27.09.2013

MOOC „Terrorism and Counterterrorism: Comparing Theory and Practice“ (I)


Hier der erste kleine Bericht zum (oder vom) MOOC (Massive Open Online Course) des Centre for Terrorism and Counterterrorism der Universität Leiden von Prof. Dr. Edwin Bakker mit dem Titel „Terrorism and Counterterrorism: Comparing Theory and Practice“ (wie HIER angekündigt). Der kostenlose Kurs läuft ab Montag fünf Wochen, und ich als Teilnehmer werden versuchen, hier soweit es geht einen Einblick über den Aufbau und den Verlauf zu geben (wobei mir in der nächsten und übernächsten Woche wohl zwei mehrtägige „live“-Veranstaltungen dazwischen kommen werden).


Schon heute wurde die Kursseite auf der Online-Seminar und -Vorlesungsplattform Coursera samt Begrüßungsvideo von Dr. Bakker freigeschaltet. In diesem stellt er vom Hochhausdach seines Centers die Stadt Den Haag vor. Dabei deutet auf die Gebäude diverser Institutionen, die in der Stadt ansässig und für das Thema relevant ist, verweist aber auch auf „Tatorte“ von Terroraktionen wie die französische Botschaft, die 1974 von Mitgliedern der Japanischen Roten Armee (JRA) gestürmt wurde oder das Versteck, in dem die RAF Hanns Martin Schleyer gefangen hielt.

In seinem Büro dann gibt es eine kurze Übersicht über den Kursverlauf. In der ersten etwa geht es um die Definition und das Wesen von Terrorismus, in der zweiten um das Feld der Terrorism und Counterterrorism Studies. Jeden Montag um 12 Uhr (CET) wird eine neue Video-Lecture von Bakker eingestellt, am Mittwoch folgen „Reflexionen“ zu den Ergebnissen der Fragebögen und Meinungsumfragen unter den Kursteilnehmern.

Diese sind keine passiven Rezipienten: Vorgesehen sind verbindliche Quizzes und Fragebögen; die „required readings“ für die gesamte Zeit stehen als PDFs jetzt schon für die ersten zwei Wochen bereit. Darunter finden sich u.a. David C. Rappaports „Four Waves or Rebel Terror and September 11“ (ein Update von Rappaports klassischer „Vier-Wellen“-Ansatz), Alex P. Schmids, „50 Un- and Under-researched Topics in the Field of (Counter-) Terrorism Studies“ aus dessen Online-Journal Perspectives on Terrorism und – natürlich – Texte von Bakker selbst.

Zur gemeinsamen Interaktion gibt es ein Wiki und ein Diskussionsforum; Meetups sind vorgesehen.Zugriff hat man über eine links angeordnete Leiste, unterteilt in die Rubriken "Course" (Ankündigungen, "Syllabus" und FAQs), Content (die Video-Lectures, das Forum etc.), die Übungen und "About the Course". Wie gewohnt von solchen Plattformen ist der Layout einfach und funktional gehalten, weiß, mit schwarzer und blauer Schrift, wobei man sich - auch das nicht neu - erst in die Systematik oder "Architektur" eines solchen Kurses einfinden muss, die als zeitlich angelegtes und ausgerichtetes Lehrangebot gefühlt merkwürdig unlinear daherkommt.

Ebenfalls vorhanden: Eine Liste empfohlener Filme (nicht erforderlich für den  Kurs selbst), die leider ein bisschen wirr daherkommt, nicht zuletzt, weil sie die Kategorien „Fiction“ und „Non-Fiction“ inhaltlich darauf bezieht, ob es sich um einen erfundenen Fall von Terrorismus handelt oder nicht. Hinzu kommt, dass „Fiction“ definiert wird als ("only indirectly linked to terrorism and counterterrorism") – obwohl sich hierin PARADISE NOW und THE SIEGE wiederfinden wie auch der Oscar-prämierte TAXI TO THE DARK SIDE von Alex Gibney, der wiederum merkwürdigerweise nicht in die dritte Kategorie „Documentaries“ gekommen ist …
  
Zwei Arten von „Tracks“ kann man als Teilnehmer des MOOC verfolgen, „Basic“ und „Advanced“. Ersteres setzt die erfolgreiche Teilnahme am jeweiligen Wochenquiz (mit der Videolektion als Grundlage) teil sowie ein finales „Examen“ (zu absolvieren zwischen dem 1. Und dem 11. November). Als „Fortgeschrittener“ erwarten einen zusätzlich je zwei „Peer Assignments“ und „Peer Reviews“. Das heißt, dass sich die Kursteilnehmer untereinander bewerten / kommentieren werden, was bei der Masse der Teilnehmer natürlich nicht nur eine didaktische Idee ist. Insgesamt, so informiert die „Willkommen“-Seite, haben sich über 20.000 Personen aus 136 Ländern angemeldet. Und der Austausch zwischen diesen ist eminenter Bestandteil des Kurses, so Bakker.

Mehr dazu also nächste Woche.

zyw   

13.09.2013

1. Fachtagung des Netzwerk Terrorismusforschung e.V. am 10. Okt. in Berlin

Kaum neu als eingetragener Verein gegründet, veranstaltet das Netzwerk Terrorismusforschung im kommenden Oktober nicht nur seinen halbjährlichen - nun 13. - Workshop (10. u. 11. Okt.), sondern auch die erste, öffentliche Fachtagung. Am Donnerstag den 10. Oktober werden hochkarätige Sprecher (darunter Dr. Guido Steinberg) zum Phänomen des "lone-wolf"-Terroristen und Radikalisierung im Zeitalter des digitalen Wandels sprechen in der U.

Die Veranstaltung in den Räumen der UDK in Berlin ist öffentlich und kostet keinen Eintritt. Eine Anmeldung per E-Mail an info(at)netzwerk-terrorismusforschung.org ist allerdings nötig.  


Hier das Programm des ersten Tages bzw. der Fachtagung; die gesamte Agenda samt NTF-Vorträgen am 11. Okt. finden Sie HIER.


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1. Fachtagung im Rahmen des 13. Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung e. V. (10.-11.10.2013, Berlin) 

Eine kostenfreie Veranstaltung des Netzwerk Terrorismusforschung e. V. am Arbeitsbereich Internetsoziologie an der Universität der Künste Berlin (Grunewaldstr. 2-5 in Schöneberg / Berlin). Eine  Teilnahme ohne Vortrag sowie für Nicht-Mitglieder ist ebenfalls möglich und erwünscht! Unverbindliche Anmeldung per Email oder Telefon erbeten.

 Uhrzeit: jeweils um 08:45 Uhr
Ort: Universität der Künste Berlin, Hörsaal (EG) des Medienhauses
(Grunewaldstr. 2-5 in Schöneberg / Berlin)

Teilnehmer: öffentliche Veranstaltung
Die Teilnahme ohne Vortrag sowie für Nicht-Mitglieder ist ebenalls möglich und erwünscht!

Gebühr: kostenfreie Veranstaltung

Anmeldung: Unverbindliche Anmeldung per Email oder Telefon bis 07.10.13 erbeten

Thema:
Terrorismus und Extremismus im Wandel - Das Phänomen des "einsamen Wolfs" (‚lone-wolf’) Radikalisierung im Zeitalter der digitalen Gesellschaft.

Innerhalb des Bereichs Terrorismus, Extremismus und Fundamentalismus scheint sich eine neue Form herausgebildet zuhaben, die sich von den bisher gekannten klassischen Organisationsformen unterscheidet, nämlich die des "einsamen Wolfs" ('lone wolf'). Sind in der zurückliegenden Zeit Gruppen meist im Kontext gewisser politischer und/oder religiöser Bewegungen entstanden, so treten die "einsamen Wölfe" aus dem Schatten aller Spektren der politischen und religiösen Weltanschauungen hervor und stellen aus dem Blickfeld der Sicherheit ein aktuelles Phänomen des weltweiten Bedrohungsrisikos mit äquivalentem Gefahrenpotential dar, wie u. a. die Beispiele (Oslo/Norwegen, Fort Hood 2009/USA, Bosten 2013/USA, 'Kofferbomber 2006'/Düsseldorf, 'Mordanschlag 2011'/Frankfurter Flughafen 2011, ...) belegen. Es scheint, dass verschiedenste Kommunikationsangebote des Cyberspace und sozialer Medien einen wesentlichen Baustein in Radikalisierungsprozessen von „Einzelgängern“ und „Vigilanten“ ausmachen, gleichzeitig dies aber auch von ihnen als eine Bühne für ihr persönliche Darstellung und Rechtfertigung genutzt wird.

Die Veranstaltung des Netzwerks Terrorismusforschung e. V. möchte dazu einladen, auf gewohnt multidisziplinärer Ebene diesen Themenkomplex auszuloten. Das Programm wird an beiden Tagen dazu vielfältige Möglichkeiten bieten. Am 1. Tag wird eine Fachtagung mit Gastvorträgen und einer Podiumsdiskussion wird die Veranstaltung eröffnen. Am 2. Tag können promovierende Wissenschaftler/Innen und Fachleute die Möglichkeit nutzen, ihre Projekte und Arbeiten bzw. Thesen vorzustellen. Dabei ist die Veranstaltung natürlich wie immer nicht nur auf den übergeordneten Themenbereich beschränkt, sondern bietet auch Raum für die Vorstellung anderer terrorismusbezogener Vorträge und Arbeiten. Registrierte Teilnehmer/Innen können eine Teilnahme- sowie eine Weiterbildungsbescheinigung erhalten.

Am Vortag (09.10.2013 um 20 Uhr) findet in der UdK die Sitzung des Vereins Netzwerk Terrorismusforschung statt.


Programm:

Tagungsprogramm, Tag 1 - 10.10.2013:
1. Fachtagung des Netzwerk Terrorismusforschung e. V.

8:45 Uhr Begrüßung und Eröffnung
Fachtagung: Terrorismus / Extremismus und Fundamentalismus im Wandel



09:00 Uhr Gastredner 1 zum Kontext Terrorismus / Extremismus:
Individuation und kollektive Identität – Kontextualität in Radikalisierungsprozessen
(Dr. Ursula Gasch, Leiterin des Institut für Kriminalpsychologie in Tübingen)

„Frau Dr. Gasch studierte Rechtswissenschaften, Kriminologie und Psychologie in Tübingen. Sie ist Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Psychotherapie (BDP) und Notfallpsychologin (BDP) und verfügt über langjährige Erfahrung als Beraterin der Polizei / Verhandlungsgruppenpsychologin (Erstellen von Gefährdungsanalysen, Auswertung von Täterbotschaften, Einsatzunterstützung betreffend Entführungen, Geiselnahmen und Erpressungen; Mitwirkung im Rahmen diverser Sonderkommissionen; Aus- und Fortbildung). Weiter berät Dr. Gasch diverse Unternehmen und Institutionen (Krisenmanagement / Prävention) und ist als Forensisch-Psychologische Sachverständige für die Justiz tätig. Neben fortgesetzten Lehrtätigkeiten, z.B. an Einrichtungen der Polizei, Universitäten, Steinbeis-Hochschule GRC Berlin, Deutsche Psychologen Akademie etc. ist sie regelmäßig als Referentin auf nationalen und internationalen Tagungen sowie in Publikationen mit Beiträgen zu polizeilichen, kriminalistischen und forensisch-psychologischen Themen vertreten. Ihr therapeutischer Fokus liegt auf der Behandlung traumatisierter Personen nach schwerer Gewalterfahrung.“

09:45 - 10:10
Kaffeepause / Möglichkeit des persönlichen Austauschs

10:15 Uhr Gastredner 3 zum Kontext Islamismus:
Individueller Jihad
(Dr. Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internatio-nale Politik und Sicherheit, Berlin)

„Herr Dr. Steinberg ist promovierter Islamwissenschaftler und Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Bis Oktober 2005 arbeitete Guido Steinberg als Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt. An der SWP erforscht er die Politik des Nahen Ostens – mit einem Schwerpunkt auf der Arabischen Halbinsel und dem Irak – und den islamistischen Terrorismus. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zur saudi-arabischen und irakischen Geschichte und Politik, Islamismus und Terrorismus publiziert. Zuletzt von ihm erschienen ist: »Der nahe und der ferne Feind. Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus« (Beck 2005).“


11:00 - 11:25
Kaffeepause / Möglichkeit des persönlichen Austauschs / Sammlung von Zusatzfragen für die Podiumsdiskussion


11:30 Uhr Gastredner 4 zum Kontext Fundamentalismus:
Kränkung und Gewalt – Fundamentalismus als politische und kulturelle Radikalisierung
(Prof. DDr. Franz Gmainer-Pranzl, Leiter Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen, Paris Lodron Universität Salzburg)

„Herr Prof. DDr. Franz Gmainer-Pranzl ist seit 2009 Univ.-Prof. und Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der Universität Salzburg. Als promovierter Theologe und Philosoph mit der Habilitation im Fach Fundamentaltheologie (Universität Innsbruck) liegen seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte auf: Interkulturelle Philosophie, kontextuelle Theologien, Ansätze von „Theologie interkulturell“, Theorien der Erfahrung des Fremden. Gleichzeitig ist er in verschiedensten wissenschaftlichen Institutionen und Arbeitsbereichen Mitglied bzw. engagiert wie z.B. Forschungszentrum RGKW (Religion - Gewalt – Kommunikation – Weltordnung) an der Kath.-Theol. Fak. der Univ. Innsbruck, Mitglied der Redaktion von „polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren“ (Wien) sowie von „Religionen unterwegs“ (Kontaktstelle für Weltreligionen, Wien) und ist durch mehrere Reisen nach Afrika, Asien und Lateinamerika in verschiedene interkulturelle und interreligiöse Projekte eingebunden.“


12:15 – 13:20 Uhr
Mittagspause / Möglichkeit des persönlichen Austauschs


13:30 Uhr Gastredner 5 zum Kontext Linksextremismus:
Antisemitismus in der Linken - Einzelmeinung oder Massenphänomen
(Dr. Stephan G. Humer, Forschungsleiter Universität der Künste Berlin)

„Herr Dr. phil. Stephan G. Humer ist Diplom-Soziologe, Universitätsdozent, Gründer und Forschungsleiter des ersten Arbeitsbereichs Internetsoziologie in Deutschland an der Universität der Künste (UdK) Berlin.Seit 2008 leitet er das Forschungsvorhaben “Networked Systems” in der Digitalen Klasse der UdK. Er ist Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Informationsfreiheit e.V., aktiv im Forschernetzwerk “Surveillance Studies” (Uni Hamburg) und in der Arbeitsgruppe “Identitätsschutz im Internet” (Uni Bochum). Seit März 2013 ist Herr Humer zudem Vorsitzender des "Netzwerk Terrorismusforschung e. V."“


14:15 - 14:40
Kaffeepause / Möglichkeit des persönlichen Austauschs / Sammlung von Zusatzfragen für die Podiumsdiskussion

14:45 Uhr Gastredner 6 zum Kontext Rechtsextremismus:
Mechanismen von Radikalisierungspfaden und Chancen der De-Radikalisierung
(Dipl.-Kriminalist Bernd Wagner, Geschäftsführer der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur, Berlin)

„Herr Dipl.-Kriminalist Bernd Wagner studierte in Berlin Kriminalistik und war in der DDR und in der Bundesrepublik Kriminalpolizist, zuletzt im Staatsschutz. 1997 gründete er die heutige gemeinnützige GmbH ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur. Im Jahr 2000 folgte die Gründung der Initiative EXIT-Deutschland und 2008 die Mitgründung des AKTIONSKREISes ehemaliger Rechtsextremisten. 2010 gründete Wagner die Arbeitsstelle Islamismus und Ultranationalismus (AStIU) mit, die sich mit menschrechtsfeindlichen Ideologien und Bewegungen beschäftigt. Herr Wagner veröffentliche zahlreiche Publikationen wie z.B. das „Handbuch Rechtsextremismus“ (1994) und das „Handbuch Rechtsradikalismus“ (2002) , „Jugend Gewalt Szenen“ und „Rechtsextremismus und kulturelle Subversion“. Unter seiner Leitung wurden Kommunalstudien zu Fragen von Demokratie und Extremismus in den neuen Bundesländern durchgeführt und das Beratungslabel Community Coaching entwickelt und erprobt. 2012 gründete er das Institute for the Study of Radical Movements (ISRM) mit."


15:30 - 15:40
Pause / Möglichkeit des persönlichen Austauschs / Sammlung von Zusatzfragen für die Podiumsdiskussion


15:45 Uhr Podiumsdiskussion der Experten mit Moderation
(Dr. Ursula Gasch, Dr. Guido Steinberg, Univ.-Prof. DDr Franz Gmainer-Pranzl, Dr. Stephan Humer, Dipl. Bernd Wagner, N.N..)


17:00 Uhr
Abschlussrunde und Zusammenfassung der Fachtagung

17:30 Uhr
Ende der Fachtagung und Beginn des Workshop


Zum Netzwerk Terrorismusforschung:

Das Netzwerk Terrorismusforschung (NTFeV) ist ein in Deutschland eingetragener Verein (e. V.) von  mittlerweile knapp 500 jungen internationalen WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, die sich mit Fragen und Problemen aus den Bereichen Terrorismus und Terrorismusbekämpfung, Extremismus und politische Gewalt befassen. Es soll Kontakte schaffen und als Forum dienen für Ideen- und Informationsaustausch, Projektvorstellungen und gemeinsame Projekte. Neben dem Internetauftritt und einer Mailingliste dienen hierzu regelmäßige Workshops, die halbjährlich stattfinden.

Das Netzwerk steht darüber hinaus Interessierten aus Forschung, Medien, Behörden und Politik offen und für Anfragen – z.B. für den Kontakt mit Experten bei spezifischen Fragen – zur Verfügung.

Interessenten sind herzlich willkommen und werden gebeten, sich per Email bzw. Kontaktformular an den Vorstand zu wenden.

http://www.netzwerk-terrorismusforschung.org

07.09.2013

HENNESSY (1975) - Prototyp des tragischen irischen Terroristen


In meiner Doktorarbeit, die ab Mitte Oktober veröffentlicht werden "darf", ist auch von Don Sharps Film HENNESSY aus dem Jahr 1975 die Rede. Der v.a. in den 1960ern populäre Rod Steiger (Oscar-Gewinner für seine Rolle als rassistischer Sheriff in IN DER HITZE DER NACHT von 1967) spielt darin einen apolitischen Nordiren, der durch den Tod von Frau und Tochter radikalisiert einen Anschlag auf die britische Königin plant und dabei sowohl von der IRA wie von den Briten gestoppt werden soll.

Die Figur des Hennessy ist ein frühes Beispiel dafür, wie der Nordirlandkonflikt und vor allem ein bestimmter Typus des IRA-Kämpfers politisch austariert konstruiert wurde, um sowohl die Gewalt der radikalen Republikaner ablehnen zu können, wie ihnen in ihrer Motivation zugleich eine gewissen Nachvollziehbarkeit in ihrer militanten Gesinnung zuzusprechen (und damit eine Art Entgegenkommen oder zumindest Verständnis zu signalisieren). Schnell wurde der Film, wie das obige Plakat zeigt, zu einem "cause célèbre" stilisiert, sah sich freilich in Großbritannien tatsächlich auch der Zensur unterworfen. Ein Hinweis auf die Brisanz, die in jener Zeit bzw. der konfliktpolitischen Situation solchen heute relativ harmlosen Filmen zukam.

So ist es insbesondere nach der Kriminialisierungsstrategie unter Thatcher eine individuelle "grievance", die in den bisweilen bürgerkriegsähnlichen Zustände in Ulster zur individuellen, psychologischen Leiderfahrung singularisiert beigemessen wurde, und die als Motor für die Handlungen der Radikalen herhält. Sie erklärt sie zu Opfern, die zu Tätern werden - der unselig (und relativ unpolitische) Kreislauf der Gewalt als dramaturgisches Grund- und Begründungsmodell. Bis in die Gegenwart hinein, aktuell mit SHADOW DANCE (dazu hier demnächst mehr) ist dies eine gültige, konventionelle und quasi-versöhnliche Dramaturgiestruktur. Eine, die sich auch im Bereich der Post-9/11-Filme zum Thema islamistischer Terrorismus in Kino und TV-Serien (HOMELAND, SLEEPER CELL) etabliert hat, nicht zuletzt, weil sie eine gewisse Ausgewogenheit impliziert.

HENNESSY selbst ist beachtlich, weil der Film schon relativ früh - gerade mal drei Jahre nach dem bedeutungsschweren "Blutsonntag" in Londonderry, bei dem britische Soldaten auf katholische Demonstranten schossen - auf dieses Erklär- und Erzählmodell zurückgreift, und es mit außerordentlicher Mühe (oder aber: "Sensibilität") ausbuchstabiert. So werden die tödlichen Schüsse, denen Hennessys Frau und kleine Tochter zum Opfer fallen, als (halber) Unfall gezeigt. Es ist die Folge einer Konfrontation zwischen Steine werfenden Demonstranten und den Militärs. Beiden wird eine Art Gleichrangingkeit zumindest insofern zugestanden, als sie auf dem selben Level operieren. Die Sicherheitskräfte mit ihren Plexiglasschilden sind relativ gut geschützt, verhalten sich besonnen. (Deutlich wird hier: es handelt sich um ein primär britische Produktion). Erst als ein radikaler Heckenschütze (zu lesen als kühl-militante, auf Eskalation ausgerichtete Provisional-IRA) bezeichnenderweise von der Seite her auf die Uniformierten schießt, fällt der Soldat zu Boden und feuert unfreiwillig in die Menge. Dass und wie dies ein Unfall ist, macht der Film noch deutlicher, indem der junge Soldat selbst fassungslos auf das Leid blickt, das er angerichtet hat. Und - zur endgültigen Verdeutlichung der Heimtücke der Terroristen, die nur sehr bedingt mit den Protestierenden zu tun haben, die ihm selbst indirekt zum Opfer fallen - wird ihm, drastisch inszeniert, in den Kopf geschossen. Bemerkenswert auch, wie Hennessy und seine Familie auch räumlich betont als Uninvolvierte gezeigt werden (während ansonsten die katholischen Zivilisten bis hin zu den Hausfrauen als antibritisch skizziert werden).

Dies ist so einerseits platt, wie anderseits symbolisch hochwertig. Erinnert sei daran, dass die britischen Truppen tatsächlich in Nordirland zur Befriedung der Situation zwischen Protestanten und Katholiken eingesetzt wurden - und dabei anfangs in katholischen Communities entsprechend begrüßt wurden (wobei die "alte" IRA erheblich an Einfluss verlor). Dass nun die britischen Soldaten nur durch gemeine Attentate ungerechter Weise zum Aggressor werden, ist natürlich eine Mitte der 1970er Jahre eminent politisch tendenziöse Sichtweise. Zugleich verweist sie aber auf die reale Asymmetrie-Problematik, die bis in die Gegenwart hinein - etwa die von einem Bundeswehroffizier angeordnete Bombardierung von zwei Tanklastzügen in Afghanistan mit über hundert zivilen Opfern als Folge - aktuell ist und bleibt: Wie verbleibt eine Friedenstruppe als eben solche, wenn es Extremisten auf Eskalation angelegt haben; wenn der "Goliath" sich nicht wehren kann, die Attacken des "David" auszuhalten hat, weil jede Gegenmaßnahme gegen ihn gewendet werden kann?

Der Film HENNESSY, auch wenn er in vielen Filmtexten zu dem Thema Nordirlandkonflikt genannt wird, ist - leider - einer, der bisweilen mit "B-Movie"-Stempel versehen, filmisch interessant, aber heute praktisch kaum mehr verfügbar ist. Es gibt bislang keine DVD-Auswertung, und nur sehr sporadisch tauchen VHS-Kaufkassetten bei Amazon und anderen Plattformen zum Verkauf (auch in der deutschen Fassung unter dem leicht dümmlichen Titel CODEWORT: HENNESSY) auf.

Umso dankenswerter ist es, dass der US-Sender TCM (Turner Classic Movies) zumindest die oben beschriebene Szene als eine von dreien auf seiner Website präsentiert (s.u.).

zyw

P.S.: Falls Sie den Film besitzen oder eine Bezugsquelle kennen, wäre ich sehr interessiert.