussreich vom Konnex der Merkel-Herrschaft mit der „System-Presse“ schwadronieren, sei lediglich erwähnt.

Was aber hat Propaganda mit dieser komplexen Lage heute darüber hinaus zu tun? Oder anders und genauer gesagt: Wie kann der Begriff der Propaganda die hier skizzierten Problem- und Konfliktphänomene in ihrem Zusammenhang auf einen Nenner bringen?

Dafür lohnt der Blick in einen Klassiker des Metiers: Edward Bernaiys „Propaganda“ von 1928 [1]. Bernays war nicht nur Neffe Freuds und Begründer der modernen Öffentlichkeitsarbeit (bzw. „Vater“ des Public-Relations-Begriffs und der Definition von dessen beruflicher Installation): Bernays wie u.a. dem Pionier der Kommunikationswissenschaft Harold D. Lasswell [2] verdanken wir nach dem Ersten Weltkrieg (als dem wegbereitenden Krieg für die Bedeutungserkenntnis hinsichtlich der Massenbeeinflussung) gerade heute hochaktuelle Einsichten in Wohl, Wehe und Prinzipien von Propaganda. Auch, wenn der Terminus nach Hitler, Stalin, Mao Tse-tung et al. nachhaltig desavouiert ist. Was Anfang des 19. Jahrhunderts aber noch nicht der Fall war.

Damals, Ende der 1920er, als beim Sprechen über Propaganda Politik und Wirtschaft zusammengedacht wurden (das Werben für Idee wie für Marken in der noch neueren Zeit der Massenproduktion), galt Bernays inklusive dem, was später „Pseudoevents“ heißen würde, Propaganda als ein Mittel, dass nicht per se einfach undemokratisch ist. Vielmehr schreibt Bernays skeptisch gegen die Ideale der Aufklärung an, die für ihn angesichts seiner modernen Ära als eine Fiktion erschien. Der moderne (und gar: der postmoderne) Mensch, so lässt sich Bernays Argumentation heute fassen, wäre bzw. sei schlicht überfordert von den Angeboten an den Meinungen und Sichtweisen, mit denen er sich für eine vernünftige Meinungsbildung und Entscheidungsfindung auseinanderzusetzen schlichtweg nicht die Zeit oder sonstige Ressourcen hat. Bei aller Macht, die wir Königen und Kaiser abgenommen hätten, bei aller Alphabetisierung des „einfachen Mannes“:

Once he could read and write he would have a mind fit to rule. So ran the democratic doctrine. But instead of a mind, universal literacy has given him rubber stamps, rubber stamps inked with advertising slogans, with editorials, with published scientific data, with the trivialities of the tabloids and the platitudes of history, but quiet innocent of original thought. Each man’s rubber stamps are the duplicates of millions of others, so that when those millions are exposed to the same stimuli, all receive identical imprints“ (Bernays 1928: 20).

Das mag pessimistisch und gestrig klingen. Aber wir müssen, was die schnelle Beurteilung anbelangt, nur die „Gummistempel“ durch Facebook-Likes (-Smilys, -Frowneys etc.) oder Online-Petitionen als Form bequeme Lean-Back-Partizipation ersetzen, um zu sehen, wie zumindest zeitgemäß Bernays heute in seiner Diagnose wieder ist.     

Das Narrativ von der Info-Überforderung und mithin manipulativen Emotionalisierung als Gegenentwurf zu der der hehren Demokratisierungsfunktionen des Internets mit seinem Fakten- und Meinungsfreiheiten ist mittlerweile ein alter Hut. Und ebenso wie abschreckende Schandtaten von Flüchtlingen, ob real oder erfunden, bei Facebook kursieren, zirkulieren in Sozialen Netzwerken herzerwärmende Geschichten, etwa die vom mittel- und selbstlosen Flüchtling, der gefundene tausende Euro brav bei der Polizei abliefert. Fadenscheinig ist die eine wie die andere Story in ihrer shareabilty.

Traurig hier wie da ist der Umstand, dass Propaganda wieder in harter wie weicher Form, im Guten wie im Schlechten zusammengedacht und zusammengebracht wird mit etwas, das ähnlich bereits Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts beargwöhnt wurde: die (Volks-)„Masse“. Eben hierin liegt das entdemokratisierende Meta-Problem von Propaganda – weniger das ihrer Anwendung, denn ihr Status als Schreckgespenst. Schnell wird so nämlich die Grenze zwischen der realen Gefahr des „Islamischen Staats“ und dem Wirkungsrisiko von dessen Propaganda-Selbstbild verwischt. Auch der Vergleichsschritt hin zu den populistischen Versprechen von Nigel Farage und Co. hinsichtlich der 350 Mio. Pfund, die beim EU-Austritt dem britischen Gesundheitssystem zugutekämen, ist in diesem Zusammenhang ein kleiner. Hier wir da grüßt der selbsterhöhende Third-Person-Effekt als Propagandagefahr höherer Ordnung: All die vielen anderen Leute, sie fallen darauf herein (man selbst natürlich nie und nimmer). Solch Denken und Argumentieren entmündigt nicht nur Bürger (was schlimm genug wäre): Es entlässt sie Brexit-Befürworter wie radikalislamistische Syrien-Ausreisende (und -Rückkehrer, denen ein „falsches“ Bild von Kalifat und Glaubenskrieg vorgegaukelt wurde oder worden sei) mitunter aus ihrer Verantwortung, ohne die jedoch Aufklärung als geistesgeschichtlinge Errungenschaft per se nicht zu denken ist.

Wenn wir Propaganda diese fragwürdige schizophrene Wirkmacht (der Legitimation wie der Deligitimation „des Volkes“) zusprechen, dann müssen wir ebenso konsequent sein, was ihre Bewertung und ihren Einsatz anbelangt, sprich: Propaganda als Faktum und mehr noch: als Werkzeug betrachten, das es womöglich zum Besten einzusetzen gilt. Unter anderer Bezeichnung natürlich und im Namen der Aufklärung (hier der alltagspragmatischen, erzieherischen). Das wäre zumindest schlussrichtig, auch wenn das freilich Abwertung und Ausgrenzung noch weiter befördert.

Damit sind wir wieder bei Edward Bernays und anderen Autoren, die die Moralität von Propaganda nach den Zielen bemaßen (im Gegensatz zu v.a. Jacques Ellul und seiner späteren, quasi diskursethischen, deontologisch begründeten Ablehnung). Die Logik hinter dem „realistischen“ Verständnis von Propaganda und ihrem Gebrauch ist durchaus bedenkenswert, gerade von einem Neutralitäts- und Objektivitätsstandpunkt aus: Bin ich überzeugt, dass meine Sichtweise und die damit einhergehenden Machteinsätze zur Formung des gesellschaftlichen und politischen Lebens die richtigen sind, ist es nur geboten, dafür – also im Namen eine höheren Wohls – jedwede Überzeugungsmittel jenseits von Gewalt für deren Durchsetzung anzuwenden. Bertrand Russell [3], Mitbegründer der Analytischen Philosophie, sah das Übel der Propaganda denn auch lediglich in zwei von ihr ablösbaren Faktoren: Erstens dem Appell ans Irrationale, also Gefühle und Affekte. Russell selbst erachtete diesen Aspekt allerdings als weniger relevant:

For my part, I am inclined to think that too much fuss is sometimes made about the fact that propaganda appeals to emotion rather than reason. The line between emotion and reason is not so sharp as some people think. Moreover, a clever man could frame a sufficiently rational argument in favour of any position which has any chance of being adopted. There are always good arguments on both sides of any real issue“ (Russell 1922: 39).

Tatsächlich lassen sich praktisch keine Fälle finden, in denen nicht im Guten wie im Schlechten moralische Emotionen argumentativ zumindest berührt würden, um für etwas als „richtig“ oder „fair“ werben. Seien die Maßstäbe dazu noch so historisch, und geschehe es nur der überzeugungskräftigenden Nachvollziehbarkeit wegen.

Der zweite Punkt Russells ist (ihm) gewichtiger und hebt auf die verfügbaren Ressourcen ab. Ganz konkret können wir darunter heute finanziellen Mittel verstehen, mit denen etwa Sendezeit gekauft oder Aufmerksamkeit im World Wide Web generiert und gesteuert wird (qua Personalkosten für Social-Media-Kommentatoren oder die Miete von Twitter-Bots etwa). Russell: „It is obvious that the arguments in favour of the richer party would become more widely known than those in favour of the poorer part, and therefore the richer party would win“ (ebd.: 40). Dies hebt freilich nicht auf die Legitimität oder den ethischen Status von Propaganda ab, sondern nur auf das Asymmetrische des Einsatzes. Möge jeder propagieren und agitieren, nur gleichberechtigt.

Das ist natürlich höchst unbequem und gerne lässt sich Propaganda von etwa Bildung und erzieherischer oder informativer Aufklärung (z.B. der Berichterstattung) dadurch unterscheiden, dass ersteres mit Lüge, Halbwahrheiten und unstatthaften Emotionalisierungen operiert. Nach bestem Wissen und Gewissen verbreiten aber auch so manche Ideologen und Indoktrinateure ihre Botschaften. Und spätestens wenn es um grundlegende Werte, Weltanschauungen und Menschenbilder geht, gerät man irgendwann an den Punkt, an dem sich mit Fundamentalisten nicht mehr weiterdiskutieren lässt (ohne den Verstand zu verlieren). Man muss sich tatsächlich nicht Propaganda erwehren, indem man Gegenpropaganda betreibt. Gerade dann sollte man sich allerdings auch keinem breiten politischen Propaganda-Opfer-Diskurs fahrlässig hingeben. Nicht zuletzt weil das brisanteste Propaganda-Verständnis schon allzu verbreitet ist im Alltag: Propaganda als die Meinungen und Meinungsäußerungen, die schlicht der eigenen Auffassung widersprechen. 


[1]  Bernays, Edward (1928): Propaganda. New York: Horace Liveright.

[2]  Lasswell, Harold Dwight (1938 [1927]): Propaganda Technique in the World War. New York: Peter Smith.

[3]  Russell, Bertrand (1922): Free Thought and Official Propaganda. C.K. Ogden Conway Memorial Lecture, South Place Institute, 24. März 1922, London: Watts & Co.
Online unter: http://www.gutenberg.org/ebooks/44932

04.12.2015

Zu "Abu Talha al-Almanis" / Denis Cusperts neuem Video und Furat Media



Nahe Rakka soll Denis Cuspert alias Abu Talha al-Almani am 16. Oktober 2015 getötet worden sein. So bestätigte es auch Pentagon-Sprecherin Elissa Smith: Zusammen mit dem Hauptziel, dem libyschen IS-Kommandeur Abu Osman al-Libi, sei er durch einen US-Raketenangriff auf einen Pick-Up-Truck ums Leben gekommen. Schnell allerdings folgten Gerüchte, der Ex-Gangsta-Rapper und Propaganda-Aushängeschild des IS fürs deutsche Publikum, habe einmal mehr (schwer verletzt) überlebt – einnmal mehr also: schon zuvor war Cuspert für tot erklärt worden. 

Nun, Anfang Dezember, ist ein Video aufgetaucht, das den Verdacht bestätigen könnte, zwischen unsicherer militärischer-geheimdienstlicher ‚Intelligence‘ und Mythenbildung sei Abu Talha dem Tod ein weiteres Mal von der Schippe gesprungen.

Entsprechend sieht die FAZ Zweifel geweckt und verweist dabei auf DIE WELT, die freilich ebenso wenig für den Entstehungszeitpunkt des 13-minütigen Films bürgen kann und mag. In ihrem Online-Beitrag heißt es:

Unklar ist, wann das Video entstand. Zuletzt hatte der IS im April ein Video Cusperts veröffentlicht. Einerseits trägt der neue Clip nach ‚Welt‘-Informationen das Datum ‚Safar 1437 Hijri‘ - das ist der islamische Monat, der vom 13. November bis zum 12. Dezember 2015 reicht. Anderseits werden beispielsweise nicht die Anschläge von Paris thematisiert. Auch spricht Cuspert über einen "Abu Yasir al-Almani", der sich im irakischen Kirkuk in die Luft gesprengt haben soll. Es gab allerdings schon im August 2014 einen Anschlag von einem ebensolchen ‚Abu Yasir al-Almani‘.“

Ob allerdings das Video Cusperts Ableben widerlegt oder nur widerlegen soll ist gar nicht so sonderlich interessant. Der Umstand, dass Paris nicht thematisiert wird, ist eher zu vernachlässigen. Und die Datumsangabe „Safar 1437 Hijri“ ist weniger Geheimwissen oder journalistische Recherchekunst („nach ‚Welt‘-Informationen“), sondern basiert schlicht auf einer Einblendung in den letzten Sekunden des Films mit dem (deutschen!) Titel „Die Ritter der Shahada 2 – Abu Yasir al-Almani“

Es bleibt aber offen, ob der Zeitstempel sich nun auf Cusperts Lobpreisung des untertitelgebenden Selbtmordattentäters bezieht, auf dessen ‚Märytrer‘-Operation oder schlicht die Fertigstellung der Kompilation der drei Teile (Cusperts Rede, der auf einer Parkbank in Flecktarnjacke und mit Pakol auf dem Kopf und mit einem Schimmel im Hintergrund den vermeintlich Solinger Kriegsgefährten ehrt / die letzten Worte und Verabschiedung des Suizid-Kommandos / die dunklen Aufnahmen der Explosion in der Ferne).

Der Vorgänger-Film, „Die Ritter der Shahada 1 – Abu Abdullah al-Almani“ (schon bei der Veröffentlichung Mitte Juni mit Durchnummerierungs-„1“, was den Vorabplan einer Videoreihe über deutsche Selbstmordattentäter nahelegt), kam jedenfalls noch ohne Cuspert aus. 

Cuspert im Anfang Dezember 2015 veröffentlichten  Furat-Media-Video "Die Ritter der Shahada 2 - Abu Yasir al-Almani"

Doch der WELT-Artikel ist nicht korrekt – und damit wird es interessanter – mit seiner Aussage, Cuspert sei zuletzt im April in einem Video des IS aufgetreten. 

Gemeint mit diesem April-Auftritt ist offenkundig der Clip „Fisabilillah“, den ich in meinem Beitragin DIE KRIMINALPOLIZEI kurz beschrieben habe. Danach jedoch war Cuspert noch zumindest in einem 32-minütigen Video des „Wilayat Kavkaz“ (Region oder Provinz „Kaukasus“) des IS zu sehen: In dem russischen Video kommt er neben daghestanischen Jihadisten auf Deutsch (entsprechend russisch untertitelt) zu Wort, beschwört die Solidarität mit der Kaukausus-Fraktion und ruft dazu auf, sich dem IS und seiner Gemeinschaft anzuschließen.

Bemerkenswert ist nun, dass nicht wie sonst die sich ans „Ausland“ richtende IS-Propaganda-Abteilung al-Hayat Media Center (in deren Videos Cuspert auch bislang hauptsächlich auftrat), sondern die russischsprachige Furat („Euphrat“) Media dieses Video produzierte. Und unter dem Furat-Media-Label sind auch die beiden deutschsprachigen „Ritter der Shahada“-Videos entstanden bzw. veröffentlicht. In Charlie Winters Untersuchung der IS-Propaganda (The Virtual ‘Caliphate’: Understanding Islamic State’s Propaganda Strategy, Quilliam) bzw. der darin enthaltenen Übersicht der Medienabteilungen (S. 14) ist Furat Media selbst noch gar nicht aufgeführt. Kein Wunder, denn im selben Monat, Juni 2015, da Winters Studie erschienen ist, trat Furat Media erst auf die Bildfläche. Das von Abu Jihad alias Islam Seit-Umarowitsch Atabijew (Stellvertreter des Georgiers Omar al-Schischani, dem hochrangigen IS-Militärführer) gegründete „PR“-Department hat wie die Nordkaukasus-Brigade im IS-Verbund – in den vergangenen Monaten enorm an Bedeutung im Propagandaensemble des IS gewonnen (siehe dazu die Beiträge der britischen Bloggerin und Journalistin Joanna Paraszczuk HIER und HIER).

Cuspert (2. v. l.) im Furat-Media-Rekrutierungsvideo "Rejoice In The Deal You Have Secured", veröffentl. im August 2015

Dass nun Furat Media und nicht das bislang so dominante al-Hayat Media Center Cuspert in Szene setzt und dazu komplett deutsche Videos produziert ist eine Merkwürdigkeit, die zu Überlegungen und auch Spekulationen einlädt. Diese können von einer Reaktion der Propaganda(systemstruktur) des IS auf die russische Intervention in Syrien über einen sich abzeichnenden Relevanzverlust des al-Hayat Media Centers bzw. eines Konkurrenzkampfes bis zu einer besonderen Allianz zwischen den deutschen und nordkaukasischen Fraktionen zumindest in der Medienarbeit des IS reichen. Auch was Abu Talha al-Almanis / Cusperts Rolle im al-Hayat Media Center anbelangt, stellen sich so zurzeit einige Fragen: Wurde er von al-Hayat an Furat quasi ausgeliehen; war er doch wenigstens so hochrangig, dass er die deutsche Propaganda zum teil- und zeitweise zu Furat Media verlagert hat?

Vorausgesetzt natürlich, dass Cuspert noch lebt. Wobei die Veröffentlichung von „Ritter der Shahada 2“ bzw. Abu Talhas Einsatz darin so oder so strategisch komplexer in seiner Bedeutung ausfällt als es lediglich der Blick auf die wundersame oder medial vorgetäuschte Wiederauferstehung (als Beruhigung der Fans oder Verhöhnung des ihn vielleicht einmal mehr zu eilfertig abschreibenden Westens) nahelegt.

zyw 

14.11.2015

IS-Audiobotschaft: "Islamische Staat" eindeutig hinter Paris-Anschlägen?


Die Anschlagsserie in Paris, die an die Attacke auf Mumbai 2008, aber auch an die langlaufende Kampagne der "Balcombe Street Gang", eine IRA-Zelle, die London 1974 / 1975 terrorisierte, gemahnt, hat die Welt erschüttert. Mittlerweile gilt als mehr oder weniger gesichtert, dass es sich um eine Aktion des "Islamischen Staat" handelt, der sich mit dieser großangelegten "Killing Spree"-Operation für die französische Teilnahme an der Militärkoalition gegen ihn rächen möchte. Staatspräsident François Hollande spricht von "Krieg", Spekulationen über einen möglichen NATO-Bündnisfall kursieren.

Der 13. November 2015 würde Experten wie Guido Steinberg wiedersprechen, die al-Qaida nach wie vor für die größere Bedrohung für Europa einschätz(t)en. Dies zum einen, weil der IS hinreichend in der arabischen Welt und vor allem natürlich in Syrien und im Irak mit der Konsolidierung und Expansion seines "Kalifats" beschäftigt ist. Zum anderen, weil der IS eine andere Strategie verfolgt als al-Qaida, die verstärkt auf eine terroristische Zermürbung der "fernen Feinde", des Westens (u. v.a. der USA) als Stütze und Komplize der "glaubensverräterischen" Regime in der Region, hinarbeitete. Dies eben mit aufsehenerregenden Anschlägen wie natürlich und v.a. 11.-September-Anschlägen. Der IS hingegen setzte und setzt auf eine "Clear-and-Hold"-Methode: Kontrolle gewinnen über ein Gebiet und das Schaffen von Fakten darin - eben der Errichtung eines "Islamischen Staats", der bei AQ Langfristziel ist.

Allerdings mögen die Täter vielleicht im Namen des IS gehandelt haben (was noch zur Zeit noch nicht wirklich bestätigt ist). Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass der IS selbst direkt hinter der Paris-Attacke - vor allem federführend - steht.

Vielleicht liegen den Sicherheitsbehörden bereits weitere, bestätigende Informationen vor - solche, die (noch) nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken dürfen. Auch hat man mit Salim Benghalem bereits einen notorischen IS-Kämpfer als potenziellen Hintermann im Visier. Und natürlich sind in puncto Ausmaß, Vorbereitung (die Planung) und Mitteln (der Einsatz von Sprengstoffgürteln neben den AK-Sturmgewehren; die Anzahl der Täter) die Angriffe auf das Stade de France, der tödliche Zug durch die Stadt und das Massaker im Bataclan-Klub wenig vergleichbar mit den "Lone-Wolf-"Attacken in Frankreich, in Australien oder in Paris im Februar (gemeint ist nicht das "Charlie Hebdo"-Attentat; dies war eben eine von jemenitischen al-Qaida-Filiale initiierte Tat). Gleichwohl ist nach wie vor nicht auszuschließen, dass es sich hier um eine vielleicht unterstützte, nichtsdestotrotz relativ eigenständig agierende Gruppe handelte, die ohne (zumindest: Detail-)Wissen und Einsatzauftrag durch die IS-Spitze um Abu Bakr al-Baghdadi alias Kalif Ibrahim gemordet hat. Oder die vielleicht doch eher Kontakte zu "al-Qaida auf der arabischen Halbinsel" hatte...

Das Statement des IS zum terroristischen Simultan-Angriff auf Paris, der mittlerweile als Beleg dient, ist jedenfalls nur ein dünner Beleg für Verantwortlichkeit (um nicht zu sagen "Urheberschaft"). Die Audiobotschaft, die auf arabisch und englisch vorliegt (in letzter Variante eingesprochen von dem gleichen englischsprachigen Off-Kommentator der meisten al-Hayat-Media-Videos, jenen Propagandafilme, die sich gezielt an ein westliches Publikum richten) und die als Trankskript nun im Netz zirkuliert, spricht von den Paris-Tätern allgemein nur als "Brüdern". Weitergehend reklamiert der IS die von IS-Fans in den Sozialen Medien gefeierte Aktion für sich nicht.

IS-Fan-Tweet zu den Paris-Anschlägen am 13. November

Zudem führt die Botschaft nur recht allgemeine Informationen auf, die in der Form ein wenig klingen, als habe die IS-Propagandaabteilung selbst sich maßgeblich an den internationalen Online-News-Feeds ad hoc bedient. Gerade wenn bzw. weil die Anschlagsserie von längerer Hand geplant und vorbereitet worden sein muss, würde man eventuell in Sachen Bekennerschaft eine gleichsamt größer vorbereitete mediale Ausschlachtung erwarten. Nicht zuletzt eine, die mit mehr Details und mehr "Stolz" über den Schlag gegen die "Kreuzzügler"-Nation aufwartet.

Und tatsächlich wird in dem Audiobotschaft zwar angesprochen, dass Frankreich und andere Staaten gegen den Islamischen Staat (wie den Islam überhaupt) zu Felde zögen und sie damit auf der Zielliste des IS stünden - entsprechend sei Paris eine Warnung für alle "who whish to take heat". Doch sonst nichts macht die Verlautbarung zu einer Selbstbezichtigung - vor allem wenig Konkretes.

Entsprechend lässt sich - wie die freudigen Kommentare und Bilder des IS-Sympathisanten auf Twitter und Co. - die IS-Veröffentlichung vor allem und in erster Linie lesen als Begrüßung einer Terrortat, einem fürchterlichern "Erfolg" in Namen des IS, auf den den der IS hier womöglich nach den Luftangriffen auf die Öl-Felder in seinem Territorium vor allem aber selbst aufsattelt.

Etwas, wobei ihm nicht zuletzt die Medien vielleicht ein wenig zu vorschnell behilflich sein könnten,

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Auch wenn ich aus mehreren und offensichtlichen Gründen sonst davon absehe, hier Propaganda und sonstige Materialen aus IS- u. IS-assoziierten Quellen zu verlinken, sei hier angesichts der aktuellen Spekulationen über Hintergründe und Hintermänner von Paris und in Zusammenhang mit obigen Überlegungen (gegen die es durchaus vieles einzuwenden gäbe) auf die angesprochene Audio-Botschaft als Artefakt verwiesen. Sie finden diese - zumindest noch zu diesem Zeitpunkt direkt HIER auf archive.org.

Ein Transkript finden Sie HIER.

09.05.2015

Greg Stevens - Zum indischen Politsystem und Hindu-Radikalismus


Greg Stevens in einem Online-Gespräch mit einem anonymen Inder über die indische politische Parteienlandschaft, die hindu-nationale BJP und das Konzept Hindutva, sowie kurriose wie bisweilen erschreckende Sonderlichkeiten und Radikalismen.

 
Hinweis: Die Aussagen der Personen in den Videos geben ihre persönliche Meinung wieder und stellen nicht notwendigerweise den Standpunkt von T&F dar. 

23.02.2015

Zu den 9. Berliner Sicherheitsgesprächen und der 2. Fachtagung des Netzwerk Terrorismusforschung (4. & 5. Februar 2015)


Zwei hochkarätige Tage im Zeichen der Terrorismusforschung und -bekämpfung bot Berlin Anfang Februar. Die 9. Berliner Sicherheitsgespräche, die am 4. Februar 2015 vom Bund Deutscher Kriminalbeamten (BdK) und Exhibition & Marketing Wehrstedt GmbH veranstaltet wurden, standen unter dem Titel „Krieg und Terror im Namen Allahs – Auch in Deutschland?“ und noch unter dem Eindruck der Anschläge von Paris knapp einen Monat zuvor. In der vollbesetzen Landesvertretung Rheinland-Pfalz hielt neben der Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher, die besonders mit geschichtlichen Hintergründen das Thema erhellte, und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland Aiman Mazyek Dr. Thomas de Maizière ein Impulsreferat, das für das größte Medieninteresse sorgte. Der Bundesinnenminister dankte den KriminalbeamtInnen und hob die Bedeutung ihrer Arbeit hervor, verwies in Sachen Terrorismus aber auch darauf, dass es „keine totale Sicherheit“ gäbe. Dies sei allerdings einzuordnen, etwa angesichts von Gewaltverbrechen, die trotz aller Sicherheitsmaßnahmen in der U-Bahn geschähen, ohne dass man auf die Nutzung für den Weg zur Arbeit verzichte. „Es gibt kein Leben ohne Kriminalität“(srisiko). Zweierlei sei aber Angesichts der Terrorbedrohung zu tun: Sorgfältiges Arbeiten der Sicherheitsbehörden und nicht in Panik verfallen, also den freiheitlichen Lebensstil aufzugeben. Was in Europa auch geschehe und geschehen sei angesichts Anschläge der vergangenen Zeit.

Bundesinnenminister de Maizière (Bild: BdK)

RAF-Terrorismus kam von innen, so de Maizière, war hausgemacht. Was den Jihadismus betreffe, seien es vor wenigen Jahren noch Gruppen von „außen“ gewesen, die als Gefährder einzustufen waren. Neu sei nun seit einigen Jahren oder Monaten, dass beides vorläge, eine radikalislamistische Bedrohung von innen und von außen. Wichtig sei Präventionsarbeit hinsichtlich des frühzeitigen Erkennens, ob und wann ein junger Mensch Gefahr laufe, in den Extremismus abzurutschen. De Maizière verwies zugleich auf die Relevanz des Drucks der staatlichen Exekutive, um etwa Anschläge in der Vorbereitungsphase zu verhindern. „Gesetzgeberisch und faktisch“ sei dafür die internationale Zusammenarbeit besonders hinsichtlich des Austauschs zwischen Polizeibehörden und Geheimdiensten von Informationen aus menschlichen wie elektronischen Quellen zentral. Auf legislativer Ebene müsse an den Außengrenzen des Schengen-Raumes jeder Beamte bei der Passkontrolle wissen, „wen er da vor sich hat“. Außerdem sprach sich der Bundesinnenminister für die Weitergabe von Fluggastdaten aus. Fachlich dringend geboten sei schließlich die Vorratsdatenspeicherung bzw. die verordnete Mindestspeicherfrist von Verbindungsdaten. Er kenne kaum einen Sicherheitsexperten, der das anders sehe, so de Maizière, der damit die nachdrückliche Forderung von BdK-Bundesvorsitzenden André Schulz aufgriff. Allerdings: „Nun ist es nicht so, dass, weil alle Sicherheitsexperten etwas fordern, man das auch machen muss“. Es sei abzuwägen, für Mehrheiten zu sorgen. Ein Pro-Argument sei aber schlicht, dass es für Geldbewegungen etwa im Kampf gegen Steuerbetrug oder Geldwäsche längst eine unstreitige Vorratsdatenspeicherung gebe – und dies ohne Richtervorbehalt und bei weniger gewichtigen Straftaten als denen des Terrorismus. Überdies erinnerte er an die allgemeine Freigiebigkeit von Daten, wenn es um Web-Services wie Online-Shopping gehe. Darauf wollten zwar weder der Bundesinnenminister noch der BKA-Präsident Zugriff haben. Aber weshalb diese Großzügigkeit im Zum-Verfügung-Stellen persönlicher Daten für Privatfirmen gelte, jedoch eine große Skepsis herrsche, wenn „wir den Provider sagen, ihr sollt ja nur die Verbindungsdaten speichern“, habe er „intellektuell und psychologisch“ nicht verstanden, so de Maizière, der dafür spontanen Applaus erntete. Sicher habe er verstanden, dass es ein großes Symbolthema geworden sei; um zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen – das ginge nicht mit „großem Geschrei“ – leiste er momentan Überzeugungsarbeit.

Der zweite Hauptblock der Sicherheitsgespräche nach den Einzelvorträgen bestand aus einer Podiumsdiskussion, moderiert von dem Werner Sonne, ARD-TV-Korrespondent im Ruhestand. Auf der einen Seite versammelte diese Harald Range, Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Dr. Hans-Georg Maaßen, Holger Münch, seit 1. Dezember 2014 Präsident des Bundeskriminalamtes, sowie MdB Stephan Maier, Innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Auf der anderen Seite saßen Islamwissenschaftlerin Schirrmacher, Mayzek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland und Dr. Patrick Schmidtke, als Referatsleiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zuständig für die Beratungsstelle Radikalisierung.

Qulle: BdK

Thema war u.a. die Be- oder gar Überlastung von Behörden angesichts der gestiegenen Zahl von Radikalislamisten und vor allem der zurückkehrenden Syrienkämpfer. Laut Range gäbe es aktuell 66 laufenden Verfahren mit mehr als hundert Beschuldigten – gegenüber nur vier Verfahren mit acht Beschuldigten noch vor einem Jahr. Angesichts eines solchen Ermittlungsanstieges stelle sich schon die Ressourcenfrage. Allerdings habe es auch schon Personalverstärkung gegeben. Auch BfV-Chef Maaßen gab zu, dass die Verfassungsschutzbehörden nicht auf die Zahlen der mittlerweile zu Beobachtenden ausgelegt seien. Zudem hätte es in den letzten Jahren immer wieder neue Schwerpunkte gegeben, die eine Umorientierung des Personal und der Stellen nötig machte: Während jetzt Islamismus und Syrienheimkehrer im Zentrum stünden, war dies zuvor die Spionageabwehr und der geforderte 360-Grand-Blick im Zuge des NSA-Affäre, davor der Rechtsradikalismus und die NSU. Dem begegne man mit der Umverteilung von Prioritäten. Der Bundestagsabgeordnete Mayer, angesprochen auf die Unterstützungspflicht des Bundes, zeigte sich besorgt über den Rückgang von 15.000 Polizeistellen seit dem Jahr 2000 - dies allerdings auf Länderebene. Dort hätten sich einige in den letzten Jahren „einen schlanken Fuß“ gemacht, und es könne nicht die Aufgabe des Bundes sein, diese Defizite auszugleichen.

Was die aktuelle Terrorgefahrenlage für Deutschland und andere europäische Staaten angehe, so BfV-Chef Maaßen, gäbe es nach geheimdienstlichen Erkenntnissen seit 2013 ein gestiegenes „Grundrauschen“: es werde in Deutschland wie in Syrien oder im Irak in der  Szene viel darüber diskutiert, etwas zu „unternehmen“. Konkrete Erkenntnisse zu Plänen lägen aber nicht vor. Auf die Brutalität von Jihadisten-Propagandavideos im Internet angesprochen, bestätigte er eine gewisse Attraktivität der extremen Gewaltdarstellungen. Die Clips würden teilweise bejubelt, konsumiert, verlinkt – man nehme sie wahr. Diese abgefilmte Brutalität sei allerdings nicht „sinnfrei“, sondern werde als militärisches Mittel verwendet, um Furcht beim Gegner zu erzeugen. Maaßen erinnerte an die Einnahme von Mosul trotz militärischer Unterlegenheit des „Islamischen Staates“, was eine bestimmte Tradition in der Geschichte der islamischen Eroberungen habe. Generalbundesanwalt Range bestätigte: Brutalität sei attraktiv; Rückkehrer aus dem Krieg würden nicht zuletzt in diesem Zusammenhang als Helden gefeiert.

Wie aber kann gegen – künftige – Gotteskrieger vorgegangen oder in solchen Fällen geholfen werden? Schmidtke verwies hinsichtlich seiner Beratungsstelle darauf, dass diese keine Aussteigerhilfe sei, sondern ein Angebot für Angehörige oder das soziale Umfeld (vermeintlich) Radikalisierter. Enorm viel wäre es schon wert, Eltern zu beruhigen und aufzuklären, denn nicht jede religiöse Konversion sei gleich eine Radikalisierung. Sei die betroffene Person schon in den Extremismus abgedriftet, böte eine von vier zivilgesellschaftlichen Partnerstellen systemorientierte Familienbetreuung. Kontakt zu islamischen Organisationen bestünde bereits, auch gäbe es Anfragen aus einzelnen Moscheen. Die Zusammenarbeit sei aber noch auszubauen. Gerade was das Engagement von muslimischer Seite anbelangt, verwies Islamwissenschaftlerin Schirrmacher auf die Relevanz von Jugendarbeit nicht zuletzt in religiösen Einrichtungen, vor allem jedoch auf die große Bedeutung wie leider den noch bestehenden dortigen Mangel an Identitätsvorbildern, die mit beiden Beinen im Rechtsstaat den Brückenschlag zwischen Migrationshintergrund und Angekommen-Sein in der deutschen Gesellschaft positiv verkörperten.

Neben den interessanten Auskünften und erhellenden Standpunkten fiel bei der Podiumsdiskussion auf, wie sehr – rechts vom Publikum aus gesehen mit Range, Maaßen, Münch und Maier die harten „Praktiker“, die Theoretiker oder „weichen“ Diskutanten links – nicht nur von der Sitzordnung demonstrativ getrennt positioniert, sondern wenig miteinander ins Gespräch kamen oder von Sonne ins Gespräch gebracht wurden. Ein Austausch über die „Grenzen“ hinweg entzündete sich allerdings über empirische Daten zu den Syrien-Ausreisenden, bezeichnenderweise in kontrastiver Form. Während basierend auf der Ende 2014 veröffentlichen Studie zu islamistischen Syrien-Reisenden [1] BKA-Chef Münch und BfV-Präsident Maßen konstatierten, die Mehrzahl derjenigen, die aus Deutschland in den Jihad zögen, seien zuvor bereits kriminell geworden (beispielsweise die Personen der „Lohberger Gruppe“ aus Dinslaken, durch u.a. durch Tankstellenüberfälle und Drogenhandel auffällig wurden), gewann Schmidtke aus der Arbeit seiner Beratungsstelle ein „komplett anderes Bild“: 93 % der Radikalisierten seien zuvor strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten. Das zeige, so, Schmidtke, wie heterogen die Radikalisierungslandschaft in Deutschland sei.

Für stärker disziplinübergreifende und perspektiverweiternde Gespräche stand allerdings in besonderem Maße die sich am Folgetag anschließende gemeinsame Fachtagung des BdK und seiner Kripo-Akademie und des Netzwerk Terrorismusforschung e.V. (NTF) in Kooperation mit der Konrad Adenauer Stiftung e.V. (KAS). In der KAS-Akademie in der Tiergartenstraße fanden sich an 5. Februar über dreißig Besucher – neben Wissenschaftlern und anderen Fachinteressierten vor allem Vertreter von Polizei- und Sicherheitsbehörden – ein, um sich über die Berufsgrenzen hinweg auszutauschen und neue Ideen und Input zu erhalten. Nach der einführenden Begrüßung durch Christian Schleicher, stellv. KAS-Akademieleiter, BdK-Chef André Schulz und dem durch die Tagung leitendenden NTF-Vorstandsvorsitzenden Dr. Stephan G. Humer ging es in sieben Vorträgen mitsamt sich anschließenden Diskussionsrunden um „Interdisziplinäre Herausforderungen des Terrorismus“. So vollgepackt das Tagesprogramm war, ließen doch vor allem die Vielfältigkeit und der Abwechslungsreichtum der Themen und ihrer Reihenfolge keine Müdigkeit aufkommen.
Einer von Deutschlands prominentesten Islamismusexperten, Dr. Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik des Deutschen Institut für Internationale Sicherheit und Politik, eröffnete mit dem Vortrag „Al-Qaidas deutsche Kämpfer: Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus“. Die Zahl der ins Konflikt- und Kriegsgebiete ausreisenden Islamisten sei spektakulär angestiegen in letzten drei Jahren. Weshalb Deutschland dahingehend so spät, dafür mit derartigen Steigerungsraten auftrete, versuchte Steinbach zu (er-)klären und verwies auf u.a. auf die Globalisierung bzw. Internationalisierung als Schlüsselpunkt.

G. Steinberg (Foto: R. R. Jaeger)

Was damit genau gemeint sei, zeige sich an den „beiden“ „Hamburger Zellen“. Die erste Zelle der Attentäter des 11. September 2001 um Mohammed Atta, Marwan Al-Shehhi und Ziad Jarrah, sei primär arabisch und von ihrem Umfeld her nordafrikanisch geprägt, was zu dieser Zeit der al-Qaida-Struktur entsprochen habe. Die (begrifflich so nicht etablierte) zweite „Hamburger Zelle“, eine Gruppe junger Leute, die 2009 nach Pakistan v.a. zur dort agierenden Islamischen Bewegung Usbekistan ausreisten, habe hingegen keinerlei gemeinsames ethno-nationales Profil mehr aufgewiesen. Internationalisierung bedeute also nicht zuletzt eine islamistische Szene, die immer mehr Menschen unterschiedlicher Herkunft anspräche und zusammenführe. Ursächlich dafür seien militärische Interventionen in der islamischen Welt, dahingehend auch die mobilisierende Eskalation des Aufstands in Afghanistan 2006 und, in geringerem Maße, Äthiopiens Eingreifen in Somalia im selben Jahr.

Außerdem führte Steinberg die Verbreitung einer Ideologie an, die mittlerweile unter dem Begriff Salafismus bekannt sei. In deren Spektrum seien Jihadisten sozialisiert. Die aktuelle Attraktivität Syriens als Ausreiseziel liege wiederum an der verhältnismäßig einfachen und günstigen Erreichbarkeit und den Möglichkeiten, dort Zugang zu den gesuchten Gruppierungen zu finden. Einen wichtigen „Pull-Faktor“ stelle vor allem der „Islamische Staat“ dar, der die für Salafisten ungeheuer attraktive Verheißung biete, in einem Staat nach dem klassischen Vorbild des Prophetentums zu leben. Da aber der IS aktuell darauf ausgerichtet sei, die eigene Position in Syrien und Irak zu halten und, Richtung Jordanien und Libyien, auszubauen, ging davon weniger terroristische Gefahr aus als von al-Qaida. Das zeige auch die Welle deutscher IS-Selbstmordattentate seit Juli 2014. Hätte der IS tatsächlich ein strategisches Interesse daran, Deutschland anzugreifen, so relativierte Steinberg die Gefahr der Syrien-Rückkehrer, hätte man diese hierzulande eingesetzt. Allerdings könnte auch der terroristische Konkurrenzdruck dazu führen, dass man künftig Anschläge taktisch gezielt in Europa von IS-Seite plane.

Im zweiten Vortrag stellte Dr. Uwe Kemmesies als deren Leiter die Arbeit der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus (FTE), einer Abteilung des Kriminalistischen Instituts des Wiesbadener Bundeskriminalamts, vor. „Terrorismusforschung am Bundeskriminalamt“ bedeute, die phänomenologische Vielfalt von Terrorismus zu reflektieren. Weshalb die Forschung am BKA nötig sei, erklärte Kemmesies anhand eines „analytischen Paradoxes“: Während Sicherheitsbehörden exklusiven Zugang zu höchst relevanten Daten hätten, nur leider nicht das wissenschaftliche Know-how für deren Auswertung über das Kerngeschäft hinaus, stünden im akademischen Bereich die Expertise zur Verfügung, der wiederum das empirische Material fehle. Etwa für die Entwicklung von Erkenntnissen und Maßnahmen zur Prävention sei das Ziel also ein Brückenschlag, die Synchronisierung und der Wissensaustausch zwischen polizeiexterner und -interner Befassung mit Terrorismus und Extremismus.

Terrorismus definierte Kemmesies dabei als „Ausdruck mangelhaft geregelter gesellschaftlicher Konflikte“ und zwar dergestalt, dass Individuen davon angesprochen und motiviert würden. Das theoretische Modell, das dies abbilde und folglich der Arbeit der FTE zugrundeliege, beziehe drei Bezugsgrößen ein: die Personen / Akteure, die Ideologie (samt ideengeschichtlichem Hintergrund) sowie das kulturelle wie konkret gesellschaftliche Umfeld, aus dem Terrorismus erwächst. Alle drei Aspekte seien wichtig in den Blick zu nehmen, allein aber nicht hinreichend: Schließlich gebe es keine prädisponierende Terrorismus-Persönlichkeitsstruktur; Ideologie sei wirkmächtig, doch offen bleibe, warum nicht mehr Personen davon angesprochen und radikalisiert würden. Und auch die Umfeldgröße sei eminent, gleichwohl gebe es etwa in rechtsaffinen Strukturen auch linke Kontra-Milieus. Folglich müsse das Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven multidisziplinär betrachtet werden. Das bedeute auch, sich auf die Sichtweise der Akteure selbst einzulassen, selbst wenn diese ent- bzw. verrückt erscheinen. Doch sie hätten nun mal „Wirklichkeitskonstruktionen im Kopf“, die sie handeln ließen. Als qualitativ orientierter Sozialwissenschaftler verwies Kemmesies auf das Thomas-Theorem: Wenn etwas als real definiert werde, würde es auch real in den Konsequenzen.

So plädierte Kemmesies für Methodentriangulation und den Einsatz qualitativer Methoden bei allem Umgang mit quantitativen empirischen Daten, zumal Terrorismus ein Dunkelfeld sei. In puncto Wissenschaftsethik verwies er auf die Werturteilsfreiheit: „das beschreiben, was wir sehen, nicht das, was wir sehen wollen“, analog zur Beweissuche für die Schuld von Verdächtigen im polizeilichen Alltag, in der es gelte, auch nach Tatentlastendem zu suchen. Kemmesies betonte, dass die BKA-Forschungsstelle keine Legitimationsforschung betreibe, also nicht dazu da sei, politisches Wollen zu legitimieren. Das heiße auch, dass – wenn auch unter Berücksichtigung etwa noch laufender Verfahren und deren Anforderungen – alle Forschungserkenntnisse veröffentlicht würden. Als Beispiel dafür nannte er die Untersuchung „Propaganda 2.0 Psychological Effects of Right-Wing andIslamic Extremist Internet Videos“, die unter Leitung von Gary Bente, Professor für Medien- und Kommunikationspsychologie in Köln, entstanden sei. Anregungen aus dem Publikum, dass derartige Ergebnisse und Kenntnisse der FTE noch stärker in alltagstauglicher (Übersichts-)Form, etwa über den BKA-Newsletter, in Kreisen der Polizei bekannt gemacht werden müssten, griff Kemmesies gerne auf.

Als Forschungslücken bzw. Desiderate nannte er Vergleiche zwischen verschiedenen „Extremismen“ sowie Untersuchungen zu Verlaufsformen, also über die Zeit hinweg: Was etwa unterscheide die aktuelle Generation der „foreign fighters“ von den Frühausreisenden ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet? Zudem müsse generell verstärkt statt nur über Risiko- auch über protektive Faktoren nachgedacht werden: was schütze Personen vor dem Abgleiten in „deviante Karrieren“? Außerdem gelte es, die Wechselwirkungen zwischen den extremistischen Strömungen in den Blick zu nehmen, zu evaluieren, was im präventiven wie repressiven Bereich getan werde und „mögliche Effekte antagonistischer Kooperation“ zu untersuchen: Inwiefern etwa profitieren Sicherheitskreise und die Medien von Terrorismus – aber auch die Wissenschaft, die auf den „Bedrohungswagen“ aufspringe, nolens volens etwa um Drittmittel einzuwerben?

Hazim Fouad, Islamologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bremer Landesamtes für Verfassungsschutz („dem kleinsten Geheimdienst der Welt“) widmete sich in seinem Vortrag
„Islamismus – Dimensionen der Bedrohung aus der Sicht des Verfassungsschutzes“ nicht nur dem Terrorismus, sondern erweiterte den Blick auch auf die Grenzzonen des Jihadismus. Wichtig bei Grundsatzvorträgen sei die Unterscheidung: Salafisten machten nur einen kleinen Teil der muslimischen Gemeinschaft aus, gewaltbereite Jihadisten nur einen Bruchteil der Salafisten. Man könne aber Islamismus nicht wirklich erklären, greife man nicht auch die Islamfeindschaft mit auf. Das Aufzeigen struktureller Ähnlichkeiten machte da einiges klarer.

Fouad gab Einblicke in das Spektrum der nicht-gewaltbereiten, legalistischen Islamisten-Gruppierungen (darunter die Islamische Gemeinschaft Deutschland sowie die türkischstämmige Millî Görüş, in Deutschland repräsentiert durch die IGMG - Islamische Gesellschaft Millî Görüş) und ging auf die Herausforderungen ein, verschiedene Strömungen auch innerhalb derartiger Gruppierungen im Blick zu behalten sowie Veränderungen nachzuvollziehen. Schwierig sei es, Salafismus praxistauglich und rechtssicher zu definieren und zu beschreiben, um ihn darüber zum Gegenstand der sicherheitsbehördlichen Beobachtung zu machen. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang das Problem der Geheimdienstarbeit, mit dieser gemäßigte Teile in islamischen Gruppen, die ein Gegengewicht zu Fundamentalisten und Radikalen bilden können, potenziell zu verschrecken und aus der Organisationsarbeit zu vertreiben, die es eigentlich zu stärken gelte.

Journalist, Buchautor und Afrika-Experte Marc Engelhardt referierte in seinem Vortrag mit dem Titel „Symbiose zwischen Terrorismus und Organisierter Kriminalität: Heiliger Krieg – heiliger Profit“ zur Situation in Nigeria unter der Bedrohung von Boko Haram. Während hierzulande noch die ideologische Motivation hinter den Untaten der Islamisten-Miliz dominant fokussiert werden, ging Engelhardt differenzierter auf die realen Verhältnisse in dem Krisenstaat ein, in dem Boko Haram gute Kontakte zu korrupten, kleptokratischen und nepotistischen Politikern unterhielten oder gar ein in gewissem Maße ordnendes Gegengewicht zu diesen darstelle. Für junge Männer böte die Gruppe mit dem besoldeten Waffendienst  oft den einzigen Ausweg aus desolaten wirtschaftlichen und mithin sozialen Verhältnissen, in denen z.B. keine Heirat ohne Mitgift möglich sei. Auch die international Aufsehen erregende Verschleppung von über 200 Schülerinnen im Frühjahr 2014 sei zwar vom Ausmaß, nicht aber von der Art her besonders, insofern solche und andere Formen von Entführungen schlicht ein einkömmliches Geschäftsmodell seien, welches nun politisiert wird. Diverse Formen der politischen Einwirkung vor allem von westlicher Seite wirkten eher negativ bis kontraproduktiv.

Neben Eric van Um (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), der angesichts und gegenüber klassischer Modelle des Terrorismus und des Guerilla-Kampfes in seinen Vortrag „Terrorismusverständnis im Wandel: Der Islamistische Staat“ den IS begrifflich wie konzeptionell einzuordnen suchte und dabei auf historische Vorläufer wie v.a. die tamilischen Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) verwies, sowie Alexander Theus von Europols Counter-Terrorism Group, der den EU Terrorism Situation and Trend Report sowie die herausforderungsvolle Arbeit daran vorstellte, referierte Natalie Paton (Laboratoire d'Études et de Recherches Appliquées en Sciences Sociales der Universität Toulouse) über „School Shooting“, also Amokläufe an Schulen, und deren „Mediatization of violence“ (Vortragsuntertitel: „From martyr models to individuation for the marginalized“).

N. Paton (Foto: Rolf Rainer Jaeger)

Dabei präsentierte sie Forschungserkenntnisse zur Web-2.0-Nutzung der Täter sowie der Social-Media-Reaktionen auf Tat und Täter (bis hin zu deren Glorifizierung). Zentral für Partons Arbeit ist der entwicklungspsychologische und soziologische Begriff der Individuation. Im Ergebnis können u.a. „School Shootings“ teilweise erklärt werden „by the paradoxes and contradictions of contemporary injunctions to individuation”, wobei sich Gewalt als Prozess der Subjektkonsitution und als Form des Empowerments begreifen ließe. Digitale Subkulturen repräsentierten in diesem Zusammenhang Unterstützung des Selbstwerdungsprozesses. (Siehe zu dem Thema auch Patons online frei verfügbares Paper „Media Participation of School Shooters and their Fans: NavigatingBetween Self-Distinction and Imitation to achieve Individuation“.)

Da Paton zahlreiche Parallelen zwischen Schulattentätern und Terroristen präsentierte – vorrangig in medialer Hinsicht, aber auch bezüglich des inhaltlichen „Nachlasses“ der Attentäter –, war dieser Vortrag eine gelungene Horizonterweiterung und sorgte so wie die anderen für einen angeregte Austausch. Der NTF-Vorsitzende Stephan G. Humer dankte zum Abschluss der Referentin und den Referenten für ihre Präsentationen und allen Anwesenden für die „gleichermaßen intensiven wie vielversprechenden Diskussionen“, die letztlich ebenso wie die Verabredung zur verstärkten Zusammenarbeit Ziel dieser Veranstaltung gewesen seien. Es sei in Zeiten zunehmend komplexerer Phänomene wichtiger denn je, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam intelligente Lösungen zu entwickeln, so Humer, der dabei den Berliner Historiker Heinrich August Winkler zitierte und so sehr deutlich für kollektive Proaktivität in Sachen Terrorismusforschung und -bekämpfung warb: Es ist ein geistiges Armutszeugnis, wenn die westlichen Demokratien immer nur aufgrund äußerer Drohungen anfangen, über ihre Grundlagen nachzudenken.“ Dieser zweite Tag der Berliner Sicherheitsgespräche erweise sich nun, so Humer, als erfolgreiche Erweiterung der seit Jahren fest in der deutschen Sicherheitslandschaft etablierten BdK-Gesprächsrunde und sei „hoffentlich der Beginn einer langen Serie von gemeinsamen Veranstaltungen“.


[1] Die zwischen März und November 2014 durchgeführte Untersuchung des BfV, des Hessischen Informations- und Kompetenzzentrums gegen Extremismus und der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus im BKA gibt in ihrer Auswertung Auskunft zu Radikalisierungshintergründen und -verläufen von insgesamt 378 Personen, die bis Ende Juni 2014 aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind.

Siehe dazu auch den Beitrag HIER.

(zyw)