03.05.2010

FLUGTEN (2009)

Flüchtiger Terrorist



Der Film kommt schnell zur Sache: Gerade noch geht die dänische Journalistin Rikke (Iben Hjejle) durch die afghanischen Straßen, das blonde Haar nur notdürftig unter einem Tuch versteckt, steigt ins Auto eines Dolmetschers. Plötzlich kommen schon die Taliban mit ihren Kalaschnikows. Die eben noch selbstbewusst lächelnde, in sich ruhende Rikke wird entführt, ein Tschador ihr übergeworfen.

In einem kleinen Bergdorf, halb Bauernstädtchen, halb Festung hält man sie gefangen. Das Video ist schnell gedreht, sie ist gezwungen, die Forderung zu verlesen: Dänemark soll sich aus Afghanistan zurückziehen. Zu Rikkes Bewachung wird der junge Nazir (Faegh Zamani) abgestellt, der von der hellhaarigen Fremden sogleich fasziniert ist. Nazirs Vater wurde, wie er ihr in einem schwachen Moment erzählt, von US-Soldaten erschossen; jetzt hat ihn sein Onkel zum Talib-Kämpfer erkoren, der Rache wegen.



Aber Nazir ist nicht ganz mit dem Herzen dabei. Als der Terroristenführer überlegt, Rikke zu töten, wendet der Junge ein, das würde nichts bringen: Nur ein toter Journalist mehr. Nicht mal BBC würde berichten. Das überzeugt den bärtigen Extremisten. Doch für Rikke und Nazir wird es trotzdem unangenehm. Um seine Männlichkeit zu beweisen, wird der Junge auserkoren, Rikke vor der Kamera einen Finger abzuschneiden. Er tut es, stützt nach draußen und übergibt sich.

Schließlich verhilft Nazir Rikke zur Flucht. Sie kehrt zurück nach Dänemark, wird ein Medienstar, schreibt ein Buch, tritt im Fernsehen. Auch die Liebe mit dem verheirateten Anwalt Thomas (Lars Mikkelsen) kommt wieder in die Gänge. Derweil gehen bei einem Bombenanschlag Nazir der kleine enge Zusammenhalt der Terroristengruppe verloren. Seinem toten Anführer nimmt er noch das Geld ab – und schlägt sich nach Dänemark durch. Rikke, die ihm ihr Leben verdankt, soll nun ihm helfen. Doch die wird als Heldin gefeiert, die sich – so war es Nazirs Bitte, um nicht als Verräter dazustehen – „selbst befreit“ hat.



Mit FLUGTEN nach Olav Hergels Roman „Flygtningen“ hat Kathrine Windfeld einen etwas Film gedreht, der vielleicht auch gar nicht anders konnte, als ein wenig unausgegoren zu sein und der nichtsdestotrotz eine spannende Story in seiner Kombination aus Flüchtlings- und Terrorismusdrama ist. Der Weg Nazirs nach Dänemark gerät leicht konstruiert, auch ist FLUGTEN gerade da schwach, wo er besonders stark sein müsste: wenn sich Rikke und Nazir in Dänemark wieder gegenüberstehen, er der nun als aus der Asylantenunterkunft entwichene Flüchtling, sie die engagierte Journalistin. Sofort ist sie bereit, ihm zu helfen, auch wenn sie weiß, dass es sie wegen ihrer kleinen – und trotzdem wohlgemeinten – Lügengeschichte ruinieren wird.

Doch beiden (oder zumindest dem Zuschauer) gönnt der Film keinen intensiven Moment vergleichbar dem des Anfangs, einer, in dem den zwei Welten und dieser hochdramatischen Konstellation der Umkehrung von Macht, Heimat und Abhängigkeit halbwegs ausgespielt würde. Nicht mal auf den abgeschnittenen Finger kommen sie zu sprechen. Auch weswegen Nazir sich genau nach Dänemark aufmacht – um aus Afghanistan rauszukommen, ein besseres Leben zu finden oder einfach Rikkes wegen –, bleibt unklar.



Vielleicht ist es aber von Vorteil, vielleicht tut der Film gut daran, keine Romantik aufkommen zu lassen, keine tiefe Seelenforschung zu betreiben und dem Gutmenschentum ein bisschen entgegenzuwirken – auch wenn er zum Schluss dann doch eine etwas zu bedeutsame Szene parat hält. Bei allen Schwächen, zu denen leider auch gehört, mit den großen drägenden Themen wie Afghanistan und Terrorismus, Einwanderung und Medienzirkus zwar leichthändig zu spielen, zugleich darin etwas achselzuckend „nur“ auf der Ebene des Personendramas und ihrem verschiedenen Formen des titelgebenden Entkommens zu bleiben: FLUGTEN weist drei große Vorzüge auf, die den Film sehenswert machen.

Da ist zum einen die „nordisch“ unaufgeregte Inszenierung, die mit der mittlerweile im Kino (und gerade dem des Terrorismusfilms) eingeübten, hier jedoch souverän und Bedacht eingesetzten Handkamera lakonisch, dezent und zugleich mitfühlend-interessiert gelingt. Weder Rikkes Verstümmelung, noch Nazirs Erbrechen werden ausgestellt. Im fahl orangefarbenen Licht Afghanistans oder dem kühlen winterlichen Blau Dänemarks widmet sich Windfeld ganz den Figuren und ihrer Geschichte, verbiegt sie nicht ästhetisch, fügt nichts über Gebühr hinzu.



Windfeld kann das auch, weil sie mit vor allem mit Iben Hjejle (MIFUNE; FLICKERING LIGHTS) eine nicht nur überaus talentierte, sondern auch einnehmende Schauspielerin hat. Dass deren Rikke dramaturgisch gesehen bisweilen wenig von sich preisgibt, ist dabei von Vorteil. Die stärksten Augenblicke von FLUGTEN ist auch nicht die Hauptstory um Nazir, es ist die unmögliche Beziehung zu Thomas, ihrem Ex-Freund und jetzigen wohlverheirateten Anwalt (von Lars Mikkelsen ebenfalls mit großer Präsenz verkörpert) und die der Film mit wenigen Federstrichen intensiv und komplex zeichnet.

Nicht zuletzt ist FLUGTEN ein origineller Beitrag zum internationalen „war-on-terror“-Kinos, in dem sich von Indien und Pakistan bis nach England und Deutschland jedes Land sich dem Aspekt des nun in doppelter Hinsicht transnationalen Terrorismus von al-Qaida und Co. widmet, der ihn zu Hause am meisten auf der Seele liegt. In Dänemark ist es u.a. die Debatte um den Umgang mit Migranten und Asylanten.

Natürlich denkt an die Mohamed-Karikaturen in der Jyllands-Posten, aber FLUGTEN wendet sich nicht – wie FREMDER FREUND in Deutschland oder SHOOT ON SIGHT in England – dem homegrown terrorism zu, den radikalisierten Muslimen, dem Verhältnis von echter und vermeintlicher Bedrohung und dem Problem der Toleranz und des Rassismus in diesem Kontext. Nein, FLUGTEN denkt zwei ansonsten weniger behandelte Problemfelder zusammen und regt zum Nachdenken an, wenn er den einstigen Terroristen nun zum arglosen Flüchtling macht.



Was also, wenn die Täter von dort zu Hilfesuchenden hier werden? Wie gesagt, der Film nimmt sich dem Thema nicht mit der Konsequenz an, die man im wünschen würde. Nur kurz, von einer Politikerin, mit der Rikke in einer Talkshow aneinander geraten ist, erfährt übers Fernsehen, dass Nazirs Terrorgruppe auch für einen Bombenanschlag auf einen US-Konvoi verantwortlich war. Nur eben dass der Film klar macht, dass und wie es eben nicht „Nazirs Gruppe“ ist. Natürlich muss der Film, für den Zuschauer, für das „Funktionieren“ seiner Geschichte, den jungen, buchstäblich blauäugigen Talib zu einem halbherzigen Mitläufer machen. Die Begründung dafür, der Tod des Vaters, gehört auch zum entschuldigenden Standard des Erzählens vom „tragischen Terroristen“.



Andererseits bietet FLUGTEN damit ein seltenes Gegen-Bild von den „fanatischen“ Taliban-Gruppen, die hier mal aus Jung und Alt, mal mehr, mal weniger Überzeugten zusammensetzen. Dass Mord und Verstümmelung nicht einfach und automatisch dem Glaubenskampf geschuldet und schlicht nicht jedermanns Sache auch auf der Seite der „Gotteskrieger“ ist, die eingebunden sind in ein komplexes Geflecht aus Tradition und Pflicht, Solidarität und Männlichkeitsdenken – dass wie knapp auch immer aufzugreifen ohne zu entschuldigen oder zu bejammern, ist gut.

Ebenso wirkt es überraschend „anderes“, wenn der Terrortrupp in die Stadt fährt und da selbst von einem Bombenanschlag als Kollateralschaden zum Opfer fällt: Es verdeutlicht das Problem vor allem im konkreten Anti-Terror-Krieg und im Namen einer Sicherheit, die auch am Hindukusch verteidigt wird, nicht einzelne Menschen und Ideologien bekämpfen zu müssen, sondern einer Unübersichtlichkeit und sich selbst generierenden Gewalt, die Ordnungsstrukturen auslöscht – und auch die des Denkens in Freund-Feind-Schubladen attackiert. Oder das von Heimat und Fremde.

In seinem Versteck, in dem ihn Rikkes Freunde nach seiner Flucht aus dem Heim untergebracht haben, betrachtet Nazir die im Hof zusammengepferchten Schafe. Zuhause, in der sonnigen Steinwüste am Rand der Berge hat er sie noch freilaufendend beim Ziegenhüten beobachtet. Wie für Rikkes und Thomas unterdrückte Liebe gilt eben: Manchmal ist das echte Freiheit nur im falschen Leben, wo (und wenn) der Tod ganz nah ist.


Bernd Zywietz


FLUGTEN (DK 2009)
R: Kathrine Windfeld
B: Mette Heeno, Rasmus Heisterberg
Nach dem Roman von Olav Hergel
Mit: Iben Hjejle, Lars Mikkelsen, Faegh Zamani, Sonja Richter, Henrik Prip
K: Jonas Alarik
SCH: Sofia Lindgren
M: Jean-Paul Wall
114 Minuten

Auf DVD erschienen.

20.04.2010

Terrorismus und Neuen Medien: Veranstaltung in Dublin


Das Center for International Studies der Dublin City University lädt unter dem Titel „Terrorism and New Media: Building a Research Network“ zu einer Doppelveranstaltung aus Konferenz und Workshop.

Am 8. und 9. September 2010 geht es darum, Akademiker verschiedener Disziplinen mit Politikern und Sicherheitsexperten zusammenzubringen. Im Zentrum stehen dabei die sog. „Neuen Medien“ und insbesondere das Internet.

Die Konferenz am 8. Sept. beschäftigt sich auf verschiedenen Panels mit dem Thema. Der Workshop am 9. Sept. widmen sich Debatten und Analysen zum Verhältnis von Internet und Terrorismus, wobei vor allem Prozesse der Radikalisierung durch das Netz behandelt werden.

Bis zum 17 Mai können Papers für die Konferenz eingereicht werden. Mögliche Themenvorschläge sind u.a. Cyberterrorismus, Fallstudien zu einzelnen Gruppen wie der Hamas oder der IRA, Netzwerkanalyse, Rekrutierung durch das Internet oder ein mögliches Gegensteuern von Regierungen.

Die Website zur Konferenz finden Sie HIER

07.04.2010

Die Aldo-Moro-Entführung im Film (1)

IL CASO MORO (1986)

Einführung

Terrorismusfilme sind nicht auf ein Genre begrenzt. Sie können ebenso intime Dramen sein wie laute Actionreißer oder engagierte Politthriller. Wie groß die Bandbreite sein kann, davon geben vier Filme eine Ahnung, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven und zu verschiedenen „Zwecken“ – der Unterhaltung, der Kunst – einem Fall widmen, der zudem ein ganz realer war und ist: der Entführung und Ermordung des ehemaligen Premierministers und Vorsitzenden der italienischen Christdemokraten Aldo Moro im Jahr 1978 durch die linksrevolutionären Roten Brigaden.



Noch bis heute ist – wie überhaupt hinsichtlich des Terrorismus der Roten Brigaden – vieles noch unaufgeklärt oder undurchsichtig: die Verstrickung der nationalen und internationalen Geheimdienste und der Polizei, Politklüngeleien und Geheimverbünde auf höchster Ebene, verschwundene Beweise, Morde. Die Ausgangslage, die Moro für manchen zur Zielscheibe machte, ist jedoch recht eindeutig. Moro als Führer der Democrazia Christiana, der ehemaligen katholischen Volkspartei, war Nato-Kritiker und verfocht den „Historischen Kompromiss“, ein Bündnis mit der Kommunistischen Partei Italiens – was vielen in dieser Zeit des Kalten Krieges ein Dorn im Auge war und den linken wie rechten Ränder im Land weiter radikalisierten. Italien war ein Frontstaat, in dem sich nach dem zweiten Weltkrieg Alt- und Neufaschisten und etablierte Kommunisten, West und Ost ohne deutsch-deutsche Grenze und Berliner Mauer gegenüberstanden und die Furcht verbreiteten, das Land mal in die eine, mal in die andere Richtung kippen zu lassen.

Am 16. März wurde Moro auf dem Weg zu einer Sitzung in der Via Fani aus seinem Auto heraus entführt. Fünf Männer seines Begleitschutzes wurden dabei erschossen. Wie im Jahr zuvor in Deutschland im Falle Hanns-Martin Schleyers fanden schwarzweiße Bilder von Moro in seinem Volksgefängnis den Weg in die Öffentlichkeit, z.B. auf der Titelseite des Il Messagero, 17. März 1978: La foto di Moro nel carcere della brigate rosse. Ein Mann im Hemd, den Kragen offen, der Gesichtsausdruck erschöpft-fatalistischem oder aber fast lässig wirkend mit beinahe ironisch hochgezogenem Mundwinkel und dem etwas schräg gelegten Kopf. Hinter ihm eine Behelfsflagge, eckige Buchstaben darauf – BRIGATE ROSSE –, der fünfzackige eingekreiste Stern zwischen den Worten.

Die Brigadisten fordern die Freilassung von inhaftierten Genossen – fast die ganze Führungsriege, die erste Generation saß damals im Gefängnis. Moro schreibt Briefe in seiner Gefangenschaft, geht auch hart mit seinen Parteikollegen, darunter der schattenhafte Grandseigneur der italienischen Regierungspolitik Giulio Andreotti, ins Gericht. Doch während sich der Papst einschaltet, an die Menschlichkeit der Entführer appelliert und sich als Geisel anbietet, bleibt Andreotti hart. Es gibt kein Verhandeln, nur Großeinsätze der Sicherheitskräfte. Nach 55 Tagen wird Moro schließlich erschossen: Mit acht Kugeln „hingerichtet“ findet man ihm im Kofferraum eines roten Renaults in der römischen Via Michelangelo Caetani.

Il CASO MORO
Acht Jahre nach der Moro-Entführung drehte Giuseppe Ferrara IL CASO MORO nach dem investigativen Report Days of Wrath von Robert Katz. Ferrara hatte zuvor schon mit CENTO GIORNI A PALERMO (1984) einen nahezu klassischen Politthriller hingelegt – und dies war auch IL CASO MORO. Wobei „klassisch“ bedeutet, dass der Film wie Arbeiten Konstantin Costa-Gavras (z.B. ÉTAT DE SIEGE von 1972) oder aber Francesco Rosis LE MANI SULLA CITÀ (1963) nicht im eigentlichen, im hitchcock’schen Sinne „Thriller“ sind, insofern sie u.a. keiner Suspense-Dramaturgie folgen, sondern vielmehr den direkten Blick freigeben auf Hintergründe und Machenschaften, auf das Taktieren und Konspirieren. Entlarven und Aufklären steht bei ihnen im Vordergrund. Entsprechend gedreht ist auch IL CASO MORO: sachlich, nicht uneffektiv, jedoch unverkünstelt und auf den Punkt.



Moro wird gespielt von Gian Maria Volonté, ein bekanntes Gesicht des Genres. So spielte er 1971 den Bartolomeo Vanzetti in Giuliano Montaldos SACCO E VANZETTI über die beiden zu Märtyrern der Bewegung gewordenen Anarchisten in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts, er gab den Lucky Luciano in Francesco Rosis gleichnamigen Film von 1973 und hatte auch in Gillo Pontecorvos OPERACIÓN OGRO (1979) eine Rolle als ETA-Terrorist.

Die Besetzung Moros mit Volontés in IL CASO MORO hat einen unheimlichen Zug. Nicht nur, dass ihn eine frappante Ähnlichkeit mit dem realen Moro auszeichnete, er selbst hatte bereits in TODO MODO von Elio Petri einen dünn verschleicherten Moro („M.“) gespielt. 1976 war das, zwei Jahre vor der Entführung und Ermordung des Christdemokraten.

Der Blick des Schauspielers, vor allem auf der nachinszenierten „Aufnahme der Aufnahme“, dem berühmten Foto und der Reinszenierung ihrer Entstehung, ist allerdings stechender, eindringlicher, wie müde und resigniert Volontés Moro auch immer ist. Diese Wachheit macht ihn zur besonderen – und neben seiner Frau einzig – tragischen Figur in Ferraras Film, der eine Rekonstruktion der Ereignisse verteilt über alle Schauplätze liefert.

Zu Beginn sehen wir Moro im Kreis seiner Familie, wie er sich verabschiedet, von seinem Enkel, seiner Tochter, seiner Frau. Derweil bereiten die Terroristen, u.a. als Piloten und Flugpersonal verkleidet, den Überfall auf die Wagenkolonne vor. Nach dem blutigen Kidnapping wechselt der Film hin und her, zeigt den Krisenstab bei seinen Spekulationen und dem Planen und Ausführen von Straßenkontrollen und Hausdurchsuchungen. Er zeigt die Politiker um Andreotti wie sie ihr Vorgehen, ein Nichtstun oder aber Hartbleiben abklären – was von der Familie Moros zunächst nicht geglaubt und schließlich verzweifelt verdammt wird.

Auf der anderen Seite: die Terroristen, wie sie planen und organisieren, die Entdeckung fürchten; eine Brigadistin, die ein Kommuniqué für einen Pressemann auf einem Fotoautomaten versteckt, Moros Briefe und Fotos, das politische „Verhör“ und Diskutieren mit dem Gefangenen in seiner kleinen klaustrophobischen Kammer. Jeder ist in diesem Film in Zugzwang: Die Terroristen, die immer mehr Gefahr laufen, von den Carabinieri, aber auch politisch eingekesselt zu werden. Die gegen Moros Willen einen Brief von ihm öffentlich machen.

Oder Moro, der immer mehr Briefe verfasst weil ihm auch sonst nichts zu tun übrigbleibt, der in seinen Schreiben appelliert, immer dringlicher und selbst in aller Ruhe immer verzweifelter wird und dabei sachlich mit den – ebenfalls nicht als blindwütig oder unbedacht gezeigten – BR-Entführern überlegt, was man noch tun könne. Auch die Terroristen debattieren und grübeln, wie sie bestmöglich aus der Sache rauskommen. Ein zähes Warten überall, derweil jeder auf allen Seiten fühlt, wie ihm die Zeit davonrennt.



Ferrara zeigt den Fall Moro als ein distanziertes Drama, eines, bei dem keiner gewinnen kann, bei dem auch keiner der Bösewicht ist. Vielleicht hat die Politik nicht alles getan, um Moro lebend wiederzubekommen – aber ist das nicht allzu leicht gesagt aus der Weisheit des Rückblicks? Und kann man das nicht immer behaupten, solange Terroristen nicht im vollen Umfang bedingungslos nachgegeben wird? Auch das Tun der Terroristen bleibt so schlüssig wie sinnlos. Ferrara jedenfalls enthält sich wohltuend einer Stellungnahme und überlässt sie den Parteien im Film (bzw. dem Zuschauer). Was er zeigt, war Mitte der 1980er vielleicht noch nicht vorbei, aber Geschichte.

In IL CASO MORO sind entsprechend das dramatische Gewicht und die Aufmerksamkeit verteilt, es ist ein Blick von oben. Lediglich Moro, passiv, eingekerkert, ist der tragische Mittelpunkt, der freilich aus der Not und Bedrängnis heraus zur Größe findet. Moro, der ruhig und überlegt seinen katholischen Glauben praktiziert – der bittet, alleingelassen zu werden oder einer von seinen Entführern auf Kassette aufgenommene Messe lauscht – und der bis ganz zuletzt noch einer stillen Hoffnung anhängt, die angesichts des Leidens der Familie, dem professionellen Kümmern der Sicherheitskräfte und ihrer Minister und dem angespannten Warten und Planen der Brigadisten als ein menschliches In-sich-Ruhen, als eine sonderliche Klarheit in all dem auch emotionalen Aktionismus, berührt.

Als schließlich der nervöse Anführer der Aktion Moro aus seinem Gefängnis holt weil man ihn nun freilassen werde und Moro mitspielt, dann ist das ein intensives zweiseitiges Wechselspiel aus Lüge und Selbsttäuschung, das sowohl sich wie auch den anderen schonen soll.

Wenn IL CASO MORO Stellung bezieht gegen das Machtkalkül der Regierenden, dann indem er Moro als Figur entpolitisiert und entpolitisieren muss. Vielleicht der merkwürdigste Zug des Politthrillers.

IL CASO MORO heißt der Film, der „Fall“ Aldo Moro also, was ihm und seinem Ansatz weit angemessener ist als der nach Verstrickung klingende deutsche Titel: DIE AFFÄRE ALDO MORO. Vieles wird noch zu erzählen sein zu diesem Fall: über üble Machenschaften und kaltes, eigentlich unmenschliches Kalkül, über rechten Antikommunismus und Terrorismusinstrumentalisierung, über die Loge P2 und die CIA. Bei Ferrara findet sich all das nicht – und muss es auch nicht.

(In Teil 2: John Frankenheimers YEAR OF THE GUN / VERLIEBT IN DIE GEFAHR (1991))

Bernd Zywietz