17.02.2010

CARLOS EL TERRORISTA (1979)



Ein wahrlich merkwürdiges Kleinod bietet der mexikanische Film CARLOS EL TERRORISTA von 1979 – und sicherlich, so ist zu vermuten, ein gänzlich konträres Gegenstück zu dem, was Oliver Assayas zum legendären Profi- und Auftragsterroristen der 1970er und beginnenden 1980er Jahre vorlegen dürfte.

Regisseur René Cardona Jr., der sich vor allem mit B- und C-Unterhaltung im Abenteuer- und Horror-Fach wie LA NOCHE DE LOS MIL GATOS / DIE NACHT DER TAUSEND KATZEN (1972), ¡TINTORERA! (1977) oder EL TRIÁNGULO DIABÓLICO DE LAS BERMUDAS (1979) hervorgetan hat, macht hier ungeniert einen Terroristen zum Helden, der im Flughäfen oder im nahöstlichen Gassengewirr in die Menge schoss und diverse Autos samt Insassen in die Luft jagt – und der jetzt zwischen die Fronten geraten ist.

Mit breiter Brust, die er gern zum Besten gibt, spielt das muskulöse, nichtssagende „Sexsymbol“ Andrés García, in einer Garderobe, die selbst schon ein Zeitdokument der eigenen Art ist. Frau und Kind werden dem Helden geraubt, ein mysteriöses Ränkespiel zwischen CIA und der terroristischen Community spielt sich da ab, in Südamerika (gedreht u.a. in Rio de Janeiro), aber was genau geschieht, bleibt über die Nummernfolge so beiläufig wie egal – dies freilich im besten Sinne.



CARLOS EL TERRORISTA gemahnt nämlich in Sachen Reduktion, Maulfaulheit und Coolness der Helden an Filme wie BULLITT (1968) – auch Carlos darf im grünen Sportflitzer zwar nicht durch San Francisco, doch durch die lateinamerikanische Pampa eine unterspielte Hatz bieten und schließlich gar das Automobil den Berg hinunterstoßen und den Bus nehmen, um seine Verfolger abzuschütteln. Oder an John Boormans POINT BLANK (1967) mit Lee Marvin, ebenfalls als Loner, der sich von Station zu Station hangelt. Doch in seiner zehnjährigen Verspätung gerät CARLOS EL TERRORISTA noch konsequenter: Der Film verzichtet gänzlich auf Dialoge; lediglich einige erläuternd distanzierte Off-Kommentare erklären die (Welt-) Lage; zweimal bekommt man Carlos‘ Gedankenstimme zu hören.



So erfahren wir von dem Terrorismus-Krieg und seiner „Internationalen“ der 1970er gegen Israel; ineinandergeschachelt ist dies: vom Nahost- bis zum hinein in den Ost-West-Konflikt. Carlos ist hier Profi, will, soll überlaufen, wird auch Feind der ehemaligen Verbündeten. So muss er zunächst vor Mördern fliehen und sich gegen sie handfest zur Wehr setzen; alsdann einen ehemaligen Freund und Kampfgenossen davon abhalten, eine Weltfriedenskonferenz am nächsten Tag in die Luft zu jagen: Nachts huscht er hinterher ins bewachte Kongresshotel und entschärft in Badehose die Bomben, die der Ex-Kompagnon gerade erst in Ninja-ähnlicher Tracht versteckt hat. Um ihn schließlich – nächste „task“ –, in dessen Hotel beseitigen. Mit Wumms, natürlich. Anschließend soll er einen Scheich auf Staatsbesuch ausschalten, da dieser den Terrorismus finanziert. Er tut’s, mit präpariertem ferngesteuertem Flugzeugmodell und im Adidas-Dress.



Zuletzt verrät er noch, was er weiß und darf am südamerikanischen Strand wieder mit seiner Familie zusammenkommen. Doch kaum, dass seine Infos verifiziert sind, wird er, der Nutzlose, schon erschossen, vor den Augen seiner Familie, derweil vor den eigenen, inneren Augen (oder als moralische Montage fürs Publikum; der Genre-Schluss wird wieder zum Fanal der Soll-Welt jenseits der Leinwand), seine explosiven Schandtaten zu seinem Zeitlupen-Zusammenbrechen geschnitten werden. Ein sonderlicher Spoiler ist das Verraten dieses Ende nun nicht – eben jene Szene wurde als Trailer von CARLOS EL TERRORISTA verwendet; wohl das einzige Mal, dass man den Schluss und Tod des „Helden“ für die Promotion eines Filmes verpulvert.



Doch gerade als Terrorismusfilm ist Cardonas CARLOS EL TERRORISTA so bizarr wie bestechend, so aussagekräftig wie sprachlos: sowohl im Stil wie im historischen Verweisen.

Dreißig Jahre bevor Quentin Tarantinos INGLORIOUS BASTERDS (2009) für seine Frechheit gefeiert wird, Hitler antihistorisch sterben zu lassen – gerade so, als hätte Christopher Roths BAADER (2002), der ob dieser Unverfrorenheit gespaltener aufgenommen wurde (und: nein, hier wird jetzt nicht Hitler mit Andreas Baader verglichen oder gleichgesetzt!) – dreißig Jahre zuvor jedenfalls bedient sich CARLOS EL TERRORISTA einer berüchtigten Figur gänzlich schamlos und geht zugleich zu ihr und ihren politischen Implikationen auf Distanz. An einer Stelle wird tatsächlich im Voice-Over von einem „anderen“ Carlos geredet (dem „echten“), und man kann sich fragen, ob damit ein Sicherheitsabstand eingenommen werden soll: „Unser“ Carlos ist gar nicht der, der die OPEC-Konferenz 1975 stürmte, dem Beginn des „Mythos Carlos“ (Karsten Kammholz in der WELT-Besprechung von Magdalena Kopps Buch Die Terrorjahre. Mein Leben an der Seite von Carlos). Doch dafür ist der Titel zu reißerisch für seine Zeit; zu steif und starr Andrés Garcías Blick auf dem Passfoto, mit Koteletten zu nah am „Original“. Auch der „echte Carlos“, der 1949 in Caracas geborene Illich Ramirez Sanchez (und zu südamerikanische war eben die „mythische“ Virilität, die ihn zu Recht oder nicht, populär machte) hatte seine Frau (eben M. Kopp). Auch er wurde „Aussteiger“ oder zumindest Freischaffender.



CARLOS EL TERRORISTA reduziert und trivialisiert „seinen“ Carlos jedoch, dass es ein Fest ist, wobei er gar nicht verschweigt, dass und wie sein Terrorismus sein Business ist: Schmutzig, wüst, letztlich einsam und ohne klare Linie. Carlos ist hier der Gangster als amoralischer und zugleich gebrochener Held (wie eben Walker in POINT BLANK), darum muss er zuletzt auch sterben, zumindest hier. Denn die Welt, in der er lebt, ist eine so schmutzige und unübersichtliche wie banale. Es ist eine exotische-schillernde Abenteuerwelt der Geheimagenten, Scheichs und Terroristen, es ist die der 1970er. Ohne avancierte Technik, also mit Zufällen und Verfolgungsjagden (auch mal zu Fuß), mit Maskeraden und eben: dem einfachen taffen Mann, der wirkt und bewirkt. Darum lässt sich nicht nur CARLOS EL TERRORISTA Zeit um zu zeigen, wie der (noch nicht mal Anti-) Held verwundet flieht, alles mögliche anstellt, um nach dem Anschlag auf den Scheich nicht entdeckt zu werden, seine Schusswunde verarztet … – der Film hat diese Zeit und gerät darüber so intensiv wie wahrhaftig.



Noch gibt es zu jenem Zeitpunkt keine ikonischen Bilder (natürlich sind sie die, die es werden, in dem Moment schon gemacht!), solche, die nachinszeniert werden müssen. Aber es gibt diese so aufregende wie lakonische Parallelwelt hinter den Schlagzeilen sowie ein diffuses Gespür dafür. Eben diese liefert dieser schnodderige packende Film, der zwischen Costa-Gavras ÉTAT DE SIÈGE / DER UNSICHTBARE AUFSTAND (1972) und MISSING (1982) natürlich schon wusste, dass die CIA gerade in Südamerika keine strahlend weißen Helden abgaben – so man denn ohnehin aufs Kino jener Zeit dafür angewiesen war.

CARLOS EL TERRORISTA ist ein kleines kostbares Zeitdokument, gerade weil dieser Film sich in seiner Unbekümmertheit so wenig um das Historische und Politische schert und scheren muss. Er ist kein subversiver Undergroundfilm, sondern ein B-Movie mit gehörigem Stilwillen (wenn auch nicht immer -Können). Aber die Gelassenheit, die doch im Film selbst nicht (und nie!) ohne immanente Spannung zu haben ist – warum muss dann doch Sprache sein; ein Kontext kreiert werden? –; eine Spannung, die sich letztlich auch einschleicht, weil doch nicht einfach nur amoralische und entsprechend zeitlos archetypische (und spekulative) Zwielichtigkeit dargeboten wird: diese Spannung sagt mentalitätsgeschichtlich vielleicht mehr (und zumindest lokal authentischer etwas) zum Bild des internationalen Terrorismus aus, als aus der Gegenwart zurückprojizierte Reenactments und hyperreale Tableaus.


Bernd Zywietz

04.02.2010

DIE UNBEDINGTEN

Zeitlose Vergangenheit

Nicht direkt ein Film zum Thema Terrorismus, aber in diesem Kontext überaus spannend ist der mittellange Film DIE UNBEDINGTEN, der auf dem 31. Festival Max Ophüls Preis vorgestellt wurde.

In fünfzig Minuten erzählt Andreas Jaschkes Abschlussfilm der HFF mit einigem Ausstattungsaufwand die Geschichte zweier Burschenschaftler, im als Mitglieder des Geheimbundes „Die Unbedingten“ für ein nationaldeutsches Bewusstsein eintreten. Denn es ist das Jahr 1819, das Land zersplittert, die Napoleonischen Kriege vorbei und der Restauration entgegen weht das Lüftchen liberaler Bürgerfreiheit. Das mögen die diversen Obrigkeiten natürlich nicht, die um ihre Macht fürchten – weder in Jena, wo Jakob (Benjamin Kramme) und Karl (Christian Nähte) studieren und wegen ihrer Ansichten und deren Verbreitung Verfolgung fürchten müssen, noch im Großherzogtum Baden, wo in Mannheim der Erfolgsdichter August von Kotzebue gegen die Studenten und ihr Gedankengut polemisiert.



Während Karl darauf brennt, ein Exempel zu statuieren, hat Jakob andere Sorgen: Sein Vater, ein Brauereibesitzer, ist mit der mittellosen Braut seines Sohnes nicht einverstanden. Weil Freiheits- auch Gesellschaftskampf ist, schließt sich Jakob Karl an. Dem Kotzebue soll’s an den Kragen. Geheimpolizist Geyer (Oliver Broumis) kommt jedoch zu spät – die Burschen sind ausgeflogen. Unterwegs Richtung Mannheim kann sie Luise (Anne Karris), der der Anführer der „Unbedingten“ den Attentatsplan verraten hat (sie könne ja doch nichts mehr tun, so langsam oder aber große ist die Welt damals), mittels Post-, Pardon!, Thurn-und-Taxis-Kutsche noch einholen. Ihren Jakob verführt sie, schließt ihn ein und erklärt Karl, ihr Geliebter habe es sich anders überlegt. Also geht Karl allein los. Ihn in seinem Plan aufhalten schaffen die beiden schließlich doch nicht mehr. Geyer, der zur rechten Zeit am Ort ist, will dies wiederum nicht. Denn der Rest ist Geschichte: Am 23. März 1819 wird August von Kotzebue von dem Studenten Karl Ludwig Sand als „Verräter des Vaterlandes“ erstochen – mit ein Anlass für die Karlsbader Beschlüsse, mit denen Pressezensur und Verfolgung von nationalistischen „Demagogen“ im Deutschen Bund für viele Jahre die Freiheit unterdrücken.

Gedreht u.a. in Bamberg ist Jaschkes kleiner feiner Film bisweilen etwas vollgestopft mit Komparsen in zeitgenössischen Kostümen, die lesen, apfelkauen oder sonstwie den Historienfilm als solchen ausstellen. Aber das ist im Grunde nur Wuchern mit den reichen Pfründen, denn Jaschke „zaubert“ nicht nur Orte und Bauten des Vormärz‘ hervor, wie es für einen Abschlussfilm fast unerhört ist, sondern bietet ein starkes und spannendes Thema, das gelungen erzählt und besetzt, nicht nur etwas für den Geschichtsunterricht ist , sondern gerade heute aktuell ist – oder sein sollte.

Da ist die Figur des Emporkömmlings Geyer, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Er ist ein Geheimpolizist, der nicht von höherem Stand ist und nur von Nutzen, solange es die Staatsgefahr von Seiten der Studenten gibt. Weil er das weiß, lässt er Karl gewähren; mit gezückter Pistole wartet er ab, bis die Bluttat vollbracht ist, um als Held nun den Mörder Kotzebues Dingfest zu machen. Geyer ist eine fiktive Figur. „Ihrer“ Grundidee ist aber hintersinnig – Jaschke erklärte, allzu offen sei damals tatsächlich die Absicht, Kotzebue zu ermorden, bekannt gewesen. Und mit einem Schritt ist man schon beim 11. September 2001, genauer: seinen Verschwörungstheorien. Dass die Geheimdienst bestens Bescheid gewusst hätten, dass man nur einen Grund gebraucht hätte… usw. Fast gleichnishaft wirkt der kauernde Geyer mit seinem Blick auf Täter und Opfer, die Personifizierung, zum einen, der Staatsmacht, die die Schufte wohlwissentlich gewähren lässt, um sich selbst provoziert zu geben, um Rechtfertigung zu erhalten, ob für weitreichende Maßnahmen, für Karlsbader Beschlüsse oder Invasion am Golf.



Zum anderen ist Geyer der kleine Handlanger, der nicht wertgeschätzt wird, und der Macht erhält, dessen Ego gestreichelt wird, der es ihnen allen zeigen kann: wenn er einmal versagt, nur zuschaut. Das ist Tragik und Groteske des Geheimdienstgewerbes schlechthin, dass jeder vereitelte Terroranschlag und jede erfolgreiche Spionageabwehr unsichtbar und ungeschätzt bleibt. Die Motiv der Verführbarseins, des einmal (Nicht-) Hinschauens, ist dieser Logik immer eingeschrieben und die Paranoia, die diese provoziert ist eine geschichtlich universelle.

Eine weitere, spannende Verknüpfung bietet DIE UNBEDINGTEN über sich selbst hinaus. Attentäter Karl Sand wird dargestellt von Christian Näthe, der in DER BAADER MEINHOF KOMPLEX mitspielte, gerade und vor allem in der Szene, über deren Güte sich, was den Film betrifft, auch die meisten Kritiker einig sind. Mit bleichem Gesicht und kleinen Augen, kräftig und verletzlich zugleich nimmt er an der Seite von Jan-Josef Liefers er an der Schah-Demonstration in West-Berlin teil, erlebt die Prügel des „Jubelperser“ mit und das brutale Vorgehen der Polizei, als diese die Studenten auseinandertreibt und verfolgt, zu Pferde, mit Wasserwerfen. 1967 ist das; am Ende ist Benno Ohnesorg tot, die Konfrontation mit dem Staat hat sich, nicht nur symbolisch, zugespitzt. Ein Momentum der Radikalisierung; die terroristische Bewegung 2. Juni wird sich nach dem Datum benennen, Bomben zünden, Peter Lorenz entführen, den Staat erpressen, Menschen töten.



Ob bewusst oder nicht: Die zeitliche Verbindung zwischen DIE UNBEDINGTE und der BAADER MEINHOF KOMPLEX durch Nähte, der hier wie da einen deutschen Studenten spielt, einer gegen die Obrigkeit, das ist ein spannender künstlerischer Kurzschluss der Geschichte, der, wie der Film DIE UNBEDINGTEN überhaupt etwas ins Gedächtnis ruft, was schnell vergessen wird, falls überhaupt erinnert: dass die Staaten, die durch Terroristen und Verschwörer heute herausgefordert werden, selbst oftmals erst durch verfolgte Konspiration, durch Blut und Gesinnung entstanden sind. Mann muss gedanklich nicht in die USA reisen, die als abtrünnige Rebellen gegen die Briten kämpften, nicht mal nach Algerien oder nach Israel. Des einen sein Freiheitskämpfer ist allein schon deswegen nicht des anderen Terroristen, weil der erfolgreiche Terrorist – zumindest aus demselben Blickwinkel – erst im Nachhinein zum künftigen Freiheitskämpfer wird. Oder (zumindest als solcher) vergessen wird. Wer war denn Karl Sand und Kotzebue, und waren die Studenten damals, als Burschenschaften nicht eher rechts, im Gegensatz zu den Linken, die gegen die Nazis waren; wie kommt’s das beide Opposition waren, sein konnten?

Das hat nichts mit fehlendem Geschichtswissen zu tun, sondern vielmehr mit den Volten der Geschichte selbst, die Dinge bisweilen umzudrehen und auf den Kopf zu stellen pflegt, ohne sich darum zu scheren, was wir im wahrsten Sinne daraus machen.

Vielleicht das eindringlichste Bild in DIE UNBEDINGTEN zeigt den Geheimbund beim Treffen. Des Nachts haben sich die eifrigen Studenten und in ihrer Anführer im heiligen Ernst versammelt; heimlich, vorsichtig müssen sie sein, es droht der Kerker und schreckt sie doch nicht, diese Umstürzler und Aufrührer, die auch bereit sind, den Dolch gegen Menschen zu richten, im flackernden Kerzenschein – vor einer schwarz-rot-goldene Fahne.

Die Website von DIE UNBEDINGTEN finden Sie HIER

Der Film wird am Mittwoch, 28.04.2010 um 23:40 Uhr im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt.


Bernd Zywietz

15.01.2010

Risikokommunikation und Terrorismus – Peter Sandman zum Überblick

I.
Auf seiner Website präsentiert Peter Sandman (teils zusammen mit seiner Frau und Koautorin Jody Lanard), einer der Grandseigneurs der Risikokommunikation, neben Einführungstexten umfangreiche und erhellende Artikel und Beiträge zu diversen Themen – darunter auch die Bedrohung durch Terrorismus.

Sandman, der in den 1960ern in Priceton studierte, fand zu dem Thema Risikokommunikation wie das Thema Risikokommunikation selbst in die Welt: Über Umweltengagement und das Bewusstwerden von Technikgroßrisiken sowie durch die die öffentliche Wahrnehmung schärfende Ereignisse wie das Reaktorversagen auf Three Mile Island bei Harrisburg 1979, zu dem Sandman zusammen mit Mary Paden einen Artikel für die Columbia Journalism Review verfasste (auch dieser Artikel ist auf seiner Website abrufbar).

Sandman hat sich als Forscher, später als Berater in Kommissionen und für diverse Verwaltungen mit Industrie-Risiken wie auch mit Gesundheitsfragen beschäftigt wie die effektivste Kommunikation angesichts möglicher Epidemien. „Kommunikation“ heißt hierbei vor allem das Ansprechen und Informieren – und damit Lenken – von allgemeiner Öffentlichkeit und Stakeholdern:

„[…] figuring out how to alert people to serious risks; figuring out how to reassure people about not-so-serious risks; and assessing media coverage of both sorts of risks (and of controversies over which sort a particular risk actually was)“ (in: Muddling My Way into Risk Communication … and Beyond).

Während sich die allgemeine (versicherungstechnische) Formel für Risikoberechnung aus der Multiplikation von möglichem Schadensausmaß und Schadenseintrittswahrscheinlichkeit ergibt, hat Sandman hinsichtlich seiner Aufgabe eine eigene Formel gefunden: Risiko = Hazard + Outrage. Die Schwere von Risiken „berechnen“ sich damit in der Kommunikation aus der Gefährdung und der Aufregung über dieses Risiko (bzw. seine Akzeptanz).

Letztlich hebt Sandman damit nicht auf die reale Risikoberechnung ab, sondern auf die Wahrnehmung, wobei er an bekannte Befunde wie z.B. von Amos Tversky, Daniel Kahnemann und Paul Slovic anschließt, die aufzeigen, dass die technisch-statistische Risikobewertung für die individuelle psychologische weitgehend egal ist. Menschen schätzen Risiken u.a. danach ein, ob sie selbst diese kontrollieren können, wie neu diese Risiken sind und ob sie gerecht verteilt sind (d.h. ob der, der den Nutzen hat, auch im Ernstfall den Schaden trägt oder nicht).

Wie sich die Öffentlichkeit über ein Risiko erregt, sagt nichts über seine tatsächliche Schadenswahrscheinlichkeit aus. Daraus leitet Sandman vier Aufgabenfelder ab:
Ist die Gefährdung hoch und die Erregung (zu) gering, gilt es, Letztere zu steigern und die Menschen zu alarmieren („precaution advocacy“). Bei geringer Gefährdung und hoher Erregung ist es die Aufgabe des „outrage managements“, die Bevölkerung zur beruhigen.
Krisenkommunikation („crisis communication“) bei hoher Gefährdung (im Grunde auch: wenn der Schadensfall bereits eingetreten ist) und hohem Erregungsgrad soll Letztere dirigieren und den Menschen helfen, bestmöglich mit der Situation umzugehen.
Der glückliche Fall schließlich, wenn Erregung und Gefahr ausgewogen sind und ein richtiges Mittelmaß aufweisen, bezeichnet Sandman als „sweet spot“; ein Dialog mit interessierten Stakeholdern über die Gefahr ist zu halten und auf ihre Bedenken einzugehen.


II.
Terrorismus wie er nach dem 11. September 2001 nicht nur für Peter Sandman zum Thema wurde, betrachtet er als Fall der Krisenkommunikation: Die hohe Gefährdung und Aufregung liegt dabei nicht mal so sehr in der Befürchtung und Wahrscheinlichkeit eines neuen unmittelbaren Anschlags begründet (trotz der Möglichkeit von Nachahmungstaten), auch nicht in der Gefahr einer Apathie- oder Panikwelle (letzteres war auch angesichts der einstürzenden Twin Towers nicht zu beobachten), sondern vielmehr in der veränderten Wahrnehmung begründet. Es ist weder die Furcht, sondern eher Trauer (misery), die Sandman als zu managend begreift: Menschen möchten sich nicht – z.B. mit dem Flugzeug – weit von zu Hause entfernen weil sie Angst vor einer neuen Attacke haben, sondern weil sie in der Nähe ihrer Angehörigen und Freunde sein sollen, wenn wieder etwas geschieht; sie sorgen sich darum, ihren Kindern erneut schreckliche Geschehen erklären zu müssen oder Zeuge von Katastrophenbildern im Fernsehen zu werden.

Die Anschläge des 11. September weisen dabei eine besonders hohe „Outrage“-Wertigkeit auf: Sie waren katastrophal, d.h. hatten eine extrem hohe Anzahl von Opfern zur Folge; sie waren im höchsten Grade amoralisch und zuvor unbekannt bzw. unerwartet; sie erschienen unkontrollierbar, verstörend und verunsichernd und riefen ein Gefühl der Verwundbarkeit hervor.

Gegen eine psychische Taubheit empfiehlt Sandman verschiedene Strategien bzw. „richtige“ Gefühlsstimulationen, die letztlich auch die teils irrational anmutenden Reaktionen der Bush-Regierung erklären oder zumindest in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Die Mobilisierung gegen einen Feind stimuliert Ärger; Liebe oder Patriotismus bietet etwas, um das es sich zu kümmern (oder auch: für das es sich zu kämpfen) lohnt. Einen Grund, an eine mögliche Verbesserung der Lage zu glauben, bedeutet Hoffnung. Schließlich gilt es, den Menschen etwas zu tun zu geben, die Möglichkeit zum Handeln – auch scheinbar sinnlose Schutzmaßnahmen sind dabei psychologisch wertvoll, wenn nicht gar praktisch vernünftiger, als sie auf den ersten Blick scheinen: Medizin oder Lebensmittelkonserven zu bunkern, wirkt vielleicht im Moment übertrieben und nutzlos, gibt aber das Gefühl, für sich und seine Familie zu sorgen und kann eine tatsächliche Massennachfrage im Notfall verhindern helfen.

Auch Furcht an sich begreift Sandman (in Fear of Fear: The Role of Fear in Prepardness … and Why It Terrifies Officials) nicht per se als schlecht, solange sie in einem vernünftigen, gar nützlichen Rahmen bleibt, d.h. Menschen sie ertragen. Dementsprechend gilt es auch hier, Angst eher in angemessenen Ärger umzuformen, Menschen etwas zu tun zu geben und damit die Furcht zu binden oder klare Führerschaft zu bieten – aber auch, als Führungsperson selbst Furcht öffentlich nicht zu überspielen. Nicht zuletzt, weil Menschen sich dann in ihrer Furcht alleingelassen fühlen.

Weshalb Furcht, ein evolutionsbiologisch nützlicher Mechanismus, so einen schlechten Ruf unter Offiziellen hat, begründet Sandman u.a. mit deren Glauben, dass Furcht zu Panik oder Apathie und zu ökonomischen Schäden führt sowie der verbreiteten Meinung, dass sie anfällig für Demagogie mache (was ein Grund mehr sei, sie aufzugreifen). Vorteile einer nützlichen Furcht sind jedoch u.a. eine höhere Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft.

Sandman bietet diverse weitere Gedanken und Ideen mal mehr, mal weniger speziell zum Terrorismus-Risiko. Ein Konzept ist das der „Wippe“ („seesaw“) im Falle von Unentschiedenheit auf Seiten der Öffentlichkeit: Es steht metaphorisch für den Umstand, dass sich das unentschlossene Publikum bevorzugt auf die „Gegenseite“ der Argumentation konzentriert, so wenn es um die Schuldzuweisung oder das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Risiken geht: Betont ein Politiker oder Unternehmer seine eigene Verantwortung, besinnt sich das Publikum auf ihn entlastende Faktoren – und umgekehrt. Werden die Chancen des Risikos herausgestellt, lenken die Adressaten ihren Blick auf das hohe potentielle Schadensausmaß – und vice versa. Entsprechend klug erscheint es also von US-Präsident Obama, für die „Geheimdienstpanne“ um Umar Farouk Abdulmutallab, der den Anschlag auf eine Passagiermaschine Richtung Detroit plante, die Verantwortung zu übernehmen: Die ambivalenten Landsleute werden eher bereit sein, ihm zu verzeihen.

III.
Sandmans lustvolle Texte sind nicht sprachlich einfach und klar gehalten, sondern praxisnah. Freilich bekommt man zwangsläufig – wie bei aller PR- und Kommunikationsratgeberei – ein leicht mulmiges Gefühl, da Begriffe wie „Propaganda“ und „Manipulation“ stets griffbereit liegen. Doch bei Sandman gibt es keine schlaue Führung, der mit der breiten dummen Masse geholfen wird, sondern Heuristiken, Verarbeitungs- und Bewertungsprozesse, die mal intuitiv klar erscheinen, mal nicht sofort eingängig sind, und die gerade auf offizieller Seite – die ihr „Publikum“ nicht versteht oder für dümmer hält, als es in und als Masse zumeist ist – zu berücksichtigen ist.

Sandmanns Erkenntnisse sind vielfach andockbar an Konzepte wie der Third-Person-Effekt, der beschreibt, dass Menschen die Wirkung von Massenmedien und ihrer Botschaften auf andere über- und auf sich selbst unterschätzen.

Ein anderer Ansatz ergänzt Sandman sehr gut, gerade wenn es um Terrorismus geht: die Terror Management Theory, wie sie Miller und Landau (2008) vorstellen. TMT erklärt – untermauert mit diversen empirischen Versuchen –, dass und wie einschneidende katastrophale Ereignisse wie der 11. September u.a. Stereotypisierung und Feindseligkeit gegen Fremde sowie gruppeninterne Solidarität und Patriotismus befördern: Das Selbstvertrauen (darauf kommt auch Sandman zu sprechen) wie die kulturelle Weltsicht werden erschüttert – zwei Schutzmechanismen gegen das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Heroisierung und ein Verschanzen lässt sich so erklären wie auch Misstrauen gegen „Andere“, die – z.B. allein über ihre Herkunft bzw. Hautfarbe – quasi „nicht dazu gehören“, die Überlegenheit und (kulturelle) Sicherheit des eigenen Sozial-Egos herauszufordern scheinen.

Theoretisch wird so Sandmans Sorge um rassistische Hassverbrechen unterfüttert, wobei auch Sandman die Problematik darin sieht, eine gerechtfertigte Wut auf Terroristen und ihre radikalisierenden Ideologen zu befürworten, ohne jedoch Ressentiments gegen alle Vertreter derselben ethischen Gruppe zu schüren (wir reden hier stets vom Neuen (islamistischen) Terrorismus, den 9/11 zum aktuellen Paradigma gemacht hat).

Sandmans Tipps, z.B. Menschen etwas zu tun zu geben, um sie am Kampf gegen Terrorismus zumindest indirekt, als Schutz ihrer selbst, teilhaben zu lassen, erscheint auch in dieser Hinsicht sinnvoll. Denn, salopp gesagt: Wer wütend und verwirrt ist, sollte lieber zum Abdichten der Fenster aufgerufen werden (also: ein Handlungsangebot erhalten), als dass ihm in seiner Rastlosigkeit der Pakistaner von nebenan zum Opfer fällt.

Auch wenn Miller und Landau (2008) gute Gründe liefern, weshalb es schwierig sein dürfte: Ziel kann und sollte es sein, solche „Andere“ als Teil der eigenen attackierten Gruppe zu präsentieren. Eventuell ließe sich auch hier Sandmans „Seesaw“-Argumentationslogik anwenden. Dies natürlich nicht auf offizieller „heimischer“ Seiten: Nachgerade irrwitzig wäre es, würden Politiker allen Muslimen und Arabern im Land öffentlich Mitschuld für einen islamistisch begründeten Terroranschlag zu geben, in der Hoffnung, eine gegenteilige Wahrnehmung bei den ambivalenten Bürgern zu provozieren (derweil diejenigen, die ohnehin schon Ressentiments hegen, sich darin noch bestärkt und gegebenenfalls zum entsprechenden Gewalthandeln aufgerufen fühlen könnten).

Doch auf Seiten von Repräsentanten der „verdächtigen“ Gemeinden und Gemeinschaften wäre eine solche öffentliche Übernahme von Mitverantwortung, ob diese nun gegeben ist oder nicht, vielleicht taktisch klug: Aufgebrachte könnten beruhigt, Wankelmütige solidarisiert werden. Dies ist nur ein Gedanke. Aber ein solches Vorgehen (bzw. Kommunizieren) scheint sinnvoller als das Erfüllen der allenthalben geäußerten Forderung, man möge sich doch gefälligst vom Terrorismus „aus den eigenen Reihen“ distanzieren.

Peter Sandmans Texte bieten jedenfalls Stoff, der über die Grenzen der engeren Risikokommunikation hinaus wertvoll ist – oder aber zeigen, dass Risikokommunikation weiter reicht und mehr umfasst als man im ersten Moment denken mag.


Bernd Zywietz


Quellen:

Peter Sandmans Texte wie hier bespochen gibt es auf seiner Website: http://www.psandman.com


Zum Third-Person-Effekt u.a.:

Brosius, Hans-Bernd / Engel, Dirk (1997): „Die Medien beeinflussen die anderen, aber mich doch nicht“: Zu den Ursachen des Third-Person-Effekts. In: Publizistik, 42. Jahrgang, Nr. 3, S. 325-345.


Zur Terror Management Theory:

Miller, Claude H. / Landau, Mark J. (2008): Communication and the Causes and Costs of Terrorism. A Terror Management Theory Perspective. In: H. Dan O’Hair et. al. (Hg.): Terrorism. Communication and Rhetorical Perspectives. Cresskill, NJ: Hampton Press, S. 93 – 128.