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03.03.2017

Neue Ausgabe von "Perspectives on Terrorism" (1/2017)


Die erste Ausgabe im 11. Jahrgang des Online-Fachjournals Perspectives on Terrorism ist erschienen. Die Beiträge in Nr. 1 / 2017 befassen sich u.a. mit
- dem Geheimdienstapparat des "Islamischen Staats"
- der Einbindung von Frauen im IS
- terroristische Angriffe auf Kunst- und Kulturschätze 
- islamistischer Radikalisierung in Italien (empirische Studie)

Außerdem gibt es den zweiten Teil von Judith Tinnes Bibliografie zum Thema islamistische Narrativen und "westliche" Gegen-Narrativen.

Die einzelnen Texte wie die Gesamtausgabe von Perspectives on Terrorism finden sie als PDF oder in HTML-Form HIER.

zyw


24.02.2017

Faktor Bildung und die Rolle des Internets. Zur aktuellen „Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe“


Der Titel ist sperrig: Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind. Doch mit dieser Veröffentlichung, die im Oktober vergangenen Jahres als "Fortschreibung 2016" vorgelegt wurde, präsentieren das Bundeskriminalamt (BKA), das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE) ein wichtiges Papier. Politiker wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière und die Chefs von Sicherheitsbehörden werden sich wieder in öffentlichen Auftritten auf die darin präsentierten Zahlen stützen, und die Massenmedien sie zu sozialer, kultureller und politischer Realität weiterverarbeiten, zur Beschreibung einer ordnenden Wirklichkeit.

Vor zwei Jahren habe ich mich (HIER) kritisch dazu geäußert. Nicht, was die Arbeit der Verfasser anbelangt, sondern was den Umgang damit betrifft, die Verkürzungen, Übertreibungen oder jene ungedeckten Interpretationen, die fast unweigerlich ein spezifisches Bild deutscher Dschihadismus-Reisender zeichnen, auf deren Basis wiederum Vorstellungen in den Köpfen geformt und Gegenmaßnahmen geplant und finanziert werden. Und man muss Statistiken nicht fälschen, um seine "alternativen Fakten" zu kreieren, es genügt die "richtige" Auslegung.

Die Informationsbasis der Untersuchung ist nun nochmals breiter und feiner geworden. Ausreisende von Januar 2012 bis Juni 2016 wurden erfasst, 784 Personen sind es, zu denen den Innensicherheitsbehörden (also: nicht der Bundesnachrichtendienst) Informationen vorlagen.

Das sind erheblich mehr als 2014 (378 Fälle) und lässt validere Aussagen zu. Nach wie vor muss aber festgehalten werden (was im Bericht auch geschieht), dass es sich lediglich um quasi eine Fragebogenaktion handelt, eine Zusammenführung bestimmter Informationen aus den Polizeibehörden der Länder und des Bundes sowie des BfV, möglichst einfach und unaufwendig – schließlich habe die Beamten im Alltag auch anderes, wichtigeres zu tun.

So ein Vorgehen ist natürlich legitim, nicht nur hinsichtlich Praktikabilität und Forschungsökonomie. Es ist jedoch, wie ebenfalls und fast entschuldigend erwähnt wird, eben keine tiefergehende qualitative Analyse der Lebensläufe. Und es sind vor allem Daten, die von vornherein unter dem Funktionalitätsaspekt der polizeilichen und geheimdienstlichen Arbeit entstanden. Die Analyse ist also vom Material her eine der Versicherheitlichungs- und Aufklärungsperspektive. Das kommt dann – auch explizit – zum Tragen, wenn es um die Radikalisierung geht: Deren Beginn wird informationell erst da angesetzt, wo sie für die entsprechenden Behörden signifikant werden. Das ist natürlich eine handfeste Einschränkung; Radikalisierungsprozesse starten aber meist schon vorher, was dann aber nicht oder nur indirekt ins „Wissens“-Raster fehlt. Auch das wird freilich  eingestanden, fällt aber gleichwohl ins Gewicht.

Zwei Punkte möchte ich an dieser Stelle näher betrachten, weil sie mir nicht nur für meine eigene Arbeit relevant und interessant erscheinen: Die der Bildung und die Rolle des Internets.

Generell gilt: Nicht zu jeder der fast 800 Personen liegen Informationen zu allen Aspekten vor, selbst wenn nicht nur die Fallzahlen, sondern auch die Infodichte zugenommen hat. So gibt es etwa nur von zwei Dritteln polizeiliche Vorkenntnisse (s. S. 18). Je ein Viertel dieser Personen (26 %) sind mit Gewaltdelikten „vorbelastet“. Das heißt aber eben nicht automatisch, dass ein Viertel ALLER Ausreisenden Gewalttäter waren bzw. sind. Nun liegt diese allerdings nahe – schließlich stammen die Angaben von den entsprechenden Behörden. Doch bei anderen Merkmalen kann und darf nicht so einfach auf die Gesamtzahl geschlossen werden.

Aufgrund dieser und weiterer, unten näher ausgeführter Bedingungen entlarvt denn auch diese Fortschreibung der „Radikalisierungsauswertung“ die Erzählung vom Dschihad-Reisenden, der zum Extremisten wird aufgrund sozialer und ökonomischer Ausgrenzung (oder eines entsprechenden „Versagens“ – als weniger freundliche Version dieses Deutungsmusters), zwar nicht als Mär. Sie liefert aber auch keine sonderliche Grundlage, die die hohe Präsenz eines solchen erklärenden (und bisweilen entschuldigenden) Narrativs rechtfertigen würde.

Unter dem Punkt 3.4 („Schule, Ausbildung, Studium und Beruf“) erfahren wir nämlich zunächst, dass lediglich zu 289 der Ausreisenden Informationen über ihren höchsten Hochschulabschluss vorliegen. Das sind ca. 37 % aller bekannten Fälle.

Von diesem 289 Personen hatten dabei (s. S. 16):
36 % das Abitur
23 % mittlere Reife (Realschulabschluss)
27 % Haupt- oder Volkshochschulabschluss. 

Vergleicht man gewagt diese Zahlen mit denen des Statistischen Bundesamtes, kann man also zur (freilich ebenfalls überzogenen oder gar haltlosen) Aussage kommen, dass diejenigen, die sich dem „Islamischen Staat“ anschließen, die Schnitt eher Bessergebildete sind.

Das ist wie gesagt ziemlich fragwürdig, ebenso aber (zumindest auf Basis der „Analyse der Radikalisierungshintergründe- u. Wege“) die Behauptung auf dieser Datengrundlage, der IS und andere Gruppen in Syrien und im Irak würden nur oder vor allem Bildungsverlierer anziehen.

Ähnlich verhält es sich mit Blick auf Studium und Ausbildung. Hier sind die Zahlen teils noch a) weniger belastbar und b) ebenfalls nicht für die „Loser“-Erklärung tauglich.

Informationen zur Ausbildung liegen zu 116 Personen vor (also nur knapp 15 % aller erfassten Personen), und von diesen haben 42 % eine Ausbildung abgeschlossen und 26 % eine vor der Reise begonnen. Nur ein Drittel (32 %) hat die Ausbildung abgebrochen – vermutlich ist bei so manchem davon eben die Ausreise bzw. die Radikalisierung der Grund dafür (und nicht die Folge).

Was auch nicht ins Bild des "Abgehängten" passt: Von 94 Personen ist bekannt (was also nicht heißt, dass es nicht doch mehr wären), dass sie vor der Reise ein Studium aufgenommen haben, 10 % davon (also 9,4 Personen?) haben es sogar abgeschlossen, 63 % kurz vor der Reise damit begonnen, 28 % abgebrochen (vermutlich auch wieder hauptsächlich wegen der Ausreise?). 

Zu 111 Personen liegen Erkenntnisse vor, dass sie berufstätig waren, von 166 ist bekannt, dass sie arbeitslos waren.

Weil die Darlegungen in der Untersuchung unübersichtlich geraten mit den unterschiedlichen Grundgesamtheiten, auf die sich die Prozentwerte beziehen, hier übersichtlich (nochmals: soweit bekannt! Oder aber: „mindestens“):

arbeitslos: 166 Personen (= 21,2 % aller Erfassten)
berufstätig: 111 Personen (= 14,2 % aller Erfassten)
Schüler (zur Zeit der Ausreise): 74 Personen (= 9,4 % aller Erfassten)
(ehem.) studierend / studiert: 99 Personen (= 13 % aller Erfassten)

Und statt: „Zwar Drittel aller Ausreisenden waren polizeibekannt“ kann es ebenso berechtigt heißen: „Zwei Drittel aller Ausreisenden waren in einer Berufsausbildung oder haben diese sogar abgeschlossen“. Ca. 60 Personen waren an einer Hochschule eingeschrieben (63 % der 94 Personen). Mit den 74 Schülern und den 30 Azubis lässt sich sagen, dass fast ebensoviele (formal) Arbeitslose nach Syrien und in den Irak ausgereist sind wie Menschen, die sich (formal) in einer schulischen, beruflichen oder akademischen Ausbildung befanden. Nochmals: Jedenfalls soweit dazu natürlich Zahlen überhaupt vorliegen.

Übrigens: 57 der Ausgereisten waren minderjährig (7 %).

Kommen wir zum Punkt der Radikalisierungsfaktoren und dabei speziell dem Internet. Hier liegen Informationen zu 572 Personen vor. Die Verfasser sind sehr vorsichtig bzw. relativierend in ihren Aussagen. Es ist die Rede von „Hinweisen“ auf Faktoren, die „mutmaßlich“ zu Beginn der Radikalisierung „relevant“ sind (S. 20). Dabei erfolgt keine Gewichtung, was bei Querlesen schnell zu einer Fehldeutung führen kann. Folgende Radikalisierungsfaktoren mit Prozentzahlen werden nämlich genannt:

An erster Stelle stehen Freunde (54 %), (einschlägige) Moscheen (48%), dann schon das Internet (44 %). Es folgen: sog. Islamseminare (27 %), Koran-Verteilungsaktionen wie die „Lies!“-Einsätze (24%), die Familie (21 %), sog. Benefiz-Veranstaltungen (6 %), Schulkontakte (3 %) und Kontakte im Gefängnis (2 %).

Diese Prozentangaben bedeuten nun nicht, dass „Freunde“ für 54 % der Radikalisierung verantwortlich seien o.Ä. Es bedeutet "nur", dass bei 54 % der 572 Fälle „Freunde“ ein „relevanter“ Radikalisierungsfaktor war. Gewichtungen bzw. Aussagen über die (anteilige) Relevanz der Faktoren im Radikalisierungsprozess sind also nicht gegeben – und darüber hinaus bleibt offen, wie „Relevanz“ hier definiert wurde, ob dafür überhaupt Kriterien formuliert sind und inwiefern zum Tragen kamen.

Unabhängig davon sind die Zahlen interessant, zumal wenn man davon ausgeht, dass es eine große Schnittmenge gibt zwischen einerseits „Freunden“ und andererseits „Koranverteilungsaktionen“, „Islamseminaren“ oder „Moscheen“ (die ich schließlich alle mit Freunden besuchen kann).

Teilt man zwischen Off- und Online-Faktoren auf, ergibt sich auf den flüchtigen Blick ein enormer Stellen- (oder zumindest: Zahlen-) Wert für das Internet. Hier die direkte Real-World-Erfahrung und Interaktion, dort die Digitale Welt, die fast in der Hälfte der bekannten Fälle eine bedeutende Rolle spielte. Tatsächlich heißt es gar: „Bei 17 Prozent dieser Gruppe [= die 249 Personen, bei denen das Internet eben relevanter Faktor war; B.Z.] ist ausschließlich das Internet als entscheidender Faktor bei Radikalisierungsbeginn bekannt geworden“ (S. 22). Das ist beachtlich.

Doch zum einen ist nicht klar, wie relevant das Internet ist (im Verhältnis zu den „Offline“-Erlebnissen und Interaktionen), zum anderen, was mit „Internet“ überhaupt gemeint ist. Zumindest werden hier verschiedene Dienste, Angebote, Funktionen und Nutzungsweisen auf problematische Weise vermengt und unter einen Begriff gezwängt, der nicht erst, aber spätestens seit dem Aufkommen des Sozialen Medien für solche Analysezwecke nicht mehr sonderlich taugt.

Während denn auch kleinteilig zwischen „Islamseminaren“, „Moscheen“, „Benefiz-Veranstaltungen“ und „Koranverteilungsaktionen“ etc. differenziert wird, wäre es mindestens ebenso sinnig (und ebenso politisch), auch auf der Seite des „Internets“ zu trennen: Einerseits die der Nutzung von E-Mails und Chat-Foren, von Skype, Facebook und Twitter als Techniken und Räume des kommunikativen Austauschs, der Selbstpräsentation und der Kontaktanbahnung einerseits. Und andererseits der Gebrauch des Netzes als Informationsquelle für Texte und Videos.

Natürlich sind die Grenzen fließend: das Social Web teilt sich vom Microblogging und -messenger bis zum Videodienst eine Menge überlappender, artverwandter und ergänzender Features, die zudem in unterschiedlicher Art und Bedeutung je unterschiedlich integriert, aufeinander abgestimmt und miteinander verschränkt sind. Wer will entscheiden, ob Facebook primär als Infoquelle oder als Medium der direkten Austauschs gilt, als Plattform oder Kanal?

Aber es ist eben doch ein Unterschied, ob bei Spiegel-Online oder einschlägigen, spezielleren Websites die neuesten Missetaten des Assad-Regimes rezipiert werden oder ob mittels Telegram und WhatsApp persönlich kontaktiert, später die Hidschra initiiert, geplant und organisiert wird. Entsprechend ist die einfache Abgrenzung zu „Freunden“ und „Islamseminar“ hinfällig, wenn ich mich mit meinen Freunden über das „Internet“ austausche oder das „Islamseminar“ in Online-Foren, in Videos und Kommentarspalten von YouTube stattfinden. Hier ist das „Internet“ virtuelles, zumindest digitales Pendant oder Verlängerung der „analogen“, der „Kohlenstoff“-Räume, dort eine ganz eigene Welt oder zumindest ein ganz eigenes Angebot. Dazwischen ist es oder kann es sein: ein Ersatz.

Dies impliziert der Befund der vorgelegten Analyse: die „Abnahme“ der Bedeutung des Internets im Radikalisierungsverlauf (auch wenn es zu diskutieren gälte, inwiefern hier konkret ein Bedeutungsrückgang zu konzipieren ist). „Offenbar ist in den meisten Fällen ein direkter persönlicher Austausch mit Gleichgesinnten für die weitere Radikalisierung bedeutsamer als der Konsum von extremistischer Internetpropaganda oder digitaler Kommunikation“ (S. 22).

Kurzum: Das „Internet“ ist vor allem in Sachen Radikalisierungsauftakt oder -einstieg ein Ort oder Werkzeug, den es genauer und differenzierter im Blick zu behalten lohnt.

Dass nun die "Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe" auch in ihrer Fortschreibung das nicht leisten kann, ist verständlich, weil schlicht eine solche genauere Erfassung bei den Behörden wohl nicht erfolgt und somit nicht weitergeleitet werden kann. Die "Internet"-Pauschalisierung, die sich auch in jüngerer Medienforschung noch findet und vielleicht akzeptabel (siehe etwa HIER, wo eingangs allerdings gar von der "Nutzung von Onlinemedien wie Computer, Internet, Handy und Social Media" die Rede ist), kann und muss aber gerade im Bereich der Radikalisierungsuntersuchung überwunden werden, insbesondere was statistische Daten anbelangt.

Bis dahin wäre allerdings schon viel gewonnen, wenn mit den bestehenden Informationen vernünftig und besonnen umgegangen wird.



zyw 

28.01.2017

TIPP: Podcast-Serie "Bilals Weg in den Terror" (rbb)


Die Audiopodcast-Serie "Serial" um den True-Crime-Fall der ermordeten Schülerin Hae Min Lee hat über die USA hinaus im Jahr 2014 dieser Online-Gattung nicht nur enorme Popularität und Anerkennung verschafft: Gerade als Form des journalistischen, vor allem investigativen Erzählens sorgte sie für Aufmerksamkeit für die Potenziale des Medienformats. Das lange und langsame Erzählen samt den O-Tönen, das in der schnelllebigen, durchvisualisierten Medienwelt (wieder) zum Zuhören zwingt oder verführt, verfügt über einen eigenen Reiz: Sowohl für die Zuhörer, die sich die einzelnen Folgen auch beim Autofahren oder beim Joggen zu Gemüte führen können, als auch für Journalisten: Schließlich eröffnet es die Möglichkeit, länger und mehrgliedriger, damit eingehender und eindringlicher in eine Story einzusteigen, dabei persönlicher zu werden und näher nicht nur an ihre Protagonisten, sondern auch intimer an das Publikum heranzurücken, als es mit abgeschlossenen Einzelreportagen und etwa im Fernsehen der Fall ist.

In Deutschland haben 2016 Sven Preger und Stephan Beuting mit der WDR-Dokureihe "Der Anhalter" sich in fünf Teilen mit dem Einzelschicksal des Trampers Heinreich befasst, über das  eindringlich das Thema des Kindermissbrauchs in Heimen in der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre behandelt wird. Und nun, ab 27. Januar 2017, geht es in vergleichbarer Weise um die Radikalisierung junger Menschen, die sich dem sog. "Islamischen Staat" anschließen.

"Bilals Weg in den Terror" heißt die - ebenfalls fünfteilige - Radio- und Podcast-Reihe, die Philip Meinhold für den rbb (Radioeins und rbb-Kultrradio) geschrieben und produziert hat. 2015 bereits hatte Meinhof für für Radioeins und Kulturradio die neunteilige Podcast-Serie "Wer hat Burak erschossen?" verantwortet. "Bilals Weg in den Terror" ist HIER auf der Website von Radioeins oder HIER auf der des NDR zu finden. Auch hier steht weniger ein Themenkomplex im Mittelpunkt, der allgemein von verschiedenen Positionen aus beleuchtet wird, sondern eine Person oder "Figur" und ihre Geschichte samt deren Facetten: Es geht um den jungen Florent, der aus Kamerun stammend, in Hamburg aufwächst und im Alter von 14 Jahren in die salafistische Szene gerät. Florent nennt sich Bilal, verteilt vor dem Hamburger Bahnhof Koran-Examplare im Rahmen der LIES!-Kampagne und reist 2015 nach Syrien in den bzw. zu dem "IS" aus. Zwei Monate später ist er tot - und sorgt für harsche wie erbärmliche Diskussionen darüber, ob die öffentliche Trauerfeier in der Hamburger St. Pauli Kirche, die im Mai 2016 stattfindet, für "so einen" in Ordnung ginge.

Mit dieser Trauerfeier eröffnet auch Meinholds Serie in der ersten Episode. Dabei will "Bilals Weg in den Terror" mehr sein als ein Dokudrama. Neben Angehörigen und Freunden sollen Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden oder Islamisten zu Wort kommen, der Einzelfall also auch dazu dienen, Gründe, Motive und Prozesse von Radikalisierung ebenso zu beleuchten wie Unklarheiten im Fall Bilal selbst. Damit fügt sich "Bilals Weg in den Terror" in das in Buchform populäre Genre der Islamisten- und Dschihadisten-(Auto-)Biografien. Diese Bücher balancieren mal mehr, mal weniger gekonnt zwischen Betroffenheits- und Bekenntnisdrama, Empörungsgrusel angesichts eines "Unmenschen", den man, wie weiland den Serienmörder, wie die Bestie im Zoo aus nächster Nähe und doch aus sicherer Distanz begaffen kann - und eben echten Aufklärungs- und Verstehensbemühungen, die einen begreifenden und deutenden Blick auf ein Phänomen werfen wollen, wie ihn abstrakte,  verallgemeinernde Ansätze der Behörden, Politik und Wissenschaft nicht bieten können (und ggf. wollen).

Inwiefern "Bilals Weg in den Terror" auch dahingehend eine gelungene Podcast-Serie jenseits des emotionalen "Abholens" (oder "Mitnehmens") oder des journalistischen Handwerks ist, wird sich zeigen. Der Fall Florent/Bilal jedenfalls wurde bereits zur Prävention und Deradikalisierung genutzt: 2016 veröffentlichte die Hamburger Verfassungsschutz die Audiobotschaft des damals 17-Jährigen, der vom wahren Leben als IS-Rekrut aus Rakka berichtete, das mit der IS-propagierten Kalifat- und Kriegsromantik nichts zu tun hat (siehe HIER oder HIER). Die eigenen, glaubwürdigen Worten Bilal sollten so potenzielle Nachfolger von ihrem Weg in den Dschihad abhalten oder zumindest zum Nachdenken anregen.

Inwieweit diese Veröffentlichung (die mittlerweile von der hamburg.de-Seite verschwunden ist) tatsächlich präventiv gewirkt hat, wäre ebenso interessant, wie die Frage, ob und wie die Hör-Reihe "Bilals Weg in den Tod" in dieser Hinsicht Effekte zeigt und zeigen kann.

Eine Linkübersicht zur Online-Berichterstattung über den Fall Florent/Bilal finden Sie HIER, ein Interview mit Philip Meinhold zum Start von "Bilals Weg in den Terror" auf zeit.de HIER.

zyw

30.07.2016

Keine visuelle Terror- und Amokwerbung in Zeitungen: Selbstbeschränkung, "Werther-Effekt" und mediale "Ansteckung"


Arthur Rutishauser, Chefredakteur der Tages-Anzeiger, verkündete Sache am Freitag, dem 29. Juli 2016: Ab sofort werden keine Bilder mehr von Attentätern und Amokläufern in seinem Blatt präsentiert, weder in den Print-Ausgaben, noch online. Die überregionale Tageszeitung aus Zürich habe, so Rutishauser, intern ihre ohnehin bereits zurückhaltende Praxis angesichts der Anschläge und Attacken von Nizza, Würzburg, München und Ansbach auf den Prüfstand gestellt und entschieden, dass diese nicht mehr genüge.

Die Medien tragen [...] eine spezielle Verantwortung. Wir haben einen Informationsauftrag und müssen auch über schwere Gewalttaten berichten, die Hintergründe ausleuchten und Zusammenhänge aufzeigen. Gleichzeitig müssen wir uns mit den möglichen Folgen der Berichterstattung auseinandersetzen. Wir müssen aufpassen, den Attentätern und deren Propaganda keine Bühne zu geben und damit womöglich Nachahmer zu animieren.
Untersuchungen zeigen, dass Nachahmungseffekte bei Massentötungen wie Selbstmordanschlägen, Amokläufen und Terroranschlägen tatsächlich existieren. Psychologen bestätigen die Befunde“
so Rutishauser in der Erklärung.

Die französische Zeitung Le Monde, auf die er verwies, hatte einige Tage zuvor schon in einem Leitartikel ihres Chefredakteurs Jérôme Fenoglio mit dem Titel „Résister à la stratégie de la haine“ („Der Strategie des Hasses widerstehen“) gleiches für sich beschlossen. Zudem wird die als linksliberal geltende überregionale Tageszeitung aus Paris darauf verzichten, Bilder aus Propagandamaterialien des „Islamischen Staats“ zu präsentieren. Keine Selbstverständlichkeit.

In einer Meldung über diesen Schritt schrieb am 27. Juli die Süddeutsche Zeitung (auf SZ.de):
In Frankreich und in anderen Ländern wird derzeit intensiv darüber debattiert, wie sich Medien angesichts der häufigen Terroranschläge verhalten sollen. [...] Die Kernfrage ist, ob Medien mit intensiver Berichterstattung zu derartigen Taten beitragen. In Bezug auf den Amoklauf von München wird einigen Medien außerdem vorgeworfen, zur Verbreitung von Gerüchten beigetragen zu haben.
 
Die Zeit setzte ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 32 / 2016 vom 28. Juli) dahingehend ebenfalls ein Zeichen. Die Hamburger Wochenzeitung verzichtete zwar nicht auf Fotos von Tätern, Tatorten und Opfern, bildete diese aber demonstrativ in extremer Unschärfe ab (s. Abbildung).

Ausschnitt aus Die Zeit (32/2016, S. 13)


Die Begründung dazu lautete:
Wir haben uns dazu entschlossen, die Bilder der Täter, der Waffen und der Tatorte unkenntlich zu machen. Wir wollen nicht dazu beitragen, dass Mörder zu Helden stilisiert werden – und dass ihr Kalkül aufgeht: durch Grausamkeit berühmt zu werden. Dass Medien blutige Bilder verbreiten, gehört zum Plan der Täter. Ihm wollen wir nicht folgen.“ (S. 13)

Inwiefern allerdings diese Verfremdung selbst wiederum eine Stilisierung und zumindest ästhetisch (und ästhetisierend) mit der Bedeutung der Täter und ihrer Fotografien spielt, ist eine andere Frage und Diskussion wert. Eine interessante Idee ist es allemal.

Im Zeit-Beitrag „Warum es nicht aufhört?“ ist jedenfalls vom „Werther-Effekt“ die Rede. Diesen Aspekt der Medienwirkung, speziell der Imitation, führt ja auch Rutishauser ins Feld (s.o.). Die Bezeichnung „Werther-Effekt“ geht auf Johann Wolfgang Goethes berühmten und seinerzeit sehr populären Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (erstveröffentlicht 1774 noch mit Genitiv-"S") zurück, in dem sich der Titelheld aus unglücklicher Liebe selbst tötet. Vor allem aber verweist der Terminus auf die Nachahmungstaten in Folge der Romanlektüre. Wie Micheal Kunczik und Astrid Zipfel in ihrem Buch „Gewalt und Medien“ [1] schreiben, folgte tatsächlich ein Verbot des Buches in einigen Ländern (vgl. Kunczik/Zipfel 2005, S. 30). Dies ganz im Sinne u.a. des Göttinger Medizinprofessors Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822), denn im „Werther“ sah Osiander Selbstmord „als eine Heldenthat oder eine Handlung eines großen Genies dargestellt“ (zit. n. ebd., S. 31). Im Sinne dieser Suggestionsthese wurden auch in verschiedenen Studien in den letzten vierzig Jahren Belege für solche Imitationseffekte nach Berichten über sowie (u.a. fiktionalen) Darstellungen von Selbstmorden gefunden (vgl. ebd., S. 94 ff.). Als Faktoren für Nachahmungswirkungen gelten – wenn auch von Kunczik und Zipfel nicht unkritisch betrachtet – u.a.:
        
- der Publizitätsgrad (die Berichterstattungsintensität)
- die Eigenschaften der Rezipienten (Jüngere sind mehr gefährdet als Ältere) sowie
- die Ähnlichkeit zwischen Vorbild und Nachahmer
- die Art des dargestellten Verhaltens (reales Handeln wird wohl eher nachgeahmt als fiktives)
- die Darstellung der Konsequenzen (etwa als positiv u. heroisierend)
(vgl. ebd., S. 101)

Was den letzten Punkt, die Präsentation der Folgen, betrifft kann allerdings von einem Unterschied zwischen einem Selbstmord, der sich nur gegen das eigene Leben wendet, und der Selbsttötung am Ende eines Amoklaufs oder einem gezielt bzw. potenziell suizidalen Terrorakt angenommen werden. Bei den beiden letztgenannten Gewaltaktionen spielen weniger die Werthaltungen und Reaktionen in der Öffentlichkeit und in den Massenmedien eine Rolle, weil es alternative konträre Sichtweisen und entsprechende Abrgenzungsgemeinschaften gibt, mit denen sich die Täter identifizieren: die teils fast kultische Verehrung von Amoktätern im Internet [2] oder die Welt- oder zumindest Konfliktwahrnehmung von Terroristen samt demonstrativer Märtyer-Verehrung, die einen gewissen Ruhm auch „lone actors“ verheißt. Insofern es um Rache, Schrecken und Verstörung geht, können negative Reaktionen in Presse und Rundfunk also eher ganz im Sinne potenzieller anti- (oder alternativ-)sozialer Nachahmer sein.
  
Was denn auch Terrorismus selbst betrifft, ist weniger der „Werther-Effekt“ als Begriff geläufig, sondern jener der „contagion“. Auch wenn die Vorstellung von massenmedialer „Ansteckung“ sich nicht auf das Feld politischer Gewalt beschränkt und für manche eher behauptet denn belegt erscheint, ist die Annahme eines solchen Effekts scheinbar „commonsensical and [...] indeed supported by anecdotal accounts as well as more systematic research“ (Nacos 2009, S. 4 [3]). Zu letzterer gehört die schon in den 1980er Jahren beginnende Forschung Gabriel Weimanns [4], Professor der Kommunikationswissenschaft an der Universität Haifa.

Brigitte L. Nacos, Politologin an der Columbia Universität, macht in ihrem Übersichtsbeitrag in Perspectives on Terrorism dahingehend eine wichtige Unterscheidung: die zwischen taktischer und inspiratorischer Ansteckung.

Ersteres zielt auf konkretes terroristisches Vorgehen ab, das v.a. bei Erfolg als Vorbild dient, beispielsweise die Botschaftsbesetzungen in den 1970er-Jahren (vgl. ebd., S. 7 – mit Bezug auf Brian Jenkins). „Inspirational contagion“, sei, so Nacos, allerdings, für die „Ziele“ der Terroristen alarmierender, denn „it is the stuff that makes terrorists tick“ und führe zur Bildung von neuen Organisationen und Zellen (ebd., S. 9). Der Schockwert der Bilder der Enthauptung Nicholas Bergs 2004 oder die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh im selben Jahr finden freilich ihren inspirativen Wut- und Empörungs-Gegenpart in der gelben und orangefarbenen Kluft der IS-Hinrichtungsopfer, die der der Guantanamo-Häftlinge nachempfunden ist, wie sie eben über die Massenmedien ebenso weltweit zirkulierten.
      
Nacos schloss 2009 jedenfalls:
In conclusion, when it comes to international and domestic terrorism, various kinds of media figure quite prominently in both tactical and inspirational contagion. While the Internet has moved center-stage in this respect during the last decade, the targets of terrorism have not been able to effectively counter the mass-mediated virus of this form of political violence“ (ebd., S. 11).

Für die aktuelle Welle der Einzeltäterattentate dürfte dies auch gelten.

Können Zeitungen wie Le Monde und der Tages-Anzeiger mit ihrer Verweigerung oder die Zeit mit ihrer selbstreflexiven performativen Verfremdung tatsächlich dagegenwirken?

Rutishauser:
Wir sind uns bewusst, dass unser Einfluss hier sehr begrenzt ist. Wenn der «Tages-Anzeiger» auf Bilder und Videos von Tätern verzichtet, verschwinden diese nicht einfach. Sie werden weiterhin tausendfach im Netz zu sehen sein. Wo es uns aber möglich ist, wollen wir unsere publizistische Verantwortung wahrnehmen.

Mehr als um die Medienwirkungsprävention geht es also um ethisches Verhalten, das weniger nach „außen“, an die Täter, als nach „innen“, an die eigene Wertegemeinschaft zwecks Selbstverständigung gerichtet ist. Es ist ein begrüßenswerter und hoffentlich nicht nur zum Nachdenken und nicht nur in Branchenkreisen anregender Zug. Einer, der nicht nur auf der visuellen Ebene verbleiben darf, sondern die Berichterstattung gernell einbeziehen sollte: Wie detailliert, eilige und auch in welchen Umfang überhaupt Terrorismus und Amok thematisiert werden. Und dies ist ein weit schwieriger Punkt, weil der das Informations- und manchmal auch Sensationsinteresse von LeserInnen und ZuschauerInnen betrifft, gegen den im Aktualitätsdruck sich Massenmedien nur schwerlich verweigern können oder möchten. Dem Zwang zur Bebilderung - vor allem dem im Fernsehen vorherrschenden des Illustrierens - etwas entgegenzusetzen, ist gleichwohl bereits ein starker symbolischer Akt.


zyw


[1] Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid (2006): Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch. 5., überarb. Aufl. Köln u.a.O.: Böhlau.

[2] siehe dazu u.a.: Paton, Nathalie (2012): Media Participation of School Shooters and their Fans: Navigating between Imitation and Distinction to Achieve Individuation. In: Glenn W. Muschert / Johanna Sumiala (Hg.): School Shootings: Mediatized Violence in a Global Age. Bingley: Emerald Publishing House, S. 81-103.

[3] Nacos, L. Brigitte (2009): Revisiting the Contagion Hypothesis: Terrorism, News Coverage, and Copycat Attacks. In: Perspectives on Terrorism, 3. Jg., Nr. 3, S. 3-13. Online unter: http://terrorismanalysts.com/pt/index.php/pot/article/view/73/150

[4] siehe z.B.: Weimann, Gabriel (1983): The Theater of Terror: The Effects of Press Coverage. In: Journal of Communication, 1. Jg., Nr. 1, S. 38-45;
Brosius, Hans-Bernd / Weimann, Gabriel (1991): The Contagiousness of Mass-Mediated Terrorism. In: European Journal of Communication, 6. Jg., Nr. 1, S. 67-75.

14.07.2016

Zentrale Medienstellen des „IS“ im Überblick

Anfang Juli 2016 veröffentlichte der "Islamische Staat" ein Video mit dem Titel "The Structure of the Caliphate". Der rund fünfzehnminütige Film liefert in ornamentalen animierten Infografiken einen Einblick in die Organisationsstruktur des "Kalifats". Dabei werden auch die Abteilungen im Bereich des sog. Medienministeriums ("Diwan of Media") aufgeführt. Aus einem Screenshot habe ich mit Unterstützung von Dr. Christoph Günther nachfolgende Übersicht mit Erläuterungen für unsere Projektsite "Online-Propagandaforschung" erstellt. Sie finden sie in höherer Auflösung als PDF-Datei HIER.

Propagandastellen des IS_gem. Propagandavideo

Anzumerken ist dabei, dass die mit dem IS assoziierte Nachrichtenagentur "Amaq News", die offizielle Verlautbarungen etwa zu terroristischen Anschlägen verbreitet, hier nicht aufgeführt ist (vgl. dazu auch den Blog-Eintrag von Aymenn Jawad Al-Tamimi zu dem Video). Dies kann bedeuten, dass Amaq nur als "auxiliary agency" verstanden wird, also quasi als eine nahestehende Hilfsstelle, wie Al-Tamimi es beschreibt. Möglich ist aber auch die taktische Überlegung, durch eine gewisse Distanz "Amaq News" als Informationsquelle neutraler und eigenständiger erscheinen zu lassen.

Weiterhin fällt auf, dass eine wichtige Mediaabeilung - Al-I'tisam Media Foundation - fehlt. Sie wird von Experten, etwa von Charlie Winter (Documenting the Virtual Caliphate, Quilliam Foundation, 2016, s. HIER) als zentrale Stelle angeführt. Mehrere Gründe dafür, dass Al-I'tisam nicht genannt wird, sind denkbar: Einer davon ist ein Bedeutungsverlust oder gar die Auflösung dieser Einheit. Ein anderer ist, dass Al-I'tisam schlichtweg organisatorisch nicht zum Medien-Diwan gehört, sondern auf höherer Verwaltungs- bzw. Regierungsebene anzusiedeln ist; eventuell gar dem "Kalifen" Abu Bakr al-Baghdadi direkt untersteht.  

 Bernd Zywietz  

13.05.2016

Veranstaltungstipp: Tagung "Propaganda im Internet", 24. Juni 2016, Mainz


Am Freitag, den 24. Juni, findent an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz eine Fachtagung zum Thema "Propaganda im Internet – Formen und Herausforderungen radikal-islamistischer Werbung" statt.



Veranstalter das Projekt "Dschihadismus im Internet" am Institut für Ethnographie und Afrikastudien (ifeas) der Uni Mainz in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und dem Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Die Vorträge und Diskussionen befassen sich mit der geschichtlichen Entwicklung, den Wirkweisen und medialen Aufmachungen audiovisueller dschihadistischer Online-Propaganda. Sie widmen sich zudem konkreten Untersuchungs- und Handlungsmöglichkeiten, wie sie für die Forschungs- und pädagogische Praxis von Bedeutung sind.

Zum Zwecke der Information und des Austausches wendet sich die Veranstaltung Propaganda im Internet – Formen und Herausforderungen radikalislamischer Werbung an WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen, die sich u.a. mit Radikalisierung, Islamismus, Propaganda und medialen Gewaltdarstellungen befassen, sowie an PädagogInnen und MitarbeiterInnen verschiedener Projekte und Institutionen der Bildungs-, Aufklärungs-, Interventions- und Jugendarbeit.


Das Programm:

14.15 Uhr: Begrüßung, Vorstellungsrunde

14.30 Uhr: „Islamismus im Internet: Eine Perspektive des Jugendschutzes“, Patrick Frankenberger (jugendschutz.net)

15.00 Uhr: „Extremistische Propagandavideos im Netz: Inszenierung, Wirkung, Gegenangebote“,

Dr. Lena Frischlich (Universität zu Köln)

15.45 Uhr: Pause

16.00 Uhr:„Drei Jahrzehnte Dschihad-Propaganda: Eine Analyse der audiovisuellen Propaganda“, Dr. Asiem El Difraoui (Politologe u. Islamismusexperte)

17.00 Uhr: Diskussion

Weitere Informationen - auch zur Anmeldung bis zum 10. Juni - finden Sie HIER auf der Website Online-Propagandaforschung des Projekts "Dschihadismus im Internet".


29.04.2016

F. von Schirachs Ethik-Drama "Terror" - demnächst als Fernsehfilm


ARD/ RBB/ Julia Terjung - Quelle: Spiegel-Online

Moralische Zwickmühle des Terrorismus: Darf ich ein (vermeintlich) von Selbstmordattentätern gekapertes Passagierflugzeug abschießen - und damit den Tod der Geiseln an Bord in Kauf nehmen, gar bewusst herbeiführen?

Mitte der 2000er Jahre, angesichts der Anschläge des 11. September 2001 wurden Recht und Richtigkeit, Unzulässigkeit und Sich-Verbieten in Deutschland grundsätzlich wie konkret (was die Änderung des Luftsicherheitsgesetzes betraf) diskutiert. 2006 verwarf das Bundesverfassungsgericht die entsprechende neue Vorschrift (der Bund habe hier nicht die Gesetzgebungskompetenz), ohne allerdings prinzipiell dagegen zu sein:

"Der Grundrechtseingriff wiegt allerdings schwer, weil der Vollzug der Einsatzmaßnahme nach § 14 Abs. 3 LuftSiG mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Tod der Flugzeuginsassen führt. Doch sind es diese in der hier angenommenen Fallkonstellation selbst, die als Täter die Notwendigkeit des staatlichen Eingreifens herbeigeführt haben und dieses Eingreifen jederzeit dadurch wieder abwenden können, dass sie von der Verwirklichung ihres verbrecherischen Plans Abstand nehmen. Diejenigen, die das Luftfahrzeug in ihrer Gewalt haben, sind es, die maßgeblich den Geschehensablauf an Bord, aber auch am Boden bestimmen. Zu ihrer Tötung kann es nur kommen, wenn sicher erkennbar ist, dass sie das von ihnen beherrschte Luftfahrzeug zur Tötung von Menschen einsetzen werden, und wenn sie an diesem Vorhaben festhalten, obwohl ihnen die damit für sie selbst verbundene Lebensgefahr bewusst ist. Das mindert das Gewicht des gegen sie gerichteten Grundrechtseingriffs." (Abs. 150)

Und:

"Im Hinblick auf die außergewöhnliche Ausnahmesituation, von der § 14 Abs. 3 LuftSiG ausgeht, bleibt der Wesensgehalt des Grundrechts auf Leben im hier vorausgesetzten Fall durch den mit dieser Vorschrift verbundenen Grundrechtseingriff so lange unangetastet, wie gewichtige Schutzinteressen Dritter den Eingriff legitimieren und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt ist." (Abs. 154)

2013 entschied das Verfassungsgericht: Nur die Bundesregierung dürfe im Einzelfall einen solchen Abschuss beschließen (und nicht etwa nur der Verteidigungsminister), gleichwohl: "Die §§ 13 und 14 LuftSiG sind materiell verfassungsgemäß".

Was aber, wenn die Entscheidung in einem solchen Extrem- und Ausnahmefall nicht von den befugten und verantwortlichen Staatslenkern zu treffen ist - und entsprechend von einem Einzelnen wahlweise geschultert oder sich angeeignet wird?

Das moralische Dilemma eines solchen Gedankenspiels hat der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach (Schuld) zum Theater(lehr)stück Terror geformt, eine fiktionale Gerichtsverhandlung nach einer solchen Entscheidung. Ein Kampfpilot hat eigenmächtig einen solchen präventiven Abschuss vorgenommen, der Flieger sollte in eine Fußballstadion gelenkt werden. Nun ist er  angeklagt, und über das Urteil in der Fiktion kann und soll (gar: muss) das Publikum abstimmen. Wie sich die Zuschauerinnen und Zuschauer je entscheiden, dokumentiert der Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH im Internet (als Buch ist Terror als "ein Theaterstück und eine Rede" bei Piper 2015 erschienen). Bis heute haben 59,4 % der Besucher vor der Bühne auf Freispruch plädiert. 

Terror gemahnt an ähnlich ethisch provokante Gedanken- und fiktionale Fallbeispiele, in denen Terrorismus eben nicht nur als besondere sicherheitspolitische oder ideologische, sondern vor allem auch als ethisch-moralische Herausforderung deutlich wird. Zu nennen ist das klassische "ticking time-bomb"-Szenario und die Frage, wie weit man beim Verhör mit einem gefangenen Terroristen gehen darf, um Menschenleben zu schützen. Bis hin zur Folter? Ein Film, den ich dahingehend HIER schon wie in meinem Buch behandelt habe, ist UNTHINKABLE, ein ähnlich gelagerter Fall die Entführung des jungen Jakob von Metzler und die Folterandrohung des Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner gegen den (damals mutmaßlichen) Kidnapper samt anschließenden Prozess gegen den Beamten 2004.

Unter der Regie von Lars Kraume (Der Staat gegen Fritz Bauer) ist nun Terror als Fernsehfilm für das Erste (ARD) abgedreht worden. Burkhart Klaußner spielt den Richter, Florian David Fitz den angeklagten Piloten. Mit dabei auch Martina Gedeck und Lars Eidinger. Auch das Fernsehpublikum ist wie die Theaterbesucher gefordert: per Telefon und Soziale Medien wird abgestimmt. (Mehr dazu HIER.) Was ein interessantes Fernsehexperiment verspricht - eines freilich, das in Sachen Publikumseinbezug an ähnliche TV-Experimente im letzten Jahrhundert anschließt. Und eines, das in Zeiten von Facebook-Populismus und schein-enagiertem, wohlfeilem "Click-" und "Slacktivism" in Verbindung mit einem solchen Thema schon wieder ein mulmiges Gefühl erzeugen kann. Aber die Vorstellung, dass in absehbarer Zukunft per Hotline- und Twitter-Volksvotum über den Abschuss eines entführten Terroristen-Lufthansaflugs beschlossen wird, ist wohl allzu dystopisch.
Hoffentlich.

16.03.2016

Veranstaltung: "Kunst in Zeiten des Krieges", 15.-17. April, Ev. Akademie Tutzing


Die Evangelische Akademie Tutzingen veranstaltet von 15. bis 17. April 2016 zusammen mit der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. eine Tagung zum Thema "Kunst in Zeiten des Krieges"

Mit ZDF-Reporter Martin Niessen trage ich dabei im hübschen Schloß Tutzing am Ufer des Starnberger See zum Thema "Einsatz von und medialer Umgang mit Kriegsbildern und Propaganda" vor. Anmeldungen sind noch bis 8. April möglich.

Mehr Informationen (inkl. Tagungsprogramm) finden Sie HIER.  


Zum Inhalt hier aus der offiziellen Ankündigung:

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Die Buddhastatuen in Bamiyan, die Bibliothek von Timbuktu, der Markt von Aleppo, die Tempelanlagen von Palmyra – Extremisten attackierten in den letzten Jahren Menschen und jahrtausendealte Kulturschätze gleichermaßen.
 
Gezielte Zerstörungen wie sie vom IS als Machtdemonstrationen inszeniert werden, schrecken die Weltgemeinscha auf und lenken den Blick darauf, dass Krieg auch immer die Vernichtung von Kulturgütern bedeutet. Plünderung und Raub sind an der Tagesordnung, Länder wie Syrien verlieren ihre Schätze, ihre Kunst, ihre Geschichte und damit Teile ihrer Identität. Nicht zuletzt deshalb bezeichnet die UNESCO die Zerstörungen von Palmyra und weiteren Welterbestätten als Kriegsverbrechen und setzt sich für ihre Ahndung ein.
 
Doch auch das kulturelle Leben und seine Infrastruktur kommen im Kriegsfall zum Erliegen. Einst lebendige Spielstätten stehen leer, werden umfunktioniert oder zerstört. Künstler und Kulturschaffende werden verfolgt, getötet, verstummen oder verlassen das Land. Inmitten von Angst und Gewalt erscheinen Malerei, Theater, Musik und Poesie absurd. Und doch sind es oft genug die Künstler, die sich zu Wort melden und Gehör finden – vor Ort und im Exil. Sie machen aufmerksam auf die Geschehnisse im Land, sie dokumentieren und verarbeiten, sie schaff en Momente der Hoffnung für sich und andere.
 
Diese Hoffnung mit Blick auf Gegenwart und Zukun zu nähren und Verantwortung zu übernehmen für Kulturerbe, kulturelle Vielfalt und Kulturscha ende, liegt auch in der Verantwortung der Weltgemeinschaft. Der Maßnahmenkatalog von international tätigen Organisationen und lokalen Initiativen reicht dabei von präventiven Dokumentationsprojekten und dem Wiederaufbau von Infrastruktur und zerstörten Stätten bis hin zur Förderung kultureller Vielfalt und Unterstützung von Künstlern.
 
In der Tagung „Kunst in Zeiten des Krieges“ beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen aktueller Kriege auf Kunst und Kultur. Was bedeutet der Verlust wichtiger kultureller Stätten für die betroffenen Länder, was für die Weltgemeinschaft? Welche Auswirkungen haben die provozierenden Bilder des IS, wie gehen Medien und Öffentlichkeit damit um? Welche Maßnahmen kann die internationale Staatengemeinscha ergreifen, um zu bewahren und zu schützen? Wie schlägt sich die Kriegserfahrung der Menschen in den Künsten nieder? Und was kann mit Blick auf eine friedlichere Zukunft schon heute für Künstler und das kulturelle Leben von Ländern, die sich im Krieg befinden, getan werden?
 
Zu Diskussion, Gespräch und Begegnung laden wir herzlich in die Evangelische Akademie Tutzing ein.
 
 

07.03.2016

Problematische (Schau-)Werte-Verteidigung


Anfang Februar brachte das Erste in der Sendung titel thesen temperamente einen Beitrag über das IS-Online-Magazin DABIQ. In diversen Sprachen, darunter auch in Englisch, berichtet die PDF-Postille mit Hochglanzanmutung aus dem Inneren des „Kalifats“ und der ihm zugrundeliegenden Gedankenwelt. Mit Kriegs- und Märtyrerbildern wird vom Jihad erzählt, die neuesten Treueschwüre der sich dem IS anschließenden Gruppierungen werden vermeldet, dazu gibt es politische „Hintergrundartikel“ zur Weltlage, religiöse Rechtfertigungen mit zweckdienlichen Koran-Verweisen und Botschaften geistiger Führungspersonen. Doch auch die Propaganda-Videos von al-Hayat Media Center und Co. werden hier beworben, als seien es neueste Kino-Blockbuster.

DABIQ, so Evelyn Fischer in ihrer Anmoderation des ttt-Beitrags (noch hier bis zum 7. Februar2017 in der ARD-Mediathek verfügbar), sei eine „verstörende Lektüre“ und „von Sicherheitsbehörden als äußerst gefährlich eingestuft“.

Entsprechend interessant ist das Reportagestück nicht nur, weil Experte Asiem El Difraoui („Jihad.de“) anaylsierend zu Wort kommt oder Abdalaziz Alhamza und der aufklärerische Widerstand der Gruppe „Raqqa is Being Slaughtered Silently“ vorgestellt wird, der mit dem der „Weißen Rose“ in Nazi-Deutschland verglichen wird. 

Screenshot des ttt-Beitrags, Quelle: DasErste Mediathek

Bemerkenswerter noch ist, wie der TV-Beitrag die IS-Online-Propaganda und mithin das DABIQ-Magazin selbst inszeniert. Als wäre die Statik der Publikation eine eigene Provokation für das Medium Fernsehen werden Details mit Kameraschwenks abgetastet, werden Inhalte ins Bild gescrollt, ergänzend IS-Propagandavideoaufnahmen beigemengt. Besonders markant: Wie ein gefährliches lauerndes Raubtier, das einen in seinem Bann schlägt, dem man aber tunlichst nicht zu nahe kommen sollte, ist der bedrohlich-düster ausgeleuchtete Computerbildschirm, auf dem ein DABIQ-Titel zu sehen ist, präsentiert. Die Kamera umfährt ihn im Halbkreis (wie in „sicherer Distanz“ und zugleich um ihn aus mehreren Blickwinkeln zu bestaunen), springt auch mal kurz heran – oder springt uns der Monitor entgegen, mithin die IS-Propaganda, wie ein Tiger oder eine Kobra attackierend vorschnellt gegen die Gitterstäbe des Käfigs oder die Glaswand des Terrariums? Zu dieser Aufladung, dieser Dynamisierung und Ästhetisierung auf der Bildebene kommt die passende unheilverheißende musikalische Untermalung hinzu. Sie wird dann kontrastiert von den klagenden Klängen, die den „authentischen“ Aufnahmen aus Rakka (in denen die Menschen an der realen Versorgungslage zu leiden haben) unterlegt sind. Horrorthriller hier, Tragödie da.

Dass die Propaganda des IS hier selbst als solche ausgestellt und thematisiert wird, ist begrüßenswert. Dass die inhaltliche, kritisch-enthüllende Distanz (die besonders die Ausschnitte aus dem einordnenden Gespräch mit Difraoui bietet) ästhetisch bzw. gestalterisch selbst wieder insofern aufgegeben oder unterlaufen wird, als der Zuschauende sinnlich-affektiv diesen „bösen“ Botschaften und Bildern ganz nahe gebracht wird, ist ein Problem. Eines freilich, das nicht nur das von titel thesen temperamente oder sogar bloß des Fernsehens als berichterstattendem Medium ist. Der Propaganda des IS und mithin dem IS ist man in ihrer Faszinations- und Attraktionskraft erlegen – wenn und leider gerade auch in Haltung und Duktus der Dämonisierung. Dass dies hier unter Einsatz jener suggestiven Mittel geschieht, vor der man zwar gerne mahnt, die man gerne herausstellt, derer man sich selbst allerdings nur zu gerne bedient ohne sie zu reflektieren, verleiht dem Ganzen jedoch etwas fatal Ehrfürchtiges wie auch hilflos Blindes (oder Stummes).

Und wie soll man die IS-Propaganda entzaubern oder ihre Grenze aufzeigen, wenn man in einer Art Zerrspiegel sie und vor allem ihre Ausdrucks- und Gestaltungsweisen zurückwirft und damit – um im Bild zu bleiben – nur ins Unendliche vervielfältigt? Denn es ist ja nicht so, dass der IS bzw. die Bilder, die er von sich selbst mach, nicht selbst Wiederspiegelungen oder mediale Rückgaben wären. Die Formen und Mittel, die die Dschihadisten für die Attraktion und Faszination ihrer Botschaften und Sichtweisen nutzen, sind eben jene, die sie sich quasi von spektakulären TV-News und Werbeclips, von einer allgemeinen, dem aufmerksamkeitsheischenden Augensinn- und Nervenkitzel abgeschaut haben.

So ist die IS-Propaganda – wie auf einer etwas anderen Ebene der IS als diskursives Konstrukt insgesamt – deshalb eine besondere Herausforderung für seine Bewähltung und mediale Einhegung, weil in doppelter Hinsicht Projektionsfläche, und seine „Verführungskraft“ selbst in Ablehnung und Abscheu so schwierig zu brechen oder nur zu parieren weil in Material und Werkzeug viel zu gleichartig unserem eigenen Ausdrucksreservoir und -repertoire. Unsere eigenen populären Schau-Werte lassen sich gegen eine auf feindliche Indienstnahme schlecht verteidigen.

zyw

04.12.2015

Zu "Abu Talha al-Almanis" / Denis Cusperts neuem Video und Furat Media



Nahe Rakka soll Denis Cuspert alias Abu Talha al-Almani am 16. Oktober 2015 getötet worden sein. So bestätigte es auch Pentagon-Sprecherin Elissa Smith: Zusammen mit dem Hauptziel, dem libyschen IS-Kommandeur Abu Osman al-Libi, sei er durch einen US-Raketenangriff auf einen Pick-Up-Truck ums Leben gekommen. Schnell allerdings folgten Gerüchte, der Ex-Gangsta-Rapper und Propaganda-Aushängeschild des IS fürs deutsche Publikum, habe einmal mehr (schwer verletzt) überlebt – einnmal mehr also: schon zuvor war Cuspert für tot erklärt worden. 

Nun, Anfang Dezember, ist ein Video aufgetaucht, das den Verdacht bestätigen könnte, zwischen unsicherer militärischer-geheimdienstlicher ‚Intelligence‘ und Mythenbildung sei Abu Talha dem Tod ein weiteres Mal von der Schippe gesprungen.

Entsprechend sieht die FAZ Zweifel geweckt und verweist dabei auf DIE WELT, die freilich ebenso wenig für den Entstehungszeitpunkt des 13-minütigen Films bürgen kann und mag. In ihrem Online-Beitrag heißt es:

Unklar ist, wann das Video entstand. Zuletzt hatte der IS im April ein Video Cusperts veröffentlicht. Einerseits trägt der neue Clip nach ‚Welt‘-Informationen das Datum ‚Safar 1437 Hijri‘ - das ist der islamische Monat, der vom 13. November bis zum 12. Dezember 2015 reicht. Anderseits werden beispielsweise nicht die Anschläge von Paris thematisiert. Auch spricht Cuspert über einen "Abu Yasir al-Almani", der sich im irakischen Kirkuk in die Luft gesprengt haben soll. Es gab allerdings schon im August 2014 einen Anschlag von einem ebensolchen ‚Abu Yasir al-Almani‘.“

Ob allerdings das Video Cusperts Ableben widerlegt oder nur widerlegen soll ist gar nicht so sonderlich interessant. Der Umstand, dass Paris nicht thematisiert wird, ist eher zu vernachlässigen. Und die Datumsangabe „Safar 1437 Hijri“ ist weniger Geheimwissen oder journalistische Recherchekunst („nach ‚Welt‘-Informationen“), sondern basiert schlicht auf einer Einblendung in den letzten Sekunden des Films mit dem (deutschen!) Titel „Die Ritter der Shahada 2 – Abu Yasir al-Almani“

Es bleibt aber offen, ob der Zeitstempel sich nun auf Cusperts Lobpreisung des untertitelgebenden Selbtmordattentäters bezieht, auf dessen ‚Märytrer‘-Operation oder schlicht die Fertigstellung der Kompilation der drei Teile (Cusperts Rede, der auf einer Parkbank in Flecktarnjacke und mit Pakol auf dem Kopf und mit einem Schimmel im Hintergrund den vermeintlich Solinger Kriegsgefährten ehrt / die letzten Worte und Verabschiedung des Suizid-Kommandos / die dunklen Aufnahmen der Explosion in der Ferne).

Der Vorgänger-Film, „Die Ritter der Shahada 1 – Abu Abdullah al-Almani“ (schon bei der Veröffentlichung Mitte Juni mit Durchnummerierungs-„1“, was den Vorabplan einer Videoreihe über deutsche Selbstmordattentäter nahelegt), kam jedenfalls noch ohne Cuspert aus. 

Cuspert im Anfang Dezember 2015 veröffentlichten  Furat-Media-Video "Die Ritter der Shahada 2 - Abu Yasir al-Almani"

Doch der WELT-Artikel ist nicht korrekt – und damit wird es interessanter – mit seiner Aussage, Cuspert sei zuletzt im April in einem Video des IS aufgetreten. 

Gemeint mit diesem April-Auftritt ist offenkundig der Clip „Fisabilillah“, den ich in meinem Beitragin DIE KRIMINALPOLIZEI kurz beschrieben habe. Danach jedoch war Cuspert noch zumindest in einem 32-minütigen Video des „Wilayat Kavkaz“ (Region oder Provinz „Kaukasus“) des IS zu sehen: In dem russischen Video kommt er neben daghestanischen Jihadisten auf Deutsch (entsprechend russisch untertitelt) zu Wort, beschwört die Solidarität mit der Kaukausus-Fraktion und ruft dazu auf, sich dem IS und seiner Gemeinschaft anzuschließen.

Bemerkenswert ist nun, dass nicht wie sonst die sich ans „Ausland“ richtende IS-Propaganda-Abteilung al-Hayat Media Center (in deren Videos Cuspert auch bislang hauptsächlich auftrat), sondern die russischsprachige Furat („Euphrat“) Media dieses Video produzierte. Und unter dem Furat-Media-Label sind auch die beiden deutschsprachigen „Ritter der Shahada“-Videos entstanden bzw. veröffentlicht. In Charlie Winters Untersuchung der IS-Propaganda (The Virtual ‘Caliphate’: Understanding Islamic State’s Propaganda Strategy, Quilliam) bzw. der darin enthaltenen Übersicht der Medienabteilungen (S. 14) ist Furat Media selbst noch gar nicht aufgeführt. Kein Wunder, denn im selben Monat, Juni 2015, da Winters Studie erschienen ist, trat Furat Media erst auf die Bildfläche. Das von Abu Jihad alias Islam Seit-Umarowitsch Atabijew (Stellvertreter des Georgiers Omar al-Schischani, dem hochrangigen IS-Militärführer) gegründete „PR“-Department hat wie die Nordkaukasus-Brigade im IS-Verbund – in den vergangenen Monaten enorm an Bedeutung im Propagandaensemble des IS gewonnen (siehe dazu die Beiträge der britischen Bloggerin und Journalistin Joanna Paraszczuk HIER und HIER).

Cuspert (2. v. l.) im Furat-Media-Rekrutierungsvideo "Rejoice In The Deal You Have Secured", veröffentl. im August 2015

Dass nun Furat Media und nicht das bislang so dominante al-Hayat Media Center Cuspert in Szene setzt und dazu komplett deutsche Videos produziert ist eine Merkwürdigkeit, die zu Überlegungen und auch Spekulationen einlädt. Diese können von einer Reaktion der Propaganda(systemstruktur) des IS auf die russische Intervention in Syrien über einen sich abzeichnenden Relevanzverlust des al-Hayat Media Centers bzw. eines Konkurrenzkampfes bis zu einer besonderen Allianz zwischen den deutschen und nordkaukasischen Fraktionen zumindest in der Medienarbeit des IS reichen. Auch was Abu Talha al-Almanis / Cusperts Rolle im al-Hayat Media Center anbelangt, stellen sich so zurzeit einige Fragen: Wurde er von al-Hayat an Furat quasi ausgeliehen; war er doch wenigstens so hochrangig, dass er die deutsche Propaganda zum teil- und zeitweise zu Furat Media verlagert hat?

Vorausgesetzt natürlich, dass Cuspert noch lebt. Wobei die Veröffentlichung von „Ritter der Shahada 2“ bzw. Abu Talhas Einsatz darin so oder so strategisch komplexer in seiner Bedeutung ausfällt als es lediglich der Blick auf die wundersame oder medial vorgetäuschte Wiederauferstehung (als Beruhigung der Fans oder Verhöhnung des ihn vielleicht einmal mehr zu eilfertig abschreibenden Westens) nahelegt.

zyw 

17.11.2015

Call for Papers: NTF-Workshop mit Schwerpunkt "Cyber-Terrorismus und digitaler Bilderkrieg" (Februar 2016)


Am 25. u. 26. Feb. 2016 findet in Karlsruhe der 15. Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung e.V. statt. Hier der entsprechende Call for Papers; Vorschläge können bis zum 21. Dezember eingereicht werden.

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15. Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung e.V.
ausgerichtet vom NTF e.V. in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Kunstwissenschaft und Medientheorie der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG)
Lorenzstraße 15, 76135 Karlsruhe

Schwerpunktthema: 

 Cyber-Terrorismus und digitaler Bilderkrieg


Datum: Do. 25. / Fr. 26. Februar 2016
Deadline: 21.12.2015

Terrorismus und politische Gewalt sind an mediale Kommunikationsprozesse gekoppelt und beeinflussen im Gegenzug die Medientechnologie. Die symbiotische Beziehung zwischen Medien und Terrorismus beruht auf der Tatsache, dass über Gewalt und Gefahr berichtet werden muss, um zugleich Gegenmaßnahmen zur Friedenssicherung einzuleiten. So verstanden gibt es ein Bedingungsverhältnis zwischen Gewalt, deren Effekt und verschiedenen Reaktionen, das zu einem sogenannten double-bind führt: eine fortwährende Ausdifferenzierung von Gewalt und Gegengewalt.

Zur gegenwärtigen Medientechnologie des Terrorismus gehören diverse Waffen und Medien, darunter das globalste aller Kommunikationssysteme überhaupt: Das Super- oder Meta-Medium Internet. Das World Wide Web ist ein Medium der Extreme, das sich sowohl durch kritische Schwarmintelligenz wie auch von terroristischen Organisationen nutzen lässt. Hier überlagern sich Problemfelder und Narrative im Kampf um Deutungshoheit und Meinungsbildung. Das Internet ist zu einem globalen Schauplatz von Information, Gegendarstellung oder sogar Zensur geworden. Zu den Segnungen der perfektionierten Kommunikation gesellen sich ihre Gefahren wie Hacking, Cyberwar und digitaler Bilderkrieg.

Zu den kommunikativen Online-Aktivitäten von Terroristen zählen nicht nur Vernetzung und Propaganda, sondern auch die Ankündigung von Gewaltakten oder Bekennerschreiben. Digitalisierte Anleitungen zum Bombenbau sind dabei fast wie Reminiszenzen an die analoge Welt zu lesen. Viel aktueller, unsichtbarer, aber genauso gefährlich sind digitale Schlachten wie DDoS-Attacken: das Hacken und symbolische Besetzen von Websites. Im Cyberwar verursachen digitale Angriffe zerstörerische Effekte. Der „IT-Dschihad“ etwa ist bereits ein fester Begriff der Terrorismusforschung. Wo liegen die Grenzen von Kontrolle und Überwachung als effizienten Instrumenten zur Prävention von Angriffen und scheinbaren Garanten der sozialen Ordnung?
Eben dieses Spannungsfeld ist Schwerpunktthema des 15. Workshops des Netzwerks Terrorismusforschung e.V. in Kooperation mit dem Fachbereich Kunstwissenschaft und Medientheorie der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Der 15. Workshop steht in thematischem Bezug zur aktuellen Ausstellung „Global Control and Censorship“ (3. Oktober 2015 bis 1. Mai 2016) im Zentrum für Kunst und Medientechnologie ZKM Karlsruhe und wird allen Teilnehmenden den Besuch der Ausstellung ermöglichen.

Leitfragen:
Vorträge können sich u.a. folgenden Themen und Aspekten widmen:
- Diskursive Konstruktion von Terrorismus und politischer Gewalt als Phänomen im Social Web – etwa in politischen bzw. legitimatorischen Debatten um staatliche Überwachung und Zensur
- Medienethische und -rechtliche Herausforderungen im Umgang mit extremen und extremistischen Inhalten im Web
- Alternative Formen und Möglichkeiten von Abwehrmaßnahmen und Kritik gegen Terrorismus, Hetze und Propaganda wie gegen Überwachung und Regulation – nicht zuletzt mit Mitteln der Kunst
- Digitale Identität und Individualität, Privatheit und Öffentlichkeit zwischen terroristischer Adressierung und Ausspähung
- Theorien und Methoden zur Untersuchung des Verhaltens und der Inhalte im Netz, ihre Möglichkeiten und Grenzen – u.a. mit Blick auf die Freiheit der Wissenschaft und ihre Indienstnahme für behördliche oder politische Zwecke. 

Wie stets können im Rahmen des Workshops auch vom Schwerpunkt abweichende Forschungsergebnisse vorgestellt werden. Erwünscht sind ausdrücklich Präsentationen von Nachwuchswissenschaftlern jedweder Fachdisziplin, die sich mit ihren Themen und Projekten der Diskussion stellen wollen.

Die Dauer der Vorträge sollte nicht länger als 20 bis 30 Minuten sein. Im Anschluss findet jeweils eine kurze Diskussion statt.

Vorschläge mit einer kurzen Beschreibung des Inhalts bzw. der Thesen sowie Angaben zur Person (zusammen nicht mehr als 3.000 Zeichen) richten Sie bitte unter Angabe des Betreffs „Paper 15. Workshop“ bis zum 21.12.2015 an: info(at)netzwerk-terrorismusforschung.org

Um Teilnahme-Anmeldung – auch ohne eigene Präsentation – wird ebenfalls bis zum 21.12.2015 gebeten.

Das Programm wird voraussichtlich Mitte Januar 2016 bekanntgegeben.

Organisation und Kontakt:
Sebastian Baden: sebastian.baden(at)netzwerk-terrorismusforschung.org
Bernd Zywietz: bernd.zywietz(at)netzwerk-terrorismusforschung.org

Teilnehmerbeitrag
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. Die Übernahme von Reise- und Unterkunftskosten der Teilnehmenden ist seitens des NTF e.V. leider nicht möglich. Alle teilnehmenden Gäste, Referentinnen und Referenten sind angehalten, sich individuell zu organisieren. Für Verpflegung in den Pausen wird gesorgt; dazu werden rechtzeitig Informationen bereitgestellt.

Zum Netzwerk Terrorismusforschung:
Das Netzwerk-Terrorismusforschung e.V. (NTF) ist ein Zusammenschluss von mittlerweile über 400 jungen WissenschaftlerInnen und Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen, die sich mit Fragen und Problemen des Themenbereichs Terrorismus, Terrorismusbekämpfung und Sicherheitspolitik befassen. Es soll Kontakte schaffen und als Forum dienen für Ideen- und Informationsaustausch, zur Vorstellung von Projekten sowie deren gemeinsamer Initiierung, Planung und Realisierung. Das zentrale Werkzeug ist neben der Website und dem Mailverteiler der halbjährlich stattfindende Workshop. Auf diesem können laufende wie abgeschlossene Arbeiten sowie Projekte präsentiert und diskutiert werden. Das Netzwerk Terrorismusforschung steht darüber hinaus Interessierten aus Medien, Verwaltung und Politik offen und bei Anfragen – z.B. für den Kontakt mit Experten bei spezifischen Fragen – zur Verfügung. http://www.netzwerk-terrorismusforschung.org

Mitgliedschaft
Gerne dürfen Sie unseren Verein NTF e.V. durch Mitgliedschaft oder Spende in seiner Arbeit unterstützen: http://www.netzwerk-terrorismusforschung.org/index.php/mitgliedschaft