08.01.2010

Buch: "Analytische Filmografie" zum Terrorismus im US-Kino

Robert Cettle (2009): Terrorism in American Cinema. An Analytical Filmography, 1960-2008. Jefferson, NC / London: McFarland & Company. ISBN: 978-0-7864-4155-6
320 Seiten, Paperback.



Robert Cettle, freier australischer Autor, hat uns bereits ein Serienkillerfilmlexikon geschrieben – und vom geheimen Serial Killer zum Terroristen ist es in Sachen Schreckfigur gar nicht so weit: Das Ungeheuer, dass sich hinter der Fassade des braven Bürger und Nachbarn versteckt (der freilich „arabischer“ Herkunft zu sein scheint)…

Doch Cettle hat in Sachen Serienmörder wie jetzt in punkto Terrorismus ein nützliches und beachtliches Buch vorgelegt, wobei allerdings sein neues Werk einige Mängel aufweist, auf die es hinzuweisen gilt.

Auch in Terrorism in American Cinema führt in Sachen „Terrorismusfilm“ zunächst mit einem Text ein, der die Ursprünge und kinematographischen Entwicklungslinien nachzeichnet, die dem Terrorismuskino vorangehen oder es begleiten; Kontexte wie die James-Bond-Filme mit ihren Welterpressungen; Spionage- und Sabotagefilme, aber auch die jeweiligen politischen und historischen Konfliktlagen, die es stets mitzuberücksichtigen gilt, wenn es um Terrorismus geht. Bei angesichts der Kürze (rund 13, freilich eng bedruckte Seiten) aufschlussreich und bietet eine solide Verortung. Zugleich aber ergibt sich hieraus ein Manko, da Cettle sich – und so recht kann man ihm da nicht böse sein – sich um eine Terrorismusdefinition herumdrückt und, was schwerer wiegt, Sabotage und Erpressung allzu fahrlässig mit Terrorismus verschwimmen lässt.

Cetlle gerät auch wegen des breiten Terrorismus- (oder meinetwegen Terrorismus-Kino-) Verständnisses wie auch dem Genre-Sammelsurium recht bunt und ein kleinwenig, durchaus sympathisch wirr. Insbesondere, weil sich dieser Filmographie des Terrorismus im US-amerikanischen Kino auch Pontecorvos italienisch-algerischer LA BATTAGLIA DI ALGERI (1966) und QUEIMADA bzw. BURN (1969) – nicht aber OPERACIÓN OGRO (1979) – oder Neil Jordans THE CRYING GAME (1992) und MICHAEL COLLINS (1996).

Otto Premingers EXODUS (1960) und Attenboroughs GANDHI (1982) findet sich da zusammen mit Billig-Actionfilmen wie IRA: KING OF NOTHING (2006) oder dem TV-Film mit Chuck Norris THE PRESIDENT’S MAN (2000). Die DIE-HARD-Filme (1988 – 2007) stehen gleichauf mit Brian de Palmas HI, MOM! (1970), der Mediensatire NETWORK (in denen auch linke US-Terroristen auftauchen) und THE MANHATTEN PROJEKT (1986) (ein Schüler baut eine Atombombe und gerät darüber mit der Regierung aneinander).

Aus diesem Wirrwarr aus Großproduktionen und Direct-to-Video-Mumpitz, Polit- und Paranoiathrillern (z.B. Alan J. Pakulas THE PARALLAX VIEW (1974)), Actionspektakeln, Historiendramen, Comic-Adaptionen (SUPERMANN II - 1980), gar Dokumentation wie MacDonalds ONE DAY IN SEPTEMBER (1999) zur Münchner Olympiade-Geiselnahme und schließlich Antonionis ZABRISKIE POINT (1970) ein Genre kreiert zu sehen, ist nachgerade verblüffend und erfrischend. Einen diffuser Bedeutungs- und Stimmungsrahmen (re-)konstruiert Cettl dabei. Dass davon vieles wenig oder nur entfernt mit Terrorismus zu tun hat, ist offensichtlich.

Zugleich bzw. gerade dadurch bietet Terrorism in American Cinema eine spannende Querfeldeinreise: Gerade weil Cettl offensichtlich irgendwie alles, was er zufällig kannte, aufgreift, entdeckt man einem selbst noch Unbekanntes, werden seltene Querverbindungen gezogen (so wenn neben Pontecorvos LE BATTAGLIA DE ALGIERI auch Mark Robsons „ergänzende“ wie konträre Hollywood-Thematisierung des algerischen Unabhängigkeitskampfes, LOST COMMAND von 1966, behandelt ist) und generell die Leser vielleicht auch hinsichtlich des Konzeptes Terrorismus und seiner Ungenauigkeit gedanklich angeregt.

Hinzukommt, dass Cettle in den langen Beiträgen zu den Filmen diese stets einzuordnen sowie was spannend und bemerkenswert ist zu beschreiben und auf bodenständige Art zu analysieren weiß. Ebenso, wie er ebenso Mist auch als Mist benennt – und sich (und seinem Buch) trotzdem nicht zu schade ist, ihn aufzugreifen, weil er schlicht dazugehört (wozu letztlich auch immer) und als kulturelles Artefakt und sozialnarrativer Gegenstand wert ist, berücksichtigt zu werden.

Letztlich ist Cettles Terrorismus in American Cinema einerseits ein schon unverfrorenes Buch, andererseits trotzdem wie auch gerade deswegen empfehlenswert – oder zumindest einen Blick wert.

Empfehlenswerter weil profunder, analytischer und kontextualisierender ist jedoch Stephen Princes ebenfalls brandaktuelles Buch Firestorm: American Film in the Age of Terrorism, das sich freilich nur auf die US-Filme "rund um" den 11. September konzentriert und diese nicht für jeweils sich behandelt.


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Bernd Zywietz

30.12.2009

Kinofilm und Mini-Serie über den Terroristen "Carlos"

(ergänzt: 03.01.2010)

Regisseur Oliver Assayas bringt im Herbst 2010 einen Film über das Leben des berühmt-berüchtigten Illich Ramirez Sánchez alias „Carlos“ oder „Der Schakal“ als deutsch-französische Koproduktion in die Kinos: CARLOS THE JACKAL. Zuvor schon wird auf dem Sundance Channel, dem Fernsehkanal des berühmten Independent-Filmfestivals, im Frühjahr die längere dreiteilige Miniserie laufen.



Édgar Ramirez spielt den in Venezuela geborenen internationalen Terroristen, der u.a. mit der Geiselnahme im Wiener OPEC-Hauptquartier 1975 für Aufmerksamkeit sorgte. Nach einer Ausbildung in einem jordanischen Trainingslager der PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine / Volksfront zur Befreiung Palästinas) war „Carlos“ für die Volksfront aktiv, gründete später jedoch eine eigene Gruppe, die u.a. 1983 den Bombenanschlag auf das Maison de France in Berlin verübte.

Gedreht wurde u.a. in Berlin, deutsche Schauspieler sind u.a. Christoph Bach, Julia Hummer und Katharina Schüttler (ES KOMMT DER TAG). Die damalige "Bewegung 2. Juni"- und RAF-Aktivistin Inge Viett wird von Anna Thalbach gespielt, Carlos deutsche Geliebte Magdalena Kopp mimt Nora von Waldstätten

Assayas, der zusammen mit Dan Franck auch das Drehbuch zum Film basierend auf Prozessakten, Aussagen und sonstigem Dokumentarmaterial schrieb, schafft nicht die erste filmische Thematisierung des „Profirevolutionärs“ und Auftragsterroristen, der seit 1994 in französischer Haft sitzt.

Der „Schakal“ - in der Presse so benannt nach dem 1971 veröffentlichten Roman von Frederick Forsythe bzw. der titelgebenden Figur (einem Auftragsmörder) - ist das Ziel des Geheimagenten Bourne in Robert Ludlums ersten und zweiten Teil der „Bourne“-Romantrilogie und der entsprechenden TV-Adaption des ersten Bandes THE BOURNE IDENTITY / AGENT OHNE NAMEN (1988) mit Richard Chamberlain. (Die aktuellen BOURNE-Filme mit Matt Damon basieren bis auf die Grundidee des „Agenten ohne Namen“ nur lose oder gar nicht auf Ludlums Stoff).

In THE ASSIGNMENT / THE ASSIGNMENT – DER AUFTRAG (1997) wird in einer ähnlichen Annäherung ein US-amerikanischer Soldat (Aidan Quinn) auf Carlos angesetzt, da er ihm zum verwechseln ähnlich sieht.

Doch schon 1979 erschien der von René Cardona Sr. gedrehte mexikanisch-spanische CARLOS EL TERRORISTA / CARLOS THE TERRORIST mit Andrés García als Carlos.

In dem Thriller NIGHTHAWKS (1981) von Bruce Malmuth spielt wiederum Rutger Hauer den skrupellosen Terroristen Wulfgar, der von einem Straßenpolizisten (Sylvester Stallone) gejagt wird, nachdem er aus Europa geflogen und in New York eine Anschlagsserie beginnt. Wulfgar ist nach Carlos modelliert: Der führende internationale Auftragsterrorist, der in NIGHTHAWKS für die Iren ein Kaufhaus in England sprengt, der eine deutsche Terroristen-Geliebten (eine Verweis auf Magdalene Kopp) hat und der - hier jedoch in London - Polizisten erschießt, als sie ihn festnehmen wollen. Auch die OPEC-Attacke 1975 wird ihm bzw. seinen Leuten zugeschrieben.

Einen Bericht zum Dreh von CARLOS THE JACKAL gibt es bei Focus Online HIER, einen zu "Carlos" auf ZEIT Online HIER.

21.12.2009

Terroristen in den James-Bond-Filmen

von Bernd Zywietz



Gregory D. Miller präsentierte im Februar 2006 in Washington D.C. auf dem „Summer Workshop On Teaching Terrorism“ (SWOTT) der Political Science Association Teaching and Learning Conference einen Vortrag, in dem er sich dankenswerterweise in die Untiefen der filmfiktionalen Darstellung von Terrorismus begibt und nach dem Zweck jenseits der üblichen Kinounterhaltung fragt.

„Fear on Film: Can Hollywood Teach Us about Terrorism?“ heißt sein Papier. Auch wenn die empfehlenswertesten Filme zum Thema Terrorismus nach Millers Einschätzung leider trotz Titel nicht – oder nur mit THE SIEGE (USA 1998) – aus Hollywood stammen (Pontecorvos LA BATTAGLIA DI ALGERI / SCHLACHT UM ALGIER [I/ALG 1966] und THE TERRORIST, auf den Miller trotz Verweis in seinem Vortragspapier nicht weiter zu sprechen kommt und daher nur spekuliert werden kann, ob es sich dabei um THEEVIRAVAATHI [IND 1999] handelt), ist es begrüßenswert, dass nach dem Erkenntnisgewinn von und durch Spielfilme zum Thema Terrorismus gefragt wird.

Wenn es um die „Bildung“ geht, die solche Filme – zum Beispiel Studenten – vermitteln mögen, rührt freilich solche hüftsteife Annäherung. Filme sind kein Lehrbuch, und wenn Lehrer sie als solche nutzen oder aber kritisieren, kommt dabei oftmals Putziges heraus.

Vor allem wird aber einmal mehr (wenn hier auch nicht sonderlich schwerwiegend) deutlich, wie wenig „Laien“ zum einen von der Welt des Films und des Filmemachens wissen, und wie – nun ja, nicht gefährlich, aber unbequem dies werden kann. Da werden schon mal bei der Erforschung von Filmgewalt indizierte, nachgerade „perverse“ Underground-Horrorfilme mit kinderfreundlichen Jugendprodukten aus Hollywood in einen Topf geworfen – und auch wenn der Name „James Bond“ erklingt, wird sofort auf comic-haftes Überwältigungskino nicht nur bar, sondern fern jeder Substanz mental zurückgegriffen, ohne Rücksicht auf die kleinen aber feinen Unterschiede.

Was das nun mit Gregory D. Miller und James Bond zu tun hat? Unter „Movies with ‚terrorists‘ that I would not use“ vermerkt er: „Historically, many films have used the term terrorist as a vague label to suggest the ‚bad guy‘ in the film. James Bond films are notorious as using this device, but many other films have employed the same tactic“ (S. 4).

Das Problem hierbei: Es schleicht sich hier eine Art Meta-Klischee, ein stereotype Vorstellung über eine über stereotype Figuren und Konstellationen funktionierende Filmserie ein, eine Vorstellung, die in die Irre führt, die nicht zuletzt die erfolgreichste Reihe der Kinowelt ins falsche Licht rückt.

Grundsätzlich ist es legitim weil deutlich, wenn man die Darstellung von Terroristen als eine „wie in einem James-Bond-Film“ beschreibt: Diese Schurken-Figuren sind dann „larger than life“, überzeichnet, in einer fast juvenilen Welt angesiedelt und entsprechend rudimentär und tendenziös ausgestaltet, was auch und vor allem heißt: reduziert.

Wenn man es wörtlich nimmt, wird es allerdings heikel, denn tatsächlich ist man in Sachen Terrorismus einem so folgenschweren wie zugleich – zumindest film- und genregeschichtlich – aufschlussreichen Fehler aufgesessen, wie wenn man die Kinofigur auf einen „Kommunistenjäger“ herunterbricht, die der Agent 007 wenigstes im Kino so nie war.

Der Brite Ian Flemming, selbst während des Zweiten Weltkriegs im Geheimdienst aktiv, mag in seinen Roman in den 1950ern ehre noch die bösen Russen ins Feld geführt haben. In den zunächst von Albert R. Broccoli und Harry S. Saltzman, ab den 1970ern von Broccoli allein und seit Mitte der 1990er von dessen Tochter Barbara und seinem Stief- bzw. Adoptivsohn Michael G. Wilson produzierten Reißern ist dieses Element massiv in den Hintergrund gerückt worden. Der Geheimagent der Krone geht stattdessen überwiegend gegen megalomanische Superschurken vor, die Privatiers sind und mit denen gerade der Kapitalisten und Ausbeuter lustvoll neu- und zugleich dekonstruiert wie im Exzess zelebriert wird.

Ob mit Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan oder nun Daniel Craig: Die Nationalstaaten und ihre Ideologien mitsamt „ihrer“ Zeit des Kalten Krieges waren für den post-noblen Angestellten-Supermann zwischen Luxus, Libido und Lizenz zum Töten zu klein und steif. Schurken wie Dr. No oder Goldfinger oder mehrfach die Nemesis Ernst Stavro Blofeld waren eher die Kalter-Kriegsgewinnler, spielten die Staaten und Blöcke gegeneinander aus, erpressten sie, wollten einen Krieg zwischen ihnen anzetteln und nahmen immerzu die Privatisierung wie Globalisierung vorweg, wobei sie stets eine ökonomische Zwecklogik antrieb (die zwei Utopien-Schurken in THE SPY WHO LOVED ME / DER SPION, DER MICH LIEBTE und MOONRAKER / MOONRAKER – STRENG GEHEIM mal abgesehen).

Allein schon deswegen, wegen ihrer „Stillosigkeit“ und ihrem Ernst und Engagement für eine Glaubensfrage (ob sozialrevolutionärer, separatistischer oder religiöser Art), sind Terroristen als Gegenspieler für 007 schlecht geeignet weil ihm in seinem Hedonismus und seiner Abgeklärtheit bei allem Gutem Soldatentum unterlegen. Der richtige Bösewicht ist immer Gegenpart und Zerrbild des Helden und entsprechend müssen sie sich auf einer Ebene verständigen, sich in die Augen sehen, eine bestimmte Achtung und zugleich Verachtung für einander erübrigen können. Zum Beispiel, wenn es um das Edle und Teure geht, der Garderobe, der gesellschaftlichen Anlässe und ihren Institutionen – dem Golf- und Kartenspiel, dem Ball –, der Architektur, Autos, der Erotik und Exotik. Das ist der richtige Stand, und auch wenn sie beide, 007 und sein Gegenspieler, auf jeweils ihre eigene Art allen Luxus, der stets ein genüsslich egoistischer ist, als leere Hülle zurücklassen, braucht es in beiden einen (gemeinsamen) Level, auf den sie für sich, für einander und jeder für den Zuschauer damit „ihr“ Spiel treiben können.

Funktioniert das, wenn man vom – bestenfalls – Terrorfinanzier hinuntersteigt? James Bond im Smoking gegen die ETA? Oder am Roulette-Tisch gegen Osama Bin Laden?

Neben der strukturellen ergibt sich für die Terroristen noch eine weit simplere Hürde, die ihnen die Stellung als Weltverbrecher mit dem passenden Kaliber in den 007-Filmen verwehrt: Zu konkret und zu politisch würden sie mit ihrer unbequemen Ambivalenz den einfache Handling durch den Zuschauer in seiner Evasion stören und eine solche gewalttätige Realität mit einbringen, dass die unbeschwerte Gut-Böse-Balance kippte.

Die Spuren des Terrorismus sind denn auch sehr dünn in der nun bald 50-jährigen James-Bond-Filmgeschichte. Eine Sprengung in der Vortitel-Sequenz von GOLDFINGER, mit der (kubanische?) Revolutionäre in ihrem Treiben sabotiert werden, könnte man mit etwas gutem Willen noch dazu zählen, ansonsten aber hat sich 007 in den 1960ern und -70ern weder dem Linksextremismus (obwohl ein verlockendes Feindbild für den Snob Bond), noch dem internationalen Terrorismus der Palästinenser gewidmet – und wohlweislich schon gar nicht Nordirland, wo der britische Geheimdienst zu oft nicht sonderlich stilvoll und heldenhaft agierte und die Frage nach dem Verbleib des britischen Empires, das James Bond im Auftrag Ihrer Majestät als letzter Wachhund rund um den Globus kodiert verteidigt, allzu schmerzlich direkt an die Oberfläche getrieben und die Traum-Figur als solche entlarvt hätte (vgl. Bennett/Woollacott 1987; Zywietz 2007a).

1977 hatte Richard Maibaum allerdings die Idee, 007 gegen terroristische Nihilisten antreten zu lassen, die die alte Verbrecherorganisation SPECTRE übernehmen und kein anderes Ziel als die Weltvernichtung haben, was Broccoli zu politisch war (vgl. Tesche 2002, S. 147 f.; Cork/Scivally 2002, S 165). Stattdessen beabsichtigt nun der Schurke, der Schiffsmagnat Carl Stromberg, zwischen der Sowjetunion und den USA den Dritten Weltkrieg anzetteln, um auf dem Meeresboden eine neue Weltordnung zu begründen.



Erst zehn Jahre später, 1987 in THE LIVING DAYLIGHT /DER HAUCH DES TODES, wird Bond, nicht zuletzt mit Timothy Dalton als neuem Darsteller, etwas mehr „Realismus“ verliehen und Andreas Wisniewski als Killer Necros gegenübergestellt, dessen Kameraden vom Auftraggeber und Co-Ober-Schurken, dem Waffenhändler Whitaker (Joe Don Baker) für ihren „Kampf“ beliefert werden. Der gebürtige Westberliner gemahnt als Linksterrorist an die Zeit der RAF und ihre Ausbildung in Fatah-Lagern; hochgewachsen und blond ist er damit nicht nur einer der typischen, deutschen Helfershelfer wie „Hans“ (Ronald Rich) in YOU ONLY LIVE TWICE / MAN LEBT NUR ZWEIMAL (1967), sondern auch der perfide, hinterlistige infiltrierende Killer, der sich in Landhaus des Secret Services als Milchmann einschmuggelt oder mit „terroristischen“ Anschlägen Agenten tötet und damit im Kleinen den von größeren Schurken gesteuerten Radikalen gibt. Ein Jahr später war Wisniewski in DIE HARD zu sehen, als einer der als Terroristen „getarnten“ Gangster, die ein Hochhaus besetzen, um an die Wertpapiere in dessen Tresor zu kommen.

Mit den Mudschaheddin kämpft 007 in diesem Film auch in Afghanistan gegen die Russen – doch damals wie heute gilt und wird gerne vergessen, dass die Mudschaheddin nicht mit den Taliban gleichzusetzen sind wie auch diese nicht mit al-Qaida.

Der Begriff des „Terroristen“ findet erst in den 1990ern Einzug in den Sprachschatz der Serie. Abermals 10 Jahre später, 1997, erscheint in TOMORROW NEVER DIES Henry Gupta (Ricky Jay), der den üblichen Wissenschaftler für den diabolischen Medienmogul Elliot Carver (Jonathan Price) abgibt – der erneut einen Krieg für mehr Auflagen und die TV-Rechte für den chinesischen Markt lostreten will. Gupta, ehemals in Berkeley studiert, gelte, so Geheimdienstchefin M (Judi Dench), als Erfinder des „High-Tech-Terrorismus“, darf in Pluderhosen herumlaufen und auf einem Waffenbasar in – abermals – Afghanistan entdeckt werden. Darüber hinaus liefert er nur ein Gerät, mit dem Carver die GPS-Satelliten manipulieren kann und spielt keine größere Handlanger-Rolle als die Laser- und Atomwissenschaftler der übrigen Filme. Einen deutschen blonden Hünen als rechte Hand des Schufts, Stamper (Götz Otto), hat auch dieser Film.

Im nächsten Abenteuer findet sich endlich ein Terrorist - und ausgerechnet dieser Schurke ist einer der tragischsten und damit ambivalentesten der gesamten Bond-Reihe: Renard, dargestellt von einem fahlen, schmalen, hohlwangingen und -äugigen Robert Carlyle. Der Plot hat Züge einer klassischen Tragödie und kennt in seinen drei Hauptfiguren nur „lebende Tote“:



Nach dem Anschlagstod eines Erdölmagnaten, soll Bond (Pierce Brosnan) dessen Tochter und Erbin Elektra King (Sophie Marceau) beschützen, die in Aserbaidschan eine Ölpipeline baut. Vor Jahren wurde sie von dem weltbummelnden Terroristen Renard entführt. Doch dessen Lösegeldforderung wurde nicht erfüllt; Elektra konnte entkommen, und jetzt wird vermutet, dass Renard erneut hinter seinem Opfer her ist, sich gar mit der Ölkonkurrenz zusammengetan hat.

Doch tatsächlich sind Elektra und Renard zusammen, in einem gegenseitigen Stockholm-Syndrom verfangen: Elektra liebt Renard, der dank eines vom britischen Geheimdienst-Projektil im Schädel keine (physischen) Schmerzen mehr spürt und dem Tod geweiht ist; Renard wiederum will die seelisch vereiste Elektra die Welt zu Füßen legen, ihr bei ihrer Rache an denen helfen, die sie ihm damals überlassen haben (ihr Vater und die Geheimdienstchefin M, Bonds Vorgesetze).

Zuletzt muss Bond – qua Profession ebenfalls und notgedrungen abgestumpft – Elektra erschießen und Renard stoppen, der mittels eines russischen Atom-U-Boots den Bosporus atomar verseuchen, um Elektra das Monopol für ihre Öltransportlinie zu sichern. Soviel Emotionen hat man einem Bondschurken zuvor nicht zugestanden: Mitleid bekommt man angesichts Renards Schmerzensschreies, wenn er von Elektras Tod erfährt, sich, U-Boot und Istanbul nun in die Luft jagen will, weil es sonst nichts mehr gibt, wozu es sich zu leben lohnt. Wenn Bond ihn schließlich tötet, tauschen sie gar noch so etwas wie freundliche, mitfühlende Blicke, ein kurzes Innenhalten, und in des traurigen Renards fischige Augen schleicht sich so etwas wie Erlösung.

Auch in THE WORLD IS NOT ENOUGH schert man sich wenig um eventuelle politische Hintergründe; wie üblich bei Bond wird Renard in den schnellen Backgroundinfos des Secret Service zu einer Art Söldner gemacht, indem man einige Krisenherde als sein Betätigungsfeld aufzählt.

Auch im nächsten Bond nutzt man den in der Serie den da plötzlich in aller Munde geführten Begriff „Terrorist“, in DIE ANOTHER DAY / STIRB AN EINEM ANDEREN TAG der 2002 in die Kinos kam. Rick Yune spielt hier Zao, den Handlanger des nordkoreanischen Oberst Moon (Will Yun Lee), der sich per „Gen-Therapie“ in einen englischen Self-Made-Millionär namens Gustav Graves verwandelt (Toby Stephens) und per Killersatellit den Überfall des koreanischen Nordens auf den Süden zu forcieren. Entfernt sind hier politische Ziele erkennbar, doch Zao als Assistent wie Moon/Graves erfüllen nur wieder die typischen Bond-Schurken-Rollen, die hier in die wohl absurdesten Höhen der gesamten Serie geführt werden.

Auch der Neustart und „Prequel“ der Serie mit Daniel Craig in der Hauptrolle – CASINO ROYALE (2006) – gibt sich härter und realistischer, scheut aber weiterhin in der Frage des Terrorismus. Immerhin: Ein afrikanischer Warlord (Terrorist?) (Isaach De Bankolé) vertraut dem humorlosen Rechengenie und Finanzjongleur Le Chiffre (Mads Mikkelsen) sein Geld an – woraufhin Le Chiffre als „Bankier der Terroristen“ gehandelt wird. Einen Sprengstoffexperten (ebenfalls als Terrorist bezeichnet) kann Bond in Madagaskar ausschalten, den zweiten in letzter Sekunde davon abhalten, ein neues Flugzeugmodell in Miami in die Luft zu jagen. Doch keine ideologischen oder religiösen Gründe stecken hinter dem Attentatsplan, sondern Le Chiffres Aktienleerverkäufe der Fluggesellschaft. Nun lädt Le Chiffre zum exklusiven Pokerspiel, um den Verlust wett zu machen, derweil ihm die Afrikaner bereits wegen ihres verspekulierten Geldes im Genick sitzen.



Auch in CASINO ROYALE spielen die Macher mit dem Schauder und der Gefahr des Terrorismus, ohne ihm sonderlich nahe zu kommen oder sich die Hände daran schmutzig zu machen. Originell ist jedoch auch hier die Schurkenfigur – gerade in diesem Kontext. In der neuen Unübersichtlichkeit ist Schurke Le Chiffre, ganz in Schwarz, selbst nur ein Dienstleister, der unter Druck gerät und in als Rädchen in einem schmutzigen internationalen Getriebe selbst wiederum von einer namenlosen Dienstleistungsgesellschaft – repräsentiert von einem mysteriösen Mr. White (Jesper Christensen) – „vermittelt“ wird. Schon einen Film später, in QUANTUM OF SOLACE / EIN QUANTUM TROST (2008) kehrt man wieder zurück zu dem Großschurken, der ganze Länder beherrschen will. CASINO ROYALE aber vermittelt auf seine Weise einen – ganz und gar „Un-James-Bond-haften“ Eindruck von der modernen komplexen Vernetzung von Gewalttätern, Kriminellen, Spekulanten, Geheimdienstlern und Geschäftemachern, die alle verbunden und doch in ihrer Spezialisierung und Rationalisierung ganz für sich arbeiten bzw. keine Scheu haben, Aufgaben auszulagern. Nach der weltpolitischen ist bei Bond hier auch die wirtschaftstheoretische Wende eingeläutet.

SCHLUSS
Man sieht, die James-Bond-Filme halten sich fern von den Terroristen oder gehen mit ihnen recht vorsichtig um. Darüber hinaus sind die 007-Streifen jedoch höchst spannend, wenn es um die Terror- bzw. Katastrophen-Maschinen geht, die zumeist zur Erpressung eingesetzt werden, die die Großanschlagsszenarien und sonstige Super-Terror-Plots des (Terrorismus-) Actionfilms massiv mitbegründeten und den 11. September 2001 quasi „vorwegnahmen“.

Auch Bond selbst, bei allem Smoking und schießenden Luxusauto, verkörpert in gewisser Weise ein terroristisches Grundprinzip, wie es besonders nach 9/11 paradigmatisch in der Vorstellung geworden ist.

„[…] [G]erade in Zeiten des ‚Krieges gegen den Terror‘ [kann man] die Figur James Bond als durchweg pikanten Helden verstehen, was seiner Art der ‚Kriegsführung‘ betrifft. Wenn das Metier der Schurken in den 007-Filmen die Technikplanung ist, ist Bonds jenes der -improvisation, und wo es auf die Auseinandersetzung zwischen Höllenmaschine und Taschenmesser hinausläuft, kann man letzteres leicht als Teppichmesser lesen, mit dem sich z.B. Passierflugzeuge kapern lassen. Bond als asymmetrischer Krieger, der sich in den Apparat des Feindes einschleicht, um ihn mit allerlei Täuschung, von innen her zu besiegen? Man kann James Bond bei all dem spielerischen Charakter seiner Abenteuer als mittlerweile unangenehm vertraute Version des David sehen, der gegen Goliath antritt“ (Zywietz 2007b, S. 171).




Literatur:

Bennett, Tony / Woollacott, Janet (1987): Bond and Beyond. The Political Career of a Popular Hero. London: Routledge

Cork, John / Scivally, Bruce (2002): James Bond. Die Legende von 007. Bern, München, Wien: Scherz

Tesche, Siegfried (2002): Das große James-Bond-Buch. Berlin: Henschel

Zywietz, Bernd (2007a): Faszinosum 007. Mythos, Souveränität und Nostalgie oder: Wie „James Bond“ funktioniert. In: Andreas Rauscher / Bernd Zywietz / Georg Mannsperger / Cord Krüger (Hrsg.): Mythos 007. Die James-Bond-Filme im Fokus der Popkultur. Mainz: Bender Verlag,S. 16–35

Zywietz, Bernd (2007b): „Schmutziges Gerät“. Zur Technik der Bond-Schurken. In: Andreas Rauscher / Bernd Zywietz / Georg Mannsperger / Cord Krüger (Hrsg.): Mythos 007. Die James-Bond-Filme im Fokus der Popkultur. Mainz: Bender Verlag, S. 160–180